Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 31. August

Die Gabe der Unterscheidung

 Die Gabe der Unterscheidung  TED-037
16 September 2022

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Wir beginnen heute einen neuen Katechesenzyklus: Wir haben die Katechesen über das Alter abgeschlossen, jetzt beginnen wir einen neuen Zyklus zum Thema der »Unterscheidung«. Unterscheiden ist ein wichtiger Akt, der alle betrifft, denn Entscheidungen sind ein wesentlicher Teil des Lebens. Einen Entscheidungsprozess durchführen. Man entscheidet sich für eine Speise, ein Kleidungsstück, einen Studiengang, eine Arbeit, eine Beziehung. In all dem wird ein Lebensplan konkret verwirklicht und wird auch unsere Beziehung zu Gott konkret verwirklicht.

Im Evangelium spricht Jesus über die Unterscheidung in Bildern, die dem täglichen Leben entnommen sind. Zum Beispiel beschreibt er die Fischer, die die guten Fische auswählen und die schlechten wegwerfen; oder den Kaufmann, der unter vielen Perlen die wertvollste zu erkennen vermag. Oder den Mann, der ein Feld pflügt und dabei auf etwas stößt, das sich als Schatz erweist (vgl. Mt 13,44-48).

Gute Entscheidungen treffen

Im Licht dieser Beispiele präsentiert sich die Unterscheidung wie eine Übung des Verstandes und auch der Erfahrung und auch des Willens, um den günstigen Augenblick zu erfassen: Das sind die Voraussetzungen, um eine gute Entscheidung zu treffen. Man braucht Verstand, Erfahrung und auch Willen, um eine gute Entscheidung zu treffen. Und es wird auch ein Preis verlangt, damit die Entscheidung umgesetzt werden kann. Um seinen Beruf möglichst gut auszuüben, nimmt der Fischer Mühsal, lange Nächte auf dem Meer und auch die Tatsache in Kauf, einen Teil der Fische wegzuwerfen: Er akzeptiert einen Profitverlust für das Wohl derer, für die sie bestimmt sind. Der Kaufmann, der schöne Perlen sucht, zögert nicht, alles auszugeben, um jene eine Perle zu kaufen; und dasselbe tut der Mann, der auf einen Schatz gestoßen ist. Unerwartete, ungeplante Situationen, in denen es grundlegend ist, die Bedeutung und Dringlichkeit einer Entscheidung zu erkennen, die es zu treffen gilt. Jeder muss Entscheidungen treffen; niemand kann sie für uns treffen. An einem bestimmten Punkt können Erwachsene, in aller Freiheit, um Rat fragen, nachdenken, aber die Entscheidung ist ihre eigene. Man kann nicht sagen: »Ich habe dieses oder jenes verloren, weil mein Mann entschieden hat, weil meine Frau entschieden hat, weil mein Bruder entschieden hat.« Nein! Du musst entscheiden, jeder von uns muss entscheiden, und daher ist es wichtig, unterscheiden zu können: Um gut zu entscheiden, ist es notwendig, unterscheiden zu können.

Das Evangelium legt uns einen weiteren wichtigen Aspekt der Unterscheidung nahe: Sie bezieht die Gefühle ein. Wer den Schatz gefunden hat, verspürt keine Schwierigkeiten, alles zu verkaufen, so groß ist seine Freude (vgl. Mt 13,44). Der vom Evangelis-ten Matthäus verwendete Begriff verweist auf eine ganz besondere Freude, die keine menschliche Wirklichkeit schenken kann; tatsächlich taucht er nur an sehr wenigen anderen Stellen des Evangeliums auf, die alle auf die Begegnung mit Gott verweisen. Es ist die Freude der Sterndeuter, als sie nach einer langen und mühsamen Reise den Stern wiedersehen (vgl. Mt 2,10); die Freude ist die Freude der Frauen, die vom leeren Grab zurückkehren, nachdem sie die Verkündigung der Auferstehung durch den Engel gehört haben (vgl. Mt 28,8). Es ist die Freude dessen, der den Herrn gefunden hat. Eine gute, eine richtige Entscheidung zu treffen, bringt dich immer zu jener endgültigen Freude. Auf dem Weg muss man vielleicht etwas Ungewissheit erleiden, nachdenken, suchen, aber am Ende lässt dich die richtige Entscheidung in den Genuss der Freude kommen.

Beim Jüngsten Gericht wird Gott eine Unterscheidung – die große Unterscheidung – uns gegenüber treffen. Die Bilder vom Bauern, vom Fischer und vom Kaufmann sind Beispiele für das, was im Himmelreich geschieht: einem Reich, das in den alltäglichen Tätigkeiten des Lebens, die es erfordern, Position zu beziehen, zum Ausdruck kommt. Daher ist es so wichtig, unterscheiden zu können: Die großen Entscheidungen können aus Umständen heraus entstehen, die auf den ers-ten Blick nebensächlich erscheinen, sich dann aber als entscheidend herausstellen. Denken wir zum Beispiel an die erste Begegnung von Andreas und Johannes mit Jesus, eine Begegnung, die aus einer einfachen Frage heraus entsteht: »Rabbi, wo wohnst du?« – »Kommt und seht!« (vgl. Joh 1,38-39), sagt Jesus. Ein sehr kurzer Austausch, aber er ist der Beginn einer Verwandlung, die Schritt für Schritt das ganze Leben prägen wird. Auch nach Jahren noch wird der Evangelist sich an jene Begegnung erinnern, die ihn für immer verändert hat. Er wird sich sogar an die Stunde erinnern: »Es war um die zehnte Stunde« (V. 39). Es ist die Stunde, in der Zeit und Ewigkeit einander in seinem Leben begegnet sind. Und in einer guten, richtigen Entscheidung begegnet der Wille Gottes unserem Willen; begegnet der gegenwärtige Weg der Ewigkeit. Eine richtige Entscheidung zu treffen, nach einem Weg der Unterscheidung, bedeutet, diese Begegnung zu machen: die Begegnung der Zeit mit der Ewigkeit.

Erkenntnis, Erfahrung, Gefühle, Wille: Das sind also einige unverzichtbare Elemente für den Unterscheidungsprozess. Im Laufe dieser Katechesen werden wir noch weitere, ebenso wichtige sehen.

Wie gesagt, bringt die Unterscheidung Mühe mit sich. Der Bibel gemäß stehen wir nicht dem – bereits fertig verpackten – Leben gegenüber, das wir leben sollen: nein! Wir müssen immer wieder darüber Entscheidungen treffen, je nach den Gegebenheiten, die kommen. Gott lädt uns ein, abzuwägen und zu entscheiden: Er hat uns als freie Wesen erschaffen und will, dass wir unsere Freiheit ausüben. Unterscheiden ist daher anspruchsvoll.

In Freiheit leben

Wir haben oft diese Erfahrung gemacht: uns für etwas zu entscheiden, das gut zu sein schien, es aber nicht war. Oder zu wissen, was unser wahres Gut ist, und sich nicht dafür zu entscheiden. Im Gegensatz zu den Tieren kann der Mensch Fehler machen, kann sich gewollt nicht richtig entscheiden, und die Bibel zeigt es schon auf den ersten Seiten. Gott gibt dem Menschen eine präzise Anleitung: Wenn du leben willst, wenn du das Leben genießen willst, dann erinnere dich daran, dass du ein Geschöpf bist, dass nicht du der Maßstab von Gut und Böse bist und dass die Entscheidungen, die du treffen wirst, Folgen haben werden – für dich, für andere und für die Welt (vgl. Gen 2,16-17); du kannst die Erde zu einem herrlichen Garten oder zu einer Wüste des Todes machen. Eine grundlegende Lehre: Nicht zufällig ist das der erste Dialog zwischen Gott und dem Menschen. Der Dialog geht so: Der Herr gibt die Weisung, du sollst dies und das tun; der Mensch muss bei jedem Schritt, den er tut, überlegen, welche Entscheidung er treffen soll. Die Unterscheidung ist jene Reflexion des Verstandes, des Herzens, die wir vornehmen müssen, bevor wir eine Entscheidung treffen.

Die Unterscheidung ist mühsam, aber unverzichtbar, um zu leben. Sie erfordert, dass ich mich selbst kenne, dass ich weiß, was hier und jetzt gut für mich ist. Sie verlangt vor allem eine Kindesbeziehung zu Gott. Gott ist der Vater, der uns nicht allein lässt, er ist immer bereit, uns einen Rat zu geben, uns zu ermutigen, uns anzunehmen. Aber er zwingt seinen Willen niemals auf. Warum? Weil er geliebt und nicht gefürchtet werden will. Und Gott will uns auch als Kinder und nicht als Sklaven: freie Kinder. Und die Liebe kann man nur in der Freiheit leben. Um leben zu lernen, muss man lieben lernen, und dafür ist es notwendig zu unterscheiden: Was kann ich jetzt tun, angesichts dieser Alternative? Möge es ein Zeichen für mehr Liebe, mehr Reife in der Liebe sein. Bitten wir den Heiligen Geist, dass er uns leiten möge! Beten wir jeden Tag zu ihm, besonders dann, wenn wir Entscheidungen treffen müssen. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 31.8.2022)