Schwester Mary-Joy, die Gründerin des »Wormwood Scrubs Pony Centre« in London

Die Pferdeflüsterin

 Die Pferdeflüsterin  TED-034
26 August 2022

Auf der ganzen Welt gibt es vermutlich nur eine Ordensschwester, die jeden Morgen nach dem Aufstehen eine nicht gerade angenehme Aufgabe zu erfüllen hat, nämlich Ställe auszumist-en – und das ausnahmslos jeden Tag, auch an Weihnachten. Dies ist jedoch nicht das einzige überraschende Element im bunten Leben von Schwester Mary-Joy.

Ihre Wiege stand zu Beginn der 1950er- Jahre in Battle in East Sussex, dem grünen England, 80 Kilometer südöstlich von London, wo sie auch aufwuchs. Ihre Kindheit und Jugend verliefen recht normal in dem Sinne, dass die Möglichkeit, eines Tages in einen Orden einzutreten, von ihr genauso wenig in Betracht gezogen wurde wie die, Elefantentrainerin oder Olympiasiegerin im Hammerwerfen zu werden.

Sie war keine sehr gute Schülerin, weil sie an Legasthenie litt, was damals noch nicht als Krankheit anerkannt war. Vielleicht entwickelte sie gerade deshalb eher eine positive Einstellung, »Dinge zu tun« und »durch die Pferde« zu lernen. Durch ihre Arbeit mit den Vierbeinern auf dem Hof der Familie lernte sie, flüssiger zu kommunizieren, und spürte, dass diese Methode auf viele andere Kinder und Jugendliche mit ähnlichen Behinderungen anwendbar war.

Ziemlich bekannt wurde Mary 1976, als sie mit 25 Jahren auf ein Jobangebot des Nationalen Feuerwehrkorps antwortete. So wurde sie die erste Feuerwehrfrau Europas in Friedenszeiten. Von da an teilte sie ihre Zeit zwischen den Ställen und den Löschfahrzeugen und war jeden Moment bereit, ihre Pferde zu verlassen, wenn sie über den Funkmeldeempfänger gerufen wurde.

In der Zwischenzeit kamen immer mehr Kinder und Jugendliche mit besonderen Erziehungsanforderungen auf den Hof; Mary brachte ihnen Reiten und Pferdepflege bei. Manche stammten aus schwierigen sozialen Verhältnissen, andere kamen aus London, wieder andere blieben übers Wochenende. Es war eine ganz neue Dimension für diese jungen Menschen, die entdeckten, dass es auch eine Beziehungswelt mit Tieren gibt, die nicht weniger wichtig und nützlich ist als die mit den Menschen. Dank der Pferde und Ponys konnte Mary ihnen eine neue Chance und neue Möglichkeiten geben. Diese Lehre war und ist im Dasein der Ordensfrau sehr wichtig. »Mein Leben war aufregend und voller schöner Dinge«, sagt Mary-Joy in Erinnerung an ihre Zeit als Feuerwehrfrau. Diese Arbeit war jedoch nicht einfach ein originelles Abenteuer. Die Tätigkeit in Situationen großer Gefahr, bei denen auch ihr Leben auf dem Spiel stehen konnte, führte dazu, dass sie ein tieferes Bewusstsein für den Sinn des Daseins und für die Wege, die sich ihr für ein erfülltes Leben boten, entwickelte. So kam es, dass dank jener Erfahrungen ihr Glaube und ihr Gottvertrauen zunächst auftauchen und dann sich entfalten konnten – »nicht ohne die wesentliche Hilfe der göttlichen Gnade«, fügt sie heute hinzu.

Fast selbstverständlich beschloss sie acht Jahre später, die Feuerwehr zu verlassen und Novizin bei den Schwestern vom Kinde Jesu zu werden, einer in Frankreich vom seligen Nicolas Barré gegründeten Frauenkongregation, die heute in vielen Ländern der Welt vertreten ist und sich hauptsächlich um die Erziehung von Kindern und Jugendlichen am Rande der Gesellschaft kümmert.

Eine Weile zuvor waren ihre Eltern, die Landwirte gewesen waren, gestorben. Sie haben ihre Tochter mit der Aufgabe betraut, in jedem Fall für die Pflege der »wunderschönen Tiere zu sorgen, die ihr und vielen jungen Menschen so viel bedeutet hatten«. Nach einem ersten Arbeitsauftrag an einer Schule in Liverpool rief Mary-Joy mit der Erlaubnis ihrer Oberinnen eine richtige Reitschule mit nur drei Ponys ins Leben. Damals sammelte die Schwester Geld für ein Hilfsprojekt ihrer Kongregation in Peru, es waren jedoch die peruanischen Schwestern selbst, die ihr sagten, sie solle »keine Ressourcen abzweigen von ihrer schönen und großherzigen Initiative der Hippotherapie zugunsten der benachteiligten Kinder«. Sie fand ein verlassenes Grundstück, und es gelang ihr, mit der großzügigen wirtschaftlichen Unterstützung vieler, dort ein Reitzentrum einzurichten mit verschiedenen Gebäuden, Ställen, Diensträumen und Strom. Der Hauptbestandteil – so erzählt sie – war jedoch die Begeisterung: »meine eigene und die der Menschen, die das Zentrum besucht und dessen sozialen Nutzen verstanden hatten«.

Heute, mehr als 30 Jahre später, setzt das »Wormwood Scrubs Pony Centre« seine Tätigkeit immer noch erfolgreich fort; es gibt dort Dutzende Pferde, Ponys, Esel, Hunde und Katzen, sowie einige Angestellte und freiwillige Helfer. Mit der Zeit wurde auch ein überdachter Bereich eingerichtet, damit auch im Winter geritten werden kann. Das Zentrum ist inzwischen renommiert für Schüler mit besonderem Erziehungsbedarf und für junge Erwachsene mit mentalen Problemen oder Lernschwächen. Auch Erwachsene mit kognitiven Defiziten beziehungsweise körperlichen Behinderungen profitieren von der Reittherapie.

Im Laufe der Jahre hat Schwester Mary-Joy eigene Lernprogramme entwickelt. Sie zielen nicht nur auf Bildung ab, sondern vor allem auf die Kernkompetenzen, die nötig sind, um ein gutes Leben zu führen. So gibt es eigene Kurse in Umwelterziehung, Brandschutz, Ers-te Hilfe, Tierpflege (darunter natürlich besonders Pferde und Ponys). Schwester Mary-Joy IJS hat viele Ehrungen für ihre Tätigkeit zugunsten der Behinderten erhalten, ein-schließlich der »British Empire Medal« von der englischen Königin »für ihre Arbeit zuguns-ten von behinderten oder benachteiligten Kindern«.

Es wurde errechnet, dass von dem intensiven, großherzigen Leben dieser Ordensfrau über 11.000 Menschen profitiert haben, die im Laufe der Jahre im Zentrum betreut wurden. »Wenn du es träumen kannst, wird es geschehen«, sagt sie zum Abschluss unserer Begegnung. »Alles, was du siehst, wäre nie Wirklichkeit geworden, wenn ich es geplant hätte. Aber ich habe es einfach geträumt, und ich bringe diesen Kindern bei, dass auch diejenigen, die von einer Behinderung belas-tet sind, Großes erreichen können, wenn sie zum Träumen fähig sind.«

#sistersproject

Von Sr. Bernadette Reis