Der andere Krieg

29. August 2025

Journalisten dürfen nicht nach Gaza (und die schon dort sind, werden getötet). Aber einige Influencer schon. So setzt sich die Propaganda gegen die Wahrheit durch.

Von Andrea Monda

Die Nachricht beunruhigt: Nach Gaza sind endlich neben Soldaten, Panzern, Bomben und Drohnen auch andere Menschen hineingelangt, um den Kriegsschauplatz aus nächste Nähe, von innen zu beobachten. Doch es sind keine Journalisten, trotz der seit Monaten von ihnen vergeblich vorgebrachten Forderungen. Nicht Berichterstatter durften über die Grenzen, sondern Influencer. Um genau zu sein: einige israelische und amerikanische Influencer. Mit schmerzlicher Bitterkeit lässt sich sagen, dass in Gaza den Journalisten nichts anderes bleibt als der Tod: Mehr als 200 haben seit dem 7. Oktober 2023 ihr Leben verloren.

Die Sorge kommt folglich ganz von selbst und wirft Fragen auf. Denn Journalisten und Influencer sind zwei ganz unterschiedliche Kategorien, auch wenn beide im Feld der Kommunikation tätig sind: Während Journalisten ihrer Arbeit im Zeichen objektiver Recherche und der Unparteilichkeit nachgehen sollten, wird diese Bedingung an Influencer nicht gestellt. Sie sind immer »engagiert«, in gewisser Weise »eingespannt« in eine Sache, selbst wenn sie ehrenwert ist, auch wenn es sich um Selbstvermarktung handelt. Influencer sind parteiisch, sie sind Propagandisten.

Was bedeutet also diese Entscheidung? Gelten Influencer heute als wichtiger, mächtiger und eben »einflussreicher« als Journalisten? Daraus wächst eine weitere legitime Frage: Wer beeinflusst die Influencer? Anders gefragt: Wer beauftragt sie oder spannt sie ein? Und schließlich: Gilt das Verbot, die Sperrzone für die freie Presse, nicht aber für die Propaganda?

Die Propaganda ist bekanntlich die negative Protagonistin des Krieges. In gewisser Weise ist sie sogar seine Ursache, der auslösende Faktor: Krieg ist die Fortsetzung der Propaganda mit anderen Mitteln. Denn die Propaganda trägt das Virus des Krieges, der Gewalt, bereits in sich. Gerade wegen ihrer in Stein gemeißelten Klarheit. Propaganda liebt keine Zwischentöne, sondern nur Schwarz oder Weiß. Indem sie der binären Logik folgt, umgeht Propaganda die Komplexität und bietet mit vollen Händen die Vereinfachung an. Heute zeigt sich diese alte Weisheit noch deutlicher und beunruhigender: Es gibt nicht nur den Krieg mit Waffen und Armeen, sondern noch zuvor den Krieg der Kommunikation und innerhalb der Kommunikation. Wenn in der physischen Welt die Gewalt unter den Menschen tobt – in größerem und geringerem Ausmaß, nicht nur in Gaza sondern auf allen Kontinenten –, herrscht in der Welt der Kommunikation – aber auch diese ist physisch – eine andere Gewalt: aus Worten, die als Waffen eingesetzt werden von der einen gegen die andere Seite, oder besser gesagt »Fraktion«.

Denn, das lässt sich täglich beobachten. Die Welt, die reale und virtuelle, ist zu einem einzigen großen Stadion geworden, in dem es keine Haupttribünen mehr gibt. Sie wurden ersetzt durch riesige, überwältigende, allgegenwärtige und erdrückende Fankurven. Die unlogische Logik der Fanlager, mit ihrem überhitzten Temperament, hat schließlich alles überlagert, was Vermittlung, Moderation, Sinn für Komplexität und Maß war. Es sind Zeiten der Polarisierung und der Vereinfachung, die immer grob, brutal und wild ist. Dabei sieht man doch nur von den Haupttribünen das Spiel wirklich gut, hier kann man versuchen, es in all seinen Facetten zu verstehen. Aber eben diese Tribünen sind heute versperrt und nicht zugänglich. Es bleiben nur die Kurven, sehr gefährliche Kurven. Gefährlich vor allem für die kostbarste und zerbrechlichste Realität, die im Leben der Menschen auf dem Spiel steht: die Wahrheit.