Audienz für die Teilnehmer am XI. Internationalen Thomistenkongress

Das Denken des Meisters nicht verkürzen

 Das Denken des Meisters nicht verkürzen  TED-043
28 Oktober 2022

Ich freue mich über diese Begegnung nach so vielen Jahren, weil es darum geht, über einen Meister nachzudenken. Wenn man über jemanden nachdenkt, der eine philosophische oder theologische Schule gegründet hat, läuft man manchmal Gefahr, den Meister zu instrumentalisieren, um das zu sagen, was ich selbst meine, und mit dem Thomismus ist das passiert. Viele kasuistische Auslegungen – ich denke an ein Beispiel – des Thomismus, der dem kasuistischen Denken unterworfen wurde. Ich erinnere mich an jenes Denken eines Spaniers, der viele Bücher geschrieben hat, ein gewisser Losada – so hieß er, glaube ich, ich erinnere mich nicht genau –, der, um das »metaphysische Kontinuum« nach dem heiligen Thomas zu erklären, die »puncta inflata« erfunden hat. Eine solche kasuistische Auslegung opportunistischer Art verkürzt das Denken des Meisters und macht es lächerlich.

Wenn wir das Denken eines Meisters erklären wollen, dann ist der erste Schritt die Betrachtung, um selbst in jene Lehre hineingenommen zu werden. Der zweite ist, ganz zaghaft, die Erklärung. Und am Ende, mit großer Vorsicht, die Auslegung, aber diese sehr vorsichtig. Der Meister ist ein großer Denker, der Meister ist jemand, der Schule macht und der eine Schule begründet hat. Der Meister ist jemand, der eine ganze Denkströmung in Gang setzt. Man darf den Meis-ter nie benutzen für das, was ich selbst denke, sondern man muss die Dinge, die ich denke, in das Licht des Meisters stellen, damit das Licht des Meisters es auslegt.

Ich erlaube mir, euch von der Erfahrung mit einem Dominikaner zu berichten. Auf der Synode über die Familie gab es Punkte über die katholische Lehre, die unklar waren, und auch Auslegungen des heiligen Thomas, die unklar waren. Damals diskutierten wir viel, weil wir den Weg nicht fanden. Ein Dominikaner, Kardinal Schönborn, hat uns eine Lektion in thomistischer Theologie gegeben – aber auf hohem Niveau! –, weil er Thomas verstand und ihn erklärt hat, ohne ihn zu benutzen, mit Größe. Diese Erfahrung haben wir mit jenem großen Dominikaner gemacht, der Sekretär in der Kongregation für die Glaubenslehre war. Es gäbe noch weitere…, aber das möchte ich erwähnen. Einerseits viele Auslegungen, die das Denken des Meisters verkürzen, und dann die Erfahrung von jemandem, der es geöffnet hat: »Nein, das sagt Thomas«, und bewiesen durch das, was er sagte. Das ist wunderbar, das ist etwas Großartiges.

Daher bitte ich euch: Bevor man über den heiligen Thomas spricht, bevor man über den Thomismus spricht, bevor man lehrt, muss man betrachten: den Meister betrachten, über das intellektuelle Denken hinaus verstehen, was der Meister gelebt hat und was der Meister uns sagen wollte. Das ist das Signal: Wenn ich die Gestalt eines Meisters auf die Gestalt eines Denkers reduziere, verderbe ich das Denken; ich nehme ihm die Kraft, ich nehme ihm das Leben. Und der heilige Thomas war ein Licht für das Denken der Kirche, und wir müssen ihn verteidigen gegenüber all diesen »intellektualistischen Reduktionismen«, die die Größe seiner Lehre gefangen halten.

Das ist es, was ich euch sagen wollte, über die Ansprache hinaus, die jeder von euch mitnehmen wird. Das wollte ich euch kurz sagen: Er ist ein Meister, er ist nicht ein Intellektueller unter vielen, nein, er ist anders.

Ich danke euch sehr. Und jetzt möchte ich euch den Segen erteilen und dann jene begrüßen, die mich begrüßen wollen. Wenn jemand mich nicht begrüßen will, dann zwinge ich ihn nicht!

Die folgende Ansprache wurde den Audienzteilnehmern in schriftlicher Form überreicht:

Meine Herren Kardinäle,

sehr geehrte Akademiker,

meine Damen und Herren!

Ich freue mich, euch alle zu empfangen, die ihr aus verschiedenen Teilen der Welt nach Rom gekommen seid, um den XI. Internationalen Thomistenkongress abzuhalten. Ich danke Kardinal Luis Ladaria für die freundlichen Worte, die er an mich gerichtet hat. Ich begrüße P. Serge-Thomas Bonino, den Präsidenten der Päpstlichen Akademie Thomas von Aquin, sowie alle anwesenden Akademiker. Ich bringe auch Kardinal Gianfranco Ravasi meine Dankbarkeit zum Ausdruck, der als Präsident des Koordinierungsrates der Päpstlichen Akademien das Leben der Akademie über viele Jahre begleitet hat.

Im kommenden Jahr begehen wir den 700. Jahrestag der Heiligsprechung des heiligen Thomas von Aquin, die 1323 in Avignon stattgefunden hat. Dieses Ereignis erinnert uns daran, dass dieser hervorragende Theologe – der »Doctor communis« der Kirche – vor allem ein Heiliger ist, ein treuer Jünger der menschgewordenen Weisheit. Deshalb bitten wir im Tagesgebet an seinem Gedenktag Gott, »der dem heiligen Thomas von Aquin ein leidenschaftliches Verlangen geschenkt [hat], nach Heiligkeit zu streben und deine Wahrheit zu erfassen«: »Hilf uns verstehen, was er gelehrt, und nachahmen, was er uns vorgelebt hat.« Und hier finden wir auch euer geistliches Programm: den Heiligen nachzuahmen und euch vom Kirchenlehrer und Meister führen zu lassen.

Dieses Gebet hebt auch die Leidenschaft von Bruder Thomas für die Wahrheit hervor. Tatsächlich war er ein Mann, der ein leidenschaftliches Verlangen nach der Wahrheit hatte, ein unermüdlicher Sucher nach dem Antlitz Gottes. Sein Biograf berichtet, dass er schon als Kind gefragt habe: »Was ist Gott?«1Diese Frage hat Thomas begleitet und ihn das ganze Leben hindurch motiviert. Diese Suche nach der Wahrheit über Gott wird von der Liebe angetrieben und durchdrungen. So schreibt er: »Denn hat der Mensch die Bereitwilligkeit, um zu glauben; so denkt er gern über den Glauben nach und ist zufrieden, wenn er einige Gründe dafür, auch in der Natur, finden kann.«2 Demütig unter der Führung des Heiligen Geistes dem »intellectus fidei« zu folgen, ist dem Gläubigen nicht freigestellt, sondern gehört zur Dynamik seines Glaubens. Das Wort Gottes, das bereits im Herzen angenommen wurde, muss den Verstand erreichen, um die »Erneuerung des Denkens« (Röm 12,2) zu erlangen, damit wir alles im Licht der ewigen Weisheit abwägen. Daher ist die leidenschaftliche Suche nach Gott gleichzeitig Gebet und Betrachtung, so dass der heilige Thomas Vorbild der Theologie ist, die in der Atmosphäre der Anbetung entsteht und wächst.

Diese Suche nach der Wahrheit über Gott gebraucht die beiden »Flügel« des Glaubens und der Vernunft. Bekanntlich hat der heilige Thomas es verstanden, die beiden Lichter des Glaubens und der Vernunft auf eine Weise zu koordinieren, die immer noch vorbildlich ist. Der heilige Paul VI. schrieb: »Der zentrale Punkt, gleichsam der Kernpunkt der Lösung, die der heilige Thomas für das Problem der neuen Gegenüberstellung von Vernunft und Glauben mit der Geisteskraft seines prophetischen Gespürs aufzeigte, war die Versöhnung zwischen der Säkularität der Welt und der Radikalität des Evangeliums. So entzog er sich der unnatürlichen Neigung zur Verneinung der Welt und ihrer Werte, ohne jedoch darauf zu verzichten, den erhabenen und unbeugsamen Bedürfnissen der übernatürlichen Ordnung Rechnung zu tragen.«3 Der Christ fürchtet sich also nicht, einen aufrichtigen vernünftigen Dialog mit der Kultur seiner Zeit anzuknüpfen, in der Überzeugung, dass gemäß der Formulierung des Ambrosiaster, die Thomas sehr schätzte, »alles Wahre, von wem auch immer es gesagt wird, vom heiligen Geist ist«4.

Im bereits erwähnten Tagesgebet bitten wir um die Gnade, nicht nur den Heiligen nachzuahmen, sondern auch zu »verstehen, was er gelehrt« hat. Tatsächlich ist der heilige Thomas die Quelle eines Denkens, dessen »bleibende Neuheit« erkannt worden ist.5 Der Thomismus darf kein Museumsexponat sein, sondern er muss eine stets lebendige Quelle sein, wie es dem Thema eures Kongresses entspricht: »Vetera novis augere. Die Ressourcen der thomistischen Tradition im gegenwärtigen Kontext«. Es ist notwendig, wie Jacques Maritain gesagt hat, einen »lebendigen Thomismus« zu fördern, der in der Lage ist, sich zu erneuern, um auf die heutigen Fragen zu antworten. So geht der Thomismus voran, indem er einer zweifachen Bewegung von »Systole und Diastole« folgt. Systole, weil man sich erst auf das Studium des Werkes des heiligen Thomas in seinem historischen und kulturellen Kontext konzentrieren muss, um seine Strukturprinzipen zu erkennen und seine Originalität zu begreifen. Danach kommt jedoch die Diastole: sich im Dialog an die heutige Welt zu wenden, um sich das Wahre und Gerechte, das es in der Kultur der Zeit gibt, kritisch anzueignen.

Unter vielen erleuchtenden Lehren des Aquinaten möchte ich nur, wie ich es in der Enzyklika Laudato si’ getan habe, die Aufmerksamkeit auf die Fruchtbarkeit seiner Lehre über die Schöpfung lenken. Nicht zufällig hat der englische Schriftsteller Chesterton den Aquinaten »Thomas a Creatore« genannt. Die Schöpfung ist für den heiligen Thomas die allererste Offenbarung der wunderbaren Großherzigkeit Gottes, ja seiner unentgeltlichen Barmherzigkeit.6 Sie ist der Schlüssel der Liebe, sagt Thomas, der Gottes Hand geöffnet hat und sie immer offenhält.7 Dann betrachtet er die Schönheit Gottes, die in der geordneten Vielfalt der Geschöpfe erstrahlt. Das Universum der sichtbaren und unsichtbaren Geschöpfe ist weder ein monolithischer Block noch reine unförmige Vielfalt, sondern es bildet eine Ordnung, ein Ganzes, in dem alle Geschöpfe miteinander verbunden sind, weil alle von Gott kommen und zu Gott hingehen, und weil sie interagieren und so ein dichtes Beziehungsnetz schaffen. »Der heilige Thomas von Aquin hob weise hervor, dass die Vielfalt und die Verschiedenheit ›aus der Absicht des Erstwirkenden‹ entspringen, der wollte, dass ›das, was dem einen zur Darstellung der göttlichen Güte fehlt, ersetzt werde durch das andere‹, weil seine Güte ›durch ein einziges Geschöpf nicht ausreichend dargestellt werden kann‹. Deshalb müssen wir die Verschiedenheit der Dinge in ihren vielfältigen Beziehungen wahrnehmen. Man versteht also die Bedeutung und den Sinn irgendeines Geschöpfes besser, wenn man es in der Gesamtheit des Planes Gottes betrachtet.«8

Aus all diesen Gründen, liebe Brüder und Schwestern, empfehle ich euch auf der Spur meiner Vorgänger: Geht zu Thomas! Habt keine Angst, das Alte und stets Fruchtbare durch das Neue zu mehren und zu bereichern. Ich wünsche euch gute Arbeiten und segne euch von Herzen. Und ich bitte euch, für mich zu beten. Danke!

Fußnoten

1 Petrus Calo, Vita s. Thomas Aquinatis, in Fontes vitae s. Thomae Aquinatis, Hrg. D. Prümmer und M.-H. Laurent, Toulouse, o. D., S. 19.

2 Summa theologiae, IIa-IIae, q. 2, a. 10.

3 Apostolisches Schreiben Lumen ecclesiae (20. November 1974), 8: AAS 66 (1974), 680.

4 Ambrosiaster, In I Cor 12,3: PL 17, 258. Vgl. Hl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, Ia-IIae, q. 109, a. 1, ad 1.

5 Hl. Johannes Paul II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), 43-44.

6 Vgl. Hl. Thomas von Aquin, In IV Sent., d. 46, q. 2, a. 2, qla. 2, ad 1; Summa theologiae, Ia, q. 21, a. 4, ad 4.

7 Vgl. hl. Thomas von Aquin, In II Sent., Prologus.

8 Enzyklika Laudato si’ (24. Mai 2015), 86.

(Orig. ital. in O.R. 22.9.2022)