Nachlese zum Weltfamilientreffen – Danny und Leila Abdallah

Vergebung als Schritt in die Freiheit

 Vergebung als Schritt in die Freiheit  TED-029
22 Juli 2022

Mein größter Schatz ist meine Familie. Davon ist Danny überzeugt, der mit seiner Frau Leila und den Kindern am Weltfamilientreffen in Rom teilgenommen hat. Sie haben libanesische Wurzeln, leben in Australien und gehören dem maronitischen Ritus an. Der maronitische Bischof der Eparchie des heiligen Maron von Sydney, Antoine-Charbel Tarabay, hatte sie gefragt, ob sie bereit wären, in Rom von ihren Erfahrungen zu berichten.

In der »Aula Paolo VI« erzählen die beiden am 25. Juni von ihrem Weg als Ehepaar und von dem, was vor zwei Jahren passiert ist. Danny Abdallah beginnt mit einer Liebeserklärung an seine Familie und stellt die Mitglieder vor, einschließlich des »Neuzugangs« Selina, zwölf Wochen alt. Der Tag, an dem sie Zeugnis geben, ist auch der 16. Geburtstag ihres Sohnes Antony, der am 1. Februar 2020 verstorben ist.

Der Vater berichtet von dem grausamen Schicksalsschlag, der die Familie getroffen hat: »Es war ein perfekter Sommertag. Sieben wunderbare Kinder waren auf dem Weg, um Eis zu kaufen, denn es war der 13. Geburtstag meiner Nichte.« Der harmlose Spaziergang verwandelte sich in einen der schlimms-ten Verkehrsunfälle der letzten Jahre in Australien: »Die sieben Kinder wurden von einem unter Drogen stehenden Betrunkenen erfasst, der mit 150 Stundenkilometern durch diese ruhige Vorortstraße brauste.« Es fällt Danny schwer, darüber zu sprechen und gefasst zu bleiben, aber er fährt fort: »Ich kam zum Unfallort. Es war wie ein Kriegsschauplatz. Vier Kinder tot, ihre kleinen, zerbrechlichen Körper fast nicht mehr zu erkennen. Die anderen drei, auch meine Tochter Liana, verletzt.« Immer mehr Polizei, Krankenwagen und Feuerwehr sei gekommen. Die Polizei habe den Ort mit einem Absperrband gesichert und ihn weggeschickt. Aus der Ferne habe er gesehen, wie die Polizei die Kinder mit weißen Tüchern bedeckt habe. Sie waren tot. In seinem Herzen habe er zu Gott gesagt: »Das ist zu viel für mich, ich übergebe es dir.«

Seine Frau Leila ergänzt: »Ich kam kurz nach Danny an den Ort, wo vier meiner Kinder in den Unfall verwickelt waren, mehr als die Hälfte meiner Familie. Es war der Horror. Um mich herum schrien die Leute, aber ich war ruhig. Ich begann zu beten und bat die Leute in meiner Nähe, dasselbe zu tun, denn ich glaubte, Gott würde ein Wunder vollbringen. Nichts ist unmöglich bei Jesus. Ich war zuversichtlich, dass er meinen Kindern kein Leid geschehen ließe. Meine Tochter Liana, die blutete, kam auf mich zu. Sie musste ins Krankenhaus, und ich ging mit ihr zum Krankenwagen, immer noch in dem Glauben, dass die anderen nachkommen würden. Erst als Danny mit vier Priestern im Krankenhaus ankam, wurde mir klar, dass drei meiner Kinder gestorben waren. Ich weinte, schrie und bat, dass das nicht wahr wäre.«

Sieben Mal, für jedes Kind

Zwei Tage später sei sie nochmals an den Unfallort gegangen, der ein Blumenmeer gewesen sei. »Ich habe mich an den Stellen hingekniet, wo die Kinder nach dem Unfall lagen, und habe gebetet: ein Vaterunser, ein Gegrüßet seist du Maria und das Fatima-Gebet. Sieben Mal, für jedes Kind. Ich fühlte mich schwer, als würde ich den Kreuzweg gehen, und alles was ich sehen konnte, war Jesus am Kreuz. Als die Leute von den Medien auf mich zukamen, waren sie sprachlos. Was fragt man eine Mutter, die von einem Augenblick auf den anderen die Hälfte ihrer Kinder verloren hat?« Ihre Worte seien aus dem Herzen gekommen: »Danny und ich waren gesegnet mit sechs wundervollen Kindern.« Sie hätten sie im Glauben erzogen, sie gelehrt, dass sie einander lieben, beten, in der Bibel lesen. Auch hätten die Kinder gerne im »Jesus-Team« den Obdachlosen zu Essen gebracht. Über den Fahrer des Autos habe sie gesagt: »Ich hasse ihn nicht. Ich denke, in meinem Herzen vergebe ich ihm, aber ich will, dass das Gericht fair ist.« Die Auswirkung ihrer Worte sei ihr nicht bewusst gewesen und sie glaube, dass der Heilige Geist ihre Lippen bewegt habe, Worte der Vergebung zu sprechen.

Auf die Frage der Medien, wie man der Familie helfen könne, habe sie gesagt, dass die Menschen kommen sollten, um am Unfallort den Kreuzweg zu beten. Tausende seien in dieser Nacht gekommen. Dann habe sie vorgeschlagen, den Rosenkranz zu beten, und Tausende seien auch in der nächsten Nacht gekommen. »Und so war es jede Nacht, bis zur Beerdigung. Die Meldungen in den Medien handelten mehr von Vergebung und dem Glauben als vom Unfall.« Man habe sich gefragt, wie das möglich sei, in dieser Situation zu vergeben, zu glauben.

Bevor Vater Danny wieder das Wort ergreift, gibt er die kleine Selina an seine Frau weiter. Er hatte sie aus den Armen der Tochter genommen, wo sie unruhig und etwas laut geworden war. Danny hat sie in weit ausholenden Schwüngen auf seinen Armen durch die Luft geschaukelt, was tatsächlich zur Folge hat, dass die Kleine einschläft. Er weiß eben, wie er sein Kind beruhigen kann. Dass seine Frau so schnell vergeben konnte, habe ihn nicht gewundert. Jeder, der Leila kenne, wisse, dass sie sich so entscheiden würde: »Wir kommen aus einer libanesischen Großfamilie. Je größer die Familie, desto größer die Probleme, und desto größer ist das Maß an Liebe und Vergebung, das du brauchst.« Sie hätten ihre Familie auf das Gebet gegründet. Das Vaterunser sei ein sehr machtvolles Gebet, wenn man wirklich meine, was man sage: »wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«. Als seine Kinder starben, habe er die Wahl gehabt: »Welchen Weg gehe ich? Den Weg der Zerstörung, der Betäubung mit Drogen und Alkohol? Oder akzeptiere ich diesen Schmerz?« Der Schmerz sei unerträglich, er habe schlaflose Nächte und auch Tage, an denen alles hoffnungslos scheine. Die Entscheidung zur Vergebung, nehme ihm den Schmerz nicht, aber es bestimme, in welche Richtung die Familie für den Rest ihres Leben gehe: gefangen sein im Tal des Schmerzes, versklavt vom Trauma dieser Nacht, oder wieder aufwärts. Er habe sich selbst vergeben müssen, dass er die Kinder zu diesem Spaziergang aufgefordert habe. Die Kinder hätten sicherlich über den Fahrer gesagt: »Dad, vergib ihm.«

Nach diesem harten Schlag habe er das Leiden Jesu besser verstanden, seine Bedeutung: Gott sei ein guter Vater, der selbst zuerst sehr gelitten und ihm gezeigt habe, wie auch er handeln solle. Vergebung sei mehr für den, der sie ausspreche, als für den, der sie empfange, weil es der Beginn einer Heilung sei. Außerdem sei dies eine täglich neue Entscheidung: nicht dem Hass nachzugeben. »Ich tue dies auch für meine Kinder.«

Anschließend spricht Leila über die Bedeutung dieses Aktes der Vergebung auch für ihre Ehe: »Die Vergebung machte es möglich, dass meine Ehe das überlebt hat. Danny und mich hat es gelehrt, einander mit einem Blick des Mitleids und des Mitgefühls zu sehen. Es hat einen Heilungsprozess in uns allen in Gang gesetzt. Unsere Kinder können in die Zukunft blicken und an Gott glauben.«

Während einer der Söhne, etwa sieben Jahre alt, mit dem Bein seiner neuen Schwester spielt, bringt sie ihr Staunen zum Ausdruck: »Ich hätte mir nie vorstellen können, dass wir an Antonys Geburtstag im Vatikan sein würden, um über Vergebung zu sprechen, und von hier aus möchte ich meinem Sohn einen glücklichen, himmlischen 16. Geburtstag wünschen.« Leila ist den Tränen nahe und fügt leise hinzu, wie sehr sie ihren Sohn liebt: »I love you so much.« Es folgt ein langer Applaus der Anwesenden, die sich ihr anzuschließen scheinen. Eine starke Gemeinschaft entsteht, andere Familien aus der ganzen Welt fühlen mit ihr mit, sie stützen sich gegenseitig.

Aus ihrer Erfahrung heraus gibt sie dann einen Rat: »Durch Gottes Gnade und Barmherzigkeit waren wir in der Lage, zu vergeben. Jesus hat uns aufgefordert, siebzigmal siebenmal zu vergeben. Üben Sie sich täglich in Vergebung. Wenn Sie in der Lage sein wollen, etwas Großes zu vergeben, beginnen Sie damit, sich selbst und Ihrer Familie zu vergeben. Suchen Sie Gottes Barmherzigkeit, Liebe und die Vergebung der Sünden in der Beichte.«

Dabei unterstreicht sie: »Ich spreche nicht von einem Standpunkt der Perfektion aus. Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein. Keiner von uns ist perfekt. Unsere Kinder waren nicht perfekt. Die Heiligen waren auch nicht perfekt. Je weniger perfekt wir sind, desto mehr Gelegenheit haben wir, um Vergebung zu bitten. Liebe bedeutet, jemanden in seiner Unvollkommenheit und in seiner Sünde zu lieben und ihm trotzdem zu vergeben.«

Wie ein Muskel

Anschließend spricht sie über den »Weg zur Heiligkeit«, der laut dem Motto des Weltfamilientreffens die Liebe in der Familie kennzeichnet: »Wir alle sind dazu berufen, durch Liebe und Vergebung Heilige zu werden. Vergebung als unser Weg zur Heiligkeit begann nicht an dem Tag, an dem uns die Kinder weggenommen wurden, und sie endete auch nicht an dem Tag, an dem wir dem Fahrer verziehen haben. Vergebung ist wie ein Muskel. Er wird stärker, wenn man ihn immer wieder anspannt. Vergebung muss ein fester Bestandteil des Lebens jeder christlichen Familie sein.« Jeder habe ein Kreuz zu tragen: »Wir können nicht kontrollieren, was uns widerfährt, aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren.« Als Christ könne man sich auch an der Schulter Jesu ausweinen.

Danny pflichtet seiner Frau bei: »Wenn wir Ihnen heute etwas mit auf den Weg geben können, dann wäre es, Sie zu ermutigen, zu beten, jeden Tag Vergebung zu üben und Ihren Kindern dasselbe beizubringen.« Das Ehepaar hat einen Weg gefunden, anderen zu helfen: »Im Gedenken an unsere Kinder haben wir die Tragödie in einen Tag der Vergebung verwandelt. Der nationale ›i4Give Day‹ [Ich-Vergebe-Tag] wird in Australien jedes Jahr am 1. Februar begangen, und es ist eine Bewegung, die das ganze Jahr über andauert.« Außerdem gibt es eine Stiftung und eine Internetseite (i4give.com), die von dem Weg zur Vergebung handelt und Möglichkeiten aufzeigt. »Die Menschen sehnen sich nach Vergebung und beginnen zu verstehen, welche Freiheit sie bringt«, unterstreicht Danny Abdallah. Dies sei nicht nur eine Botschaft für Katholiken oder Christen, sondern sie sei für die ganze Welt bestimmt. »Wir als Katholiken haben die Pflicht, die Botschaft der Vergebung zu verbreiten. Mit Gottes Hilfe können wir in der Welt etwas bewirken.« Dazu möchte das Ehepaar insbesondere auch im Libanon und im Nahen Osten beitragen.

Am Ende gibt es einen langen Applaus, bei dem die Anwesenden aufstehen.

Johanna Weißenberger