Schwester Marta Meschko setzt sich für den Wiederaufbau ein

Das Wunder der Hoffnung in der vom Krieg zerstörten Ukraine

 Das Wunder der Hoffnung in der vom Krieg zerstörten Ukraine  TED-048
02 Dezember 2022

In der Ukraine steht der Winter vor der Tür. In Friedenszeiten bedeutete das die Freude, große weiße Flocken vom Himmel fallen zu sehen, den Schnee unter den Füßen knirschen zu hören und mit der Familie während der langen Winterabende in geheizten Wohnungen zusammen zu sein. Heute ist es leider eine Zeit größter Angst, denn viele Ukrainer haben jetzt nur einen Gedanken: Wie sollen sie die Kälte des Winters überstehen, der manchmal bis April andauert und Temperaturen von bis zu minus 25° Celsius mit sich bringt, während viele Kraftwerke und Heizkraftwerke von russischen Bomben zerstört wurden? Dem Leid am meisten ausgeliefert sind diejenigen, die ihre Häuser durch Bomben verloren haben. Allein in der Region um Kiew wurden seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar über 12.000 private Häuser beschädigt, und etwa 5.000 wurden vollständig zerstört. Hunderte von mehrstöckigen Gebäuden haben das gleiche Schicksal erlitten. Nicht alle Bewohner haben sich jedoch für die Flucht entschieden: Viele sind in ihrem Land geblieben, um ihr Zuhause und ihr Leben wiederaufzubauen.

»Eine Frau berichtete mir, ihr Haus sei in 20 Minuten vollständig niedergebrannt. Verschont geblieben sei nur eine kleine Hütte, in der sie jetzt mit ihrem Mann wohne. Für sie ist es sehr schmerzlich, jeden Morgen aufzuwachen und nur Ruinen zu sehen.« Das erzählt Sr. Marta Meschko von der in Slowenien gegründeten Kongregation der Töchter Mariens von der Wundertätigen Medaille, die seit 2005 in Kiew ist. Zusammen mit den Freiwilligen der Organisation »Depaul Ukraine« liefert sie seit ein paar Monaten den Einwohnern der Dörfer rund um die ukrainische Hauptstadt Baumaterial, damit sie mit dem Wiederaufbau ihrer zerstörten Häuser beginnen können. »Es ist ein wahres Wunder«, betont die Ordensschwester, »wenn man sieht, dass diese Menschen, die alles verloren haben, sich nicht über das erlittene Unrecht beklagen, sondern sofort auf eine gütige Geste reagieren und ihre Lebenshoffnung wiederfinden. Ich bin gerührt, wenn ich sehe, dass sie auch in dieser tragischen Situation noch Dankbarkeit und Hoffnung äußern können.«

Schwester Marta berichtet, die Idee, den Menschen auf diese Weise zu helfen, sei ihr gekommen, als sie auf der Rückreise aus Transkarpatien nach Kiew war. In dieser Region im äußersten Westen des Landes hatte ihre Gemeinschaft die ersten drei Monate der Invasion verbracht und Tag und Nacht gebetet. »Das Evangelium hier und jetzt leben, auch unter diesen Umständen«, war ihr ers-ter Gedanke, während sie im Gebet den Herrn fragte, wie ihre Gemeinschaft ihren Dienst in der Hauptstadt wiederaufnehmen könnte. Die Antwort darauf, wie eine konkrete Hilfe für die Bewohner aussehen könnte, kam, als Sr. Marta mit ein paar Freiwilligen den Einwohnern von Moschtschun und Sahalzi in der Nähe von Kiew Lebensmittel brachte. Eine Frau namens Olha zeigte ihnen ihr total zerstörtes Haus. »Wenn wir wenigs-tens ein bisschen Material hätten, könnten wir auch selbst mit dem Wiederaufbau beginnen, damit alles noch vor dem Wintereinbruch fertig wird«, vertraute Olha der Ordensfrau an, die in diesen Worten einen deutlichen Hinweis darauf fand, was sie mit dem Geld tun sollte, das ihre Kongregation den Schwestern in der Ukraine für Kriegsopfer zur Verfügung gestellt hatte. So beschloss sie, Baumaterial zu kaufen, um den Menschen beim Wiederaufbau ihrer Häuser zu helfen. Dabei fragte sie jeweils im Einzelfall nach, was sie konkret dafür benötigten.

Angesichts des Leids müssen Entscheidungen schnell getroffen werden. Man darf keine Zeit verlieren. So begann Sr. Marta mit den Freiwilligen schon am Folgetag, nach den von den Dorfbewohnern benötigten Materialien zu suchen. Den Wiederaufbau hätten dann die Bewohner selbst in die Hand genommen. Die Schwester merkt an: »Für die Menschen, denen wir das Material brachten, war es ein Impuls, der ihnen Hoffnung und Freude gab, weil sie nun mit den Bauarbeiten beginnen konnten. Wir haben gesehen, dass unsere Hilfe eine Kette der Solidarität ins Leben rief. So half eine Familie, der wir Steine aus Porenbeton gebracht hatten, einer anderen Familie, das Dach zu sanieren. Es gab also viel Solidarität und Güte. Das unter diesen Umständen zu erleben, kam mir wie ein Wunder vor.«

Sr. Marta erläutert, dass sich ihre Initiative bewusst in einem kleinen Rahmen bewegt. So können sie und die Freiwilligen einen persönlichen Kontakt herstellen, die Menschen besuchen und mit ihnen sprechen. Auf diese Weise kann die Ordensfrau auch ihren pastoralen Auftrag erfüllen, das bedeutet unter anderem, dass sie zuhört, wenn die Bewohner dieser Dörfer von dem Leid erzählen, das sie während der russischen Besatzung erlitten haben: »Eine Frau mit dem Namen Halyna erzählte mir, dass sie und ihre Familie sich im ungeheizten Keller versteckt haben, als die Russen ihr Dorf besetzten. Sie konnten nur nachts heraus, um sich etwas zu kochen. Ihr Bruder Leonid, ein mutiger Mann, ging durch das Dorf, um den Tieren in den Ställen – den Kühen, Hühnern, Schweinen – Nahrung zu bringen, genauso wie den Hunden und Katzen, die von ihren Besitzern auf der Flucht vor den Russen zurückgelassen worden waren. Halyna sagte mir unter Tränen, die russischen Soldaten hätten auf eine Bekannte von ihr geschossen, nur weil sie das Gittertor nicht so schnell geöffnet hatte, wie diese es wollten.«

»Die Menschen sprechen offen über ihren Schmerz«, sagt Sr. Marta, »aber sie tragen keine Verzweiflung in ihren Herzen« und seien in der Lage, große Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, wenn man sie unterstütze. »Ich erinnere mich an die über 80-jährige Oma Sina aus dem Dorf Moschtschun. Auch ihr Haus wurde zerstört, und so zog sie in eine Hütte. Wir haben beschlossen, ein Fertighäuschen aus Holz für sie zu kaufen. Sie war ganz gerührt vor Freude und konnte nicht glauben, dass wir das für sie getan hatten. Innerhalb kurzer Zeit haben diese Leute sehr starke und widersprüchliche Emotionen erlebt, die nicht leicht zu verarbeiten sind. Am Anfang des Jahres wurde ihr Besitz zunichte gemacht, und jetzt treffen sie auf jemanden, der ihnen unentgeltliche Hilfe anbietet.«
Sr. Marta setzt sich weiter für die Menschen ein, obwohl sie fast jeden Tag Fliegeralarm hört und die russischen Raketen immer wieder zivile Infrastrukturen und Wohnungen zerstören: »Mir ist bewusst, dass ich nicht alleine bin. Ich weiß, dass der Herr bei mir ist und bei diesen Menschen, denen ich helfe. Außerdem kann ich durch das Gebet ihren Schmerz zu Gott tragen, und er kann ihnen Kraft geben, um nach vorne zu schauen und sich nicht auf das Böse zu konzentrieren. Denn eine der Versuchungen besteht ja gerade darin, dass man das Böse analysieren und verstehen will. Dabei hat das Böse keine Logik, man kann es nicht verstehen. Es ist vielmehr notwendig, die eigenen Energien und Gedanken auf das Handeln zu lenken, die konkreten Bedürfnisse der Menschen zu erkennen und dann zu versuchen, ihnen zu helfen.«

#sistersproject

Von Svitlana Dukhovych