Leitartikel

Präventive Vergebung

TOPSHOT - Displaced Palestinians search for items in the rubble and debris after an Israeli strike ...
29. August 2025

Von Andrea Tornielli

»Wahre Vergebung wartet nicht auf Reue, sondern bietet sich zuerst an, als Geschenk ohne Gegenleistung, noch bevor sie angenommen wird.« Mit diesen Worten hat Leo XIV. den Abschnitt aus dem Johannesevangelium kommentiert, in dem beschrieben wird, wie Jesus auch Judas, dem Verräter, das Brot reicht. Das ist die göttliche Logik, die so weit entfernt ist von der menschlichen Logik des do ut des. Der Papst erläuterte, dass Jesus das Geschehene nicht ignoriere. Weil er es in aller Klarheit sehe, wisse er vielmehr, dass »die Freiheit des anderen, auch wenn er sich im Bösen verstrickt, vom Licht einer sanften Geste erreicht werden kann«.

Ohne Bedingungen

Das ist der Skandal der »präventiven« Vergebung, die »vorwegnimmt« durch die angebotene Umarmung der Barmherzigkeit, ohne Bedingungen zu stellen. Genauso wie es bei Zachäus, dem Zöllner, der Fall war, der bereute, weil er von Jesus gerufen und angenommen wurde, von Jesus, der sich – zum Entsetzen aller angesichts dieses offensichtlichen Bruchs der Traditionen und Konventionen – selbst in sein Haus eingeladen hatte.

Wie sehr brauchen unser Leben und unsere Beziehungen diese Vergebung. Wie sehr braucht unsere Welt diese Vergebung, die weder Vergessen noch Schwäche ist.

Kein Friede ohne Vergebung

Dazu kommen einem die prophetischen Worte der Botschaft zum Weltfriedenstag des Jahres 2002 in den Sinn. Johannes Paul II. veröffentlichte sie kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September in den Vereinigten Staaten. Und während aufgrund der Schwere des erlittenen Angriffs alle an einen »Präventivkrieg« dachten, stellte der Papst seine Botschaft unter das Thema: »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung.« Er schrieb: »Oftmals habe ich innegehalten, um über die Frage nachzudenken: Welcher Weg führt zur vollen Wiederherstellung der so grausam verletzten sittlichen und sozialen Ordnung? Durch Nachdenken und in der persönlichen Beschäftigung mit der biblischen Offenbarung bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass sich die zerbrochene Ordnung nicht voll wiederherstellen lässt, außer indem man Gerechtigkeit und Vergebung miteinander verbindet. Die Stützpfeiler des wahren Friedens sind die Gerechtigkeit und jene besondere Form der Liebe, wie sie die Vergebung darstellt.«

Verurteilung überwinden

Nicht nur die Einzelnen, sondern auch »die Familien, die Gruppen, die Staaten, die Völkergemeinschaft selbst müssen sich der Vergebung öffnen, um unterbrochene Verbindungen wieder aufzunehmen, um Situationen einer fruchtlosen gegenseitigen Verurteilung zu überwinden, um über die Versuchung zu siegen, die anderen auszuschließen, indem man ihnen die Berufungsmöglichkeit verwehrt. Die Fähigkeit zur Vergebung liegt jedem Plan für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft in der Zukunft zugrunde.«

»Versäumte Vergebung« dagegen, so erläuterte Johannes Paul II., »besonders wenn dadurch die Fortdauer von Konflikten geschürt wird, [kommt] der Entwicklung der Völker sehr teuer zu stehen. Die Ressourcen werden verwendet, um den Rüstungswettlauf, die Kriegskosten und die Folgen wirtschaftlicher Repressalien zu tragen. Damit fehlen die notwendigen Geldmittel, um Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit voranzubringen. Unter wie vielen Schmerzen leidet die Menschheit, weil sie sich nicht zu versöhnen weiß, wie oft wird sie zurückgeworfen, weil sie nicht zu vergeben weiß! Der Friede ist die Voraussetzung für die Entwicklung, aber ein wirklicher Friede wird nur durch die Vergebung ermöglicht.«

Gerechtigkeit für geplagte Welt

Papst Leo XIV. hat am Schluss der Audienz erklärt, dass es »ohne Vergebung niemals Frieden geben wird«. Und er hat uns zu einem Tag des Gebets und Fastens für den Frieden am 22. August eingeladen, um die Fürsprache Mariens, der Königin des Friedens, zu erflehen, und Gott um Gerechtigkeit und Frieden für die von Kriegen geplagte Welt zu bitten. Für unsere Welt, die »präventive« Vergebung so nötig hat.