
Zum 46. Mal fand vom 22. bis 27. August in der Adria-Stadt Rimini das »Meeting für die Freundschaft unter den Völkern« statt, veranstaltet von der Gemeinschaft »Comunione e Liberazione«. Papst Leo XIV. sandte die folgende, von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin unterzeichnete Botschaft, an den Bischof der Diözese Rimini, Nicolò Anselmi.
Hochwürdigster Herr Bischof,
das Thema des 46. Meetings für die Freundschaft unter den Völkern, das in den kommenden Tagen in Rimini stattfinden wird, ist eine Aufforderung zur Hoffnung: »Auf den wüsten und leeren Plätzen wollen wir mit neuen Steinen bauen.« Der Heilige Vater Leo XIV. möchte den Organisatoren und freiwilligen Helfern sowie allen Teilnehmern seinen Gruß übermitteln, verbunden mit dem Wunsch, dass sie voller Freude erkennen mögen, dass »der Stein, den die Bauleute verworfen haben«, zum »auserwählten, kostbaren Eckstein geworden ist« und dass, »wer an ihn glaubt, nicht zugrunde geht« (vgl. 1 Petr 2,6). Denn »die Hoffnung lässt nicht zugrunde gehen« (Röm 5,5).
Wüsten sind in der Regel abgelegene Orte, die für das Leben ungeeignet zu sein scheinen. Und doch: Die Heilige Schrift erzählt immer wieder vom »Vorübergehen Gottes« gerade dort, wo scheinbar nichts entstehen kann. Vor allem hat sein Volk in der Wüste seinen Ursprung. Und nur auf dem Weg durch ihre Schroffheit reift die Entscheidung zur Freiheit heran.
Der biblische Gott – der das Leid seiner Kinder sieht, hört und kennt und der herabsteigt, um sie zu befreien (vgl. Ex 3,7-8) – verwandelt die Wüste in einen Ort der Liebe und der Entscheidungen. Er lässt sie aufblühen wie einen Garten der Hoffnung. Die Propheten sprechen über sie als Ort einer Verlobung, an den man jedes Mal, zurückkehren soll, wenn das Herz lau wird, um von Gottes Treue ausgehend neu anzufangen (vgl. Hos 2,16). Nonnen und Mönche bewohnen seit Jahrtausenden die Wüste im Namen von uns allen, stellvertretend für die gesamte Menschheit im Angesicht des Herrn der Stille und des Lebens.
Der Heilige Vater hat es begrüßt, dass eine der Hauptausstellungen des Meetings in diesem Jahr dem Zeugnis der Märtyrer von Algerien gewidmet ist. In ihnen erstrahlt die Berufung der Kirche, die Wüste zu bewohnen, und zwar in tiefer Gemeinschaft mit der ganzen Menschheit, um die Mauern des Misstrauens zu überwinden, die die Religionen und Kulturen in Gegensatz zueinander bringen, und im ganzheitlichen Nachvollzug der Bewegung der Fleischwerdung und der Hingabe des Sohnes Gottes. Dieser Weg der Anwesenheit und der Einfachheit, des gegenseitigen Kennenlernens und des »Dialogs des Lebens« ist der wahre Weg der Mission. Keine Selbstdarstellung in der Entgegensetzung der Identitäten, sondern bis zum Martyrium gehende Selbsthingabe desjenigen, der Tag und Nacht voller Freude und inmitten von Drangsalen allein Jesus als den Herrn anbetet.
Wie es Brauch ist, wird es nicht an Gesprächen unter Katholiken unterschiedlicher Sensibilitäten und am Dialog mit Gläubigen anderer Konfessionen und mit Nicht-Glaubenden fehlen. Das sind wichtige Übungen für das Zuhören, die die »neuen Steine« vorbereiten, mit denen jene Zukunft aufgebaut werden kann, die Gott bereits für alle bereithält, die sich aber nur entfaltet, wenn wir einander annehmen. Wir können es uns nicht mehr erlauben, uns dem Reich Gottes zu widersetzen, das ein Reich des Friedens ist. Und wo es den Verantwortlichen staatlicher und internationaler Institutionen nicht zu gelingen scheint, dafür zu sorgen, dass sich das Recht, Vermittlung und Dialog durchsetzen, müssen die Religionen und die Zivilgesellschaft Mut zum Prophetischen haben. Das bedeutet, sich in die Wüste drängen zu lassen und schon jetzt zu sehen, was aus den Trümmern und aus allzu viel Schmerz neu entstehen kann.
Papst Leo XIV. hat die italienischen Bischöfe aufgefordert, »Wege der Erziehung zur Gewaltlosigkeit zu unterstützen sowie Initiativen zur Vermittlung in lokalen Konflikten, Projekte zur Aufnahme, die die Angst vor dem anderen in eine Chance zur Begegnung verwandeln«. Und er bittet uns weiter: »Jede Gemeinde soll ein ›Haus des Friedens‹ werden, wo man lernt, Feindseligkeit durch den Dialog zu entschärfen; wo Gerechtigkeit praktiziert wird und Vergebung gelebt wird. Frieden ist keine spirituelle Utopie. Frieden ist ein demütiger Weg aus alltäglichen Gesten, der Geduld und Mut, Zuhören und Handeln verknüpft. Und der heute mehr denn je unsere wachsame und schöpferische Präsenz erfordert« (Ansprache an die Bischöfe der Italienischen Bischofskonferenz, 17. Juni 2025).
Der Heilige Vater ermutigt also dazu, dem Neuen einen Namen und eine Form zu geben, damit Glaube, Hoffnung und Liebe umgesetzt werden in eine umfassende kulturelle Umkehr. Der geliebte Papst Franziskus hat uns gelehrt: »Für die Kirche ist die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage« (Evangelii gaudium, 198). Denn Gott hat die Demütigen, die Kleinen, die Machtlosen erwählt und aus dem Schoß der Jungfrau Maria ist er einer von ihnen geworden, um in unserer Geschichte seine Geschichte zu schreiben. Echter Realismus ist dann gegeben, wenn er den einschließt, der »einen anderen Blickwinkel [hat], Aspekte der Realität sieht, die man von den Machtzentren aus, in denen die maßgeblichen Entscheidungen getroffen werden, nicht erkennen kann« (Fratelli tutti, 215). Ohne die Opfer der Geschichte, ohne die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, ohne die Friedensstifter, ohne Witwen und Waisen, ohne junge und alte Menschen, ohne Migranten und Flüchtlinge, ohne den Schrei der ganzen Schöpfung werden wir keine neuen Steine finden. Wir würden weiterhin dem wahnhaften Traum Babels nachjagen, indem wir uns vormachen, dass die einzige menschliche Weise auf der Erde zu wohnen darin besteht, den Himmel zu berühren und sich einen Namen zu machen (vgl. Gen 11,1-9). Die Stimmen der anderen abzulehnen und sich nicht um gegenseitiges Verständnis zu bemühen sind in Wirklichkeit von vornherein Erfahrungen des Scheiterns und der Entmenschlichung. Ihnen muss die Geduld der Begegnung mit einem immer andersartigen Geheimnis entgegengesetzt werden, für das die Unterschiedlichkeit eines jeden ein Zeichen ist.
Die entwaffnete und entwaffnende Präsenz von Christen in der zeitgenössischen Gesellschaft muss das Evangelium vom Reich Got-tes mit Kompetenz und Phantasie in Alternativen zu einem Wachstum ohne Gleichheit und Nachhaltigkeit umsetzen. Um dem lebendigen Gott zu dienen, muss die Vergötzung des Profits aufgegeben werden, welche die Gerechtigkeit, die Freiheit der Begegnung und des Austauschs, die Teilhabe aller am Gemeinwohl und schließlich den Frieden stark beeinträchtigt hat. Ein Glaube, der sich von der Verödung der Welt abkoppeln oder der indirekt zu deren Duldung beitragen würde, wäre keine Nachfolge Jesu Christi mehr. Die derzeitige digitale Revolution birgt die Gefahr, Diskriminierungen und Konflikte anzuheizen: daher muss sie mit der Kreativität dessen bewohnt werden, der – gegenüber dem Heiligen Geist fügsam – nicht mehr Sklave ist, sondern Sohn. Dann wird die Wüste zu einem Garten und die von den Heiligen eingeläutete »Stadt Gottes« wird unsere Einöden verwandeln.
Papst Leo XIV. bittet um die Fürsprache der Jungfrau Maria, des Morgensterns, damit sie den Einsatz eines jeden in Gemeinschaft mit den Hirten und den kirchlichen Gemeinschaften, zu denen er gehört, stützen möge: »Im Zusammenwirken mit allen anderen Gliedern des Leibes Christi werden wir dann in harmonischem Einklang handeln. Die Herausforderungen, vor denen die Menschheit steht, werden weniger beängstigend sein, die Zukunft wird weniger düster sein, die Unterscheidung wird weniger schwierig sein: wenn wir gemeinsam dem Heiligen Geist gehorchen!« (Predigt in der Pfingstvigil mit den Bewegungen, Vereinigungen und neuen Gemeinschaften, 7. Juni 2025).
(Orig. ital. in O.R. 21.8.2025)