· Vatikanstadt ·

Gedanken zum Sonntag - 28. August: 22. Sonntag im Jahreskreis

Gastfreundschaft

 Gastfreundschaft  TED-034
26. August 2022

Wer schon einmal von anderen willkommen geheißen wurde, kennt die Schönheit, unverdient empfangen worden zu sein. Es ist ein besonderer Moment, wenn Gastgeber großzügig Raum, Besitz, Zeit und Nahrung mit anderen teilen. Wo Menschen einander willkommen heißen – unabhängig ob es Angehörige, Freunde oder Fremde sind, ohne sich Anerkennung zu erhoffen oder darauf bedacht zu sein, eine Gegenleis-tung zu erhalten –, wird etwas von Gott selbst spürbar. So ist es nicht verwunderlich, dass Gastfreundschaft in biblischen Texten ein wiederkehrendes und facettenreiches Motiv ist.

Dabei ist uns Christus selbst ein Vorbild: Er ist Gastgeber (Lk 22,27) und lädt alle Menschen ein, unabhängig von deren Stand und Besitz und ohne dass wir nach unserem menschlichen Ermessen etwas Gleichwertiges zurückgeben könnten. Zunächst dürfen wir diese Einladung und Zusage annehmen. Wir sind dann aber auch dazu aufgerufen, das weiterzugeben, was wir empfangen haben (Hebr 13,1-2).

Das Evangelium handelt von einer solchen Gastfreundschaft. Doch die Forderung in
Lk 14,12-14 kann zunächst irritieren. Dabei geht es nicht darum, Familienfeste zu canceln, sondern um eine grundlegende Haltung, die großherzig gibt, ohne Kosten und Nutzen abzuwägen, ohne Angst zu haben, etwas zu teilen oder zu verlieren – sei es Materielles, Privilegien, Aufmerksamkeit oder Ansehen.

Biblische Gastfreundschaft ist großzügig und initiativ (Gen 18,2; Lk 24,29). Sie er-möglicht eine aufrichtige Begegnung, ohne sich über andere zu erheben oder einander zu verurteilen. Sie zeigt sich im Teilen von Zeit und Aufmerksamkeit sowie im ehrlichen Zuhören (Lk 10,38-42) – mit der Offenheit, etwas Neues zu erfahren und nicht schon alles über die Person zu wissen. Wird diese Begegnungskultur geübt, kann vielleicht ein wenig von Gottes verschwenderischer Liebe auf der Welt erlebbar werden. Dabei ist Chris-tus nicht nur das Vorbild als Gastgeber, sondern er ist auch im Gast und im Fremden selbst gegenwärtig (Mt 25,31-36).

Hannah Hassanein, Theologische Referentin im Bistum Aachen.