Ein wertvolles Gut für die Missionsschwestern

Die Kraft der Verwundbarkeit

 Die Kraft der Verwundbarkeit  TED-030
29 Juli 2022

Im Folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus einem Vortrag, gehalten im Rahmen der letzten Vollversammlung der Internationalen Vereinigung von Generaloberinnen im Mai 2022.

Verwundbarkeit ist eine grundlegende Eigenschaft jeder authentischen christlichen Mission, denn wir sind berufen, Christus nachzufolgen: »Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave« (Phil 2,6-7). Die Kenosis Chris-ti macht die Verwundbarkeit zu einem Weg, missionarisch zu sein, und zu einem wichtigen missionarischen Werkzeug.

Die Einladung von Papst Franziskus zu einem synodalen Prozess ist letztlich ein erneuerter Aufruf zur Mission, aber nicht aus der herkömmlichen Position der Macht und Autorität heraus. […] Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, ohne unsere Verwundbarkeit zu akzeptieren und anzunehmen. Für uns als Missionarinnen ist die Verwundbarkeit eine Bereicherung für die Mission und keine Belastung, denn sie gestattet es uns, tiefer in die menschliche Wirklichkeit einzudringen durch unsere eigene Teilhabe an dem, was schwach, unterdrückt und arm ist. Wenn wir unsere eigene Verletzlichkeit annehmen, kommen wir den Menschen näher, die Licht und Befreiung brauchen. […]

Afrika wird manchmal als der »Garten der Kirche im 20. Jahrhundert« bezeichnet, weil die Kirche auf dem afrikanischen Kontinent im 19. und 20. Jahrhundert ein faszinierendes Wachstum erlebt hat. […] Von schätzungsweise 4 Millionen, die sich im Jahr 1900 zum Christentum bekannten, ist das afrikanische Christentum bis zum Jahr 2000 auf über 300 Millionen Gläubige angewachsen.

Dies hat unter anderem zur Folge, dass es keine Länder gibt, die ausschließlich Missionare aussenden und andere, die ausschließlich Objekt der Mission sind. […] Die Geographie der Mission hat sich geändert! Gottlob hat sich die christliche Mission nunmehr von ihrer historischen Bindung an Kolonialisierung und Verwestlichung gelöst

Ich bin oft gefragt worden, warum Afrikaner die Mühe auf sich nehmen sollten, ihren Kontinent als Missionare zu verlassen, angesichts der vielen Probleme, die wir haben. Darauf antworte ich, dass die Berufung zur Mission kein Wettkampf der Selbstgenügsamkeit ist, bei dem nur diejenigen mitmachen können, die stark sind und keine Probleme haben. Diese ausschließende Tendenz ist problematisch, insofern sie Mission mit Macht, politischem Einfluss, materiellem Wohlstand, Kolonialisierung und Herrschaft in Verbindung bringt. Als afrikanische Missionarin sehe ich mich berufen, dieses Narrativ zu ändern und Neuheit, Einfachheit und Energie einzubringen, losgelöst von wirtschaftlicher und politischer Macht. […]

Verwundbarkeit ist zwar für die Mission unerlässlich, aber sie ist nicht leicht zu verwirklichen. Die Missionare, die ich in meiner Kindheit kennenlernte, galten nicht als verletzliche Männer und Frauen. Meine missionarische Berufung wurde von den irischen Missionaren geweckt, die in meinem Heimatland Pionierarbeit in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Seelsorge und Sozialarbeit leisteten. Sie waren beliebt und hochgeachtet. Doch meine Wunschvorstellung, selber auch diese heldenhafte, von allen bewunderte Missionarin zu werden, ging plötzlich in die Brüche!

Als ich 1994 Afrika verließ, wurde mir klar, dass man mich nicht als Missionarin empfing, sondern als Wanderarbeiterin, die auf der Suche nach einem besseren Leben gekommen war. Mein Wunsch nach völliger Selbsthingabe wurde erschüttert und ich wurde oft mit der Tatsache konfrontiert, dass man glaubt, eine Afrikanerin habe wenig zu bieten. Mir wurde klar, dass viele Nichtafrikaner den Kontinent Afrika bloß mit Armut, Krieg, Gewalt, Chaos, primitivem Leben, Krankheiten, ethnischen Konflikten, politischen Unruhen und Korruption in Verbindung bringen. Diese Tatsachen lassen sich zwar nicht leugnen, aber Afrika ist auch ein Land der Verheißung, das durch sein pulsierendes Leben, seine Widerstandsfähigkeit, Jugendlichkeit, Gemeinschaftsorientierung, Gastfreundschaft, Großzügigkeit und Religiosität besticht.

Als Missionarin aus Afrika habe ich gelernt, diese Verletzlichkeit anzunehmen, die mir durch Vorurteile aufgezwungen wurde, auch wenn ich mir bescheiden die Würde angeeignet habe, um das Narrativ zu ändern. Wir alle sind Opfer des Single-Story-Syndroms, das auf den Vorurteilen anderer über uns beruht. Wir alle schleppen die Last unserer Identitäten mit uns herum, und das wird noch offensichtlicher, wenn wir aus unserem eigenen Umfeld heraustreten und von den Urteilen anderer beeinflusst werden. Die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie hat das wunderschön formuliert: »Es ist nicht so, dass die einzelne Geschichte nicht wahr wäre, aber sie ist nicht die einzige Geschichte…«

Als Missionare sind wir aufgerufen, Gemeinschaft in Verschiedenheit zu schaffen und deren Schönheit und Zerbrechlichkeit anzunehmen. Zum Abschluss dieser Überlegungen möchte ich mich selbst und eine jede von uns einladen, unsere eigene Verwundbarkeit anzunehmen. Meine eigene Verwundbarkeit als Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft und Kirche, als Afrikanerin in einer Welt globaler Machtkämpfe, als Ordensfrau in einer Welt wachsender religiöser Gleichgültigkeit und Intoleranz, als Missionarin in einer fremdenfeindlichen Welt und als jemand, der in die Peripherie einer Welt gerufen wurde, in der nur das Zentrum zählt. Das heißt für mich, Verwundbarkeit anzunehmen.

#sistersproject

Von Sr. Anne Falola