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Sie sind unschuldig!

 Sie sind unschuldig!  TED-026
30. Juni 2023

Sie brachten sie ins Gefängnis. An jenem drückend heißen Vormittag wurden die Wichí, eine indigene Gemeinschaft aus dem Norden Argentiniens, aus ihren Gebieten verschleppt und ins Gefängnis geworfen. Man schrieb das Jahr 1976. Die Militärdiktatur hatte beschlossen, sie zu verhaften, weil sie über keine Ausweispapiere verfügten. Bis zu jenem Augenblick hatten sie dort gelebt, ohne Dokumente zu benötigen: innerhalb ihrer Kultur hatten sie einen Eigennamen und alle kannten sich untereinander. Bis zu jenem Augenblick hatte das noch nicht einmal die Stadtverwaltung verlangt.

Noch am selben Tag präsentierte sich
Sr. Magdalena Sofia auf dem Kommissariat, ohne vorgeladen worden zu sein. Sie schaute dem verantwortlichen Polizisten fest in die Augen und sagte zu ihm: Diese Menschen sind unschuldig!«, und fügte dann noch hinzu: »Ihr habt euch nie, niemals um sie gekümmert! Bitte! Ich bin dabei, mich um die Registrierung eines jeden von ihnen beim Standesamt zu kümmern.« Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Die Trillerpfeife des Polizeichefs war unverzüglich bis in die entferntesten Zellen zu vernehmen. Dann wandte er sich an seine Polizisten und ordnete an: »Ich stelle euch Sr. Magdalena Sofia vor. Sie kümmert sich um die Eintragung beim Standesamt. Dass ja keiner stört! Dass ja keiner die Eingeborenen belästigt!«

Eine argentinische Ordensfrau
hilft Benachteiligten

Wenige Tage zuvor hatte die Gemeinde die Schwestern vom Heiligsten Herzen Jesu gebeten, nach einer Möglichkeit zu suchen, die Eingeborenengruppen aus der Umgebung von Mosconi in Salta (Argentinien) beim Standesamt zu registrieren. Die Ordensfrauen ließen diese Aufforderung nicht unbeantwortet, die aufgrund von Änderungen in der Verwaltung zwingend notwendig geworden war, aber etliche von ihnen verfügten nicht über die argentinische Staatsangehörigkeit, die die Voraussetzung dafür war, ein öffentliches Amt auszuüben. Sr. Magdalena Sofia übernahm dann die Verantwortung. »Ich brachte die ganze Woche damit zu, mich kundig zu machen. Ich bereitete die Formulare vor. Wir hatten einen Lieferwagen mit Allradantrieb, um in die Berge zu fahren, um die Wasserlachen zu überwinden«, erläutert sie. Sie registrierten jedes einzelne Mitglied der Wichí-Gemeinschaft beim Standesamt. Sie kannten sie durch ihre Missions- und Begleittätigkeiten im fraglichen Gebiet.

Diese Passage beschreibt den Geist des Dienens Magdalena Sofia Kissners, die 1936 in der argentinischen Pampa zur Welt gekommen war, in einer Kolonie, in der nur Deutsch gesprochen wurde. In der Tat hatte sie als kleines Mädchen Probleme damit, in der Schule zu interagieren, weil sie kein Kas-tilisch verstand. Vielleicht war es damals, dass sie ihre Sensibilität für Integration entwickelte, die sich viele Jahre später entfalten sollte. Sie widmete ihr Leben der Erziehung – als Geschichtslehrerin, Grundschullehrerin oder mit leitenden Aufgaben, aber gerade in dem Moment, als sich der Augenblick näherte, wo sie in den Ruhestand gehen sollte, stand sie vor einer neuen Herausforderung. Sie berichtet, dass sie, fast gegen ihren Willen und unter dem Druck der Menschen wie auch ihrer Gemeinschaft, in Villa Jardín, Lanús (Buenos Aires) ein Zentrum für die Erziehung behinderter Kinder eröffnete. Zu diesem Zweck machte sie zuerst eine Ausbildung im »Centro Ann Sullivan« in Peru, eine Erfahrung, die sie veränderte. Sie erinnert sich, dass sie dort lernte, dass die Arbeit nicht nur darauf ausgerichtet sein sollte, die ihr anvertrauten Kinder zu formen, sondern auch deren Familien und Gemeinschaften, und ihr wurde bewusst, dass der Eckpfeiler ihres Dienstes die Tatsache war, dass wir alle mit unterschiedlichen Gaben ausgestattet sind und dass wir durch die Eigenheiten jedes Einzelnen bereichert werden.

Dankbarkeit für die
Berufung zum geweihten Leben

So gründete sie die Schule St. Franziskus, die sich, ausgehend von dem benachteiligten Umfeld, in dem diese leben, den Kindern und der Ausbildung ihrer Familien widmet. Um dabei Erfolg zu haben, begann Sr. Magdalena damit, ihren Traum zu entwerfen: »Es bedarf eines pädagogischen Umfelds, in dem alle Mitglieder an der Bildung beteiligt sind, nicht nur im Klassenzimmer, sondern in allem: in der Küche, beim Putzen, auf dem Flur, an den Wänden. Alles dient der Erziehung. Niemand ist verantwortlich für die Umstände, in die er hineingeboren wird«, schreibt sie mit Bleistift in ihr Notizheft. Die Hilfe der Mitschwestern aus ihrer Kongregation hat es ihr gestattet, ein umfassendes Projekt zu entwerfen. »Wir haben Projekte für nationale und internationale Stiftungen ausgearbeitet. Die Kongregation hat mir viel geholfen«, wiederholt sie voller Dankbarkeit. Eine nach der anderen sind die Maßnahmen in einen nachhaltigen Prozess eingeflossen.

Anfangs war die Schule untergebracht in einem Saal der Kirche des Stadtviertels, wo eine Psychopädagogin Diagnosen erstellte und Therapien verschrieb. Der Gemeindepfarrer hatte den Raum angeboten, weil er sich Sorgen darüber machte, dass das Herzstück der Gemeinschaft, nämlich die Kinder mit Behinderungen, nicht betreut wurden. Aber schon bald erwies sich der zur Verfügung stehende Platz als unzureichend und der Umzug an einen größeren Ort wurde nötig, um ein Gebäude zu errichten und einen Garten zu haben, damit sich die Kinder wohlfühlen konnten. In diesem Kontext der Armut entstand so die Schule, deren Besuch auch heute noch unentgeltlich ist.

Eine der Grundschullehrerinnen aus dieser ersten Zeit erinnert sich, dass »Sr. ›Magda‹ immer als erste kam, sie empfing uns, wenn schon alles picobello war, sie putzte den Hof eimerweise mit Wasser« Sie erinnert auch an eine Mutter, die sagte: »Wenn ich zu meinem Sohn sage, dass er, wenn er sich schlecht benimmt, nicht in die Schule darf, dann fängt er an zu weinen!« Die Schule war keine langweilige Angelegenheit, sie war Grund zur Freude. Die Ordensfrau schuf eine derartige »Daseinsform«, dass »jeder jeden kannte, wir kannten den Namen aller Eltern«, fügt die Lehrerin gerührt hinzu. Magda verteidigte die Kinder: »Es ist nicht ihre Schuld, dass sie unter besonderen Bedingungen geboren werden«, wie sie wiederholte. Sie war eine unerbittliche Hüterin des Rechts, die Würde zu haben, geliebte Kinder zu sein, und die Schüler fühlten sich wohl, nahmen mit Freuden teil und festigten ihren Platz in einer Welt, für die sie manchmal unsichtbar waren. Und für die Schwester war das eine Art und Weise, ihre Berufung als Gottgeweihte zu leben, mit besonderer Dankbarkeit ihrer Gemeinschaft gegenüber: »Die Schwestern haben mich mit viel Zuneigung umgeben, mit sehr viel Liebe, und ich habe es mir so erträumt, das war das Leben, das ich wollte: Ordensfrau sein.«

#sistersproject

Von Carla Lima