Generalaudienz auf dem Petersplatz am 22. Juni

Die Nachfolge Jesu in Gesundheit und Krankheit

 Die Nachfolge Jesu in Gesundheit und  Krankheit  TED-026
01 Juli 2022

Liebe Brüder und Schwestern,

herzlich willkommen und guten Tag!

In unserer Katechesereihe über das Alter denken wir heute über das Gespräch zwischen dem auferstandenen Jesus und Petrus am Ende des Johannesevangeliums (21,15-23) nach. Es ist ein bewegendes Gespräch, das die ganze Liebe Jesu zu seinen Jüngern durchscheinen lässt und auch die erhabene Menschlichkeit seiner Beziehung zu ihnen, insbesondere zu Petrus: eine zärtliche, aber nicht süßliche, sondern eine direkte, starke, freie, offene Beziehung. Eine menschliche Beziehung in der Wahrheit. So schließt das Johannesevangelium, das so geistlich, so erhaben ist, mit einer Liebesbitte und einem Liebesangebot zwischen Jesus und Petrus, die ergreifend und ganz natürlich mit einer Diskussion zwischen ihnen verknüpft sind. Der Evangelist warnt uns: Er legt Zeugnis ab von der Wahrheit der Dinge (vgl. Joh 21,24). Und in ihnen muss die Wahrheit gesucht werden.

Wir können uns fragen: Sind wir in der
Lage, den Grundton dieser Beziehung Jesu zu den Aposteln zu bewahren, in diesem so offenen, so freimütigen, so direkten, so menschlich realen Stil? Wie sieht unsere Beziehung zu Jesus aus? Ist sie so wie die Beziehung, die er zu den Aposteln hatte? Sind wir nicht vielmehr sehr oft versucht, das Zeugnis des Evangeliums in den Kokon einer »süßlichen« Offenbarung zu verschließen, der wir unsere gelegentliche Verehrung hinzufügen können? Diese Haltung, die den Anschein von Respekt hat, entfernt uns in Wirklichkeit vom wahren Jesus und wird sogar zur Gelegenheit für einen sehr abstrakten, sehr selbstbezogenen, sehr weltlichen Glaubensweg, der nicht der Weg Jesu ist. Jesus ist das mensch-gewordene Wort Gottes, und er verhält sich wie ein Mensch, er spricht zu uns wie ein Mensch, Gott und Mensch. Mit dieser Zärtlichkeit, mit dieser Freundschaft, mit dieser Nähe. Jesus ist nicht wie jene kitschigen Heiligenbildchen, nein: Jesus ist uns greifbar nahe.

Im Verlauf des Gesprächs zwischen Jesus und Petrus finden wir zwei Abschnitte, die das Alter und die Dauer der Zeit betreffen: die Zeit des Zeugnisses, die Zeit des Lebens. Der erste Schritt ist die Ermahnung, die Jesus an Petrus richtet: Als du jung warst, warst du selbständig, wenn du alt sein wirst, wirst du nicht mehr so sehr Herr über dich und dein Leben sein. Das braucht man mir nicht zu sagen, der ich im Rollstuhl fahren muss! Aber es ist so, das Leben ist so: Mit dem Alter kommen all diese Krankheiten, und wir müssen sie so nehmen, wie sie kommen, nicht wahr? Wir haben nicht die Kraft der jungen Menschen! Und auch dein Zeugnis – sagt Jesus – wird diese Schwäche begleiten. Du musst auch in der Schwäche, in der Krankheit und im Tod Zeuge Jesu sein. Es gibt ein schönes Wort des heiligen Ignatius von Loyola, der sagt: »So wie im Leben müssen wir auch im Tod Zeugnis geben als Jünger Jesu.« Das Lebensende muss ein Lebensende als Jünger sein: als Jünger Jesu, denn der Herr spricht immer so zu uns, wie es unserem Alter entspricht.

Der Evangelist fügt in seinem Kommentar, in dem er erklärt, dass Jesus auf das letzte Zeugnis anspielt, das Martyrium und den Tod hinzu. Wir können den Sinn dieser Ermahnung jedoch auch allgemeiner verstehen: Deine Nachfolge muss lernen, sich von deiner Schwäche, von deiner Machtlosigkeit, von deiner Abhängigkeit von anderen – sogar beim Anziehen und beim Gehen – anleiten und formen zu lassen. Du aber »folge mir nach« (V. 19). Die Nachfolge Jesu geht immer voran, bei guter Gesundheit, bei nicht guter Gesundheit, bei physischer Selbständigkeit und bei Unselbständigkeit. Aber wichtig ist die Nachfolge Jesu: Jesus immer nachfolgen, zu Fuß, mit schnellem Schritt, langsam, im Rollstuhl, aber ihm immer nachfolgen. Die Weisheit der Nachfolge muss den Weg finden, immer in ihrem Glaubensbekenntnis zu bleiben – so antwortet Petrus: »Herr, du weißt, dass ich dich liebe« (V. 15.16.17) –, auch im beschränkten Zustand der Schwäche und des Alters. Ich spreche gern mit alten Menschen und schaue ihnen in die Augen: Sie haben glänzende Augen; Augen, die mehr sagen als Worte, das Zeugnis eines Lebens. Und das ist schön, wir müssen es bis ans Ende bewahren. Jesus so nachfolgen, voller Leben.

Dieses Gespräch zwischen Jesus und Petrus enthält eine kostbare Lehre für alle Jünger, für uns alle, die wir gläubig sind. Und auch für alle alten Menschen. Aus unserer Schwäche lernen und die Konsequenz unseres Lebenszeugnisses unter den Bedingungen eines Lebens zum Ausdruck bringen, das
anderen anvertraut ist, das in großem Umfang von der Initiative anderer abhängt. Mit der Krankheit, mit dem Alter wächst die
Abhängigkeit und sind wir nicht mehr so selbständig wie vorher; es wächst die Abhängigkeit von den anderen, und auch dort reift der Glaube, auch dort ist Jesus bei uns,
auch dort sprudelt jener Reichtum des Glaubens hervor, der auf dem Lebensweg gut gelebt wurde.

Aber erneut müssen wir uns fragen: Verfügen wir über eine Spiritualität, die wirklich in der Lage ist, den – nunmehr langen und weit verbreiteten – Lebensabschnitt dieser Zeit unserer Schwäche, die mehr anderen als der Kraft unserer Unabhängigkeit anvertraut ist, zu verstehen? Wie kann man der gelebten Nachfolge, der versprochenen Liebe, der in der Zeit unserer Fähigkeit zur Initiative gesuchten Gerechtigkeit treu bleiben in der Zeit der Abhängigkeit, des Abschieds, in der Zeit, in der wir uns vom Protagonismus unseres Lebens entfernen? Es ist nicht leicht, sich davon zu entfernen, Protagonisten zu sein, es ist nicht leicht.

Diese neue Zeit ist auch eine Zeit der Prüfung, gewiss. Begonnen bei der – zweifellos sehr menschlichen, aber auch sehr heimtückischen – Versuchung, unseren Protagonismus zu bewahren. Und manchmal muss der Protagonist kleiner werden, muss er sich erniedrigen, akzeptieren, dass das Alter dich als Protagonisten erniedrigt. Aber du wirst eine andere Art haben, dich auszudrücken, eine andere Art der Teilhabe in der Familie, in der Gesellschaft, im Freundeskreis. Und Petrus wird von Neugier erfasst: »Und er?«, sagt Petrus, als er den Jünger sieht, den Jesus liebte, und der ihnen folgte (vgl. V. 20-21). Die Nase in das Leben der anderen stecken. Nein. Jesus sagt: »Sei still!« Muss er sich gerade in »meiner« Nachfolge aufhalten? Soll er denn »meinen« Raum einnehmen? Wird er mein Nachfolger sein? Das sind Fragen, die nichts nützen, die nicht helfen. Wird er mich überleben und meinen Platz einnehmen? Und die Antwort Jesu ist offen, ja sogar grob: »Was geht das dich an? Du folge mir nach!« (V. 22). So als wollte er sagen: Kümmere dich um dein eigenes Leben, um deine jetzige Situation, und steck nicht die Nase in das Leben anderer. Du folge mir nach.

Ja, das ist wichtig: die Nachfolge Jesu, Jesus im Leben und im Tod, in Gesundheit und in Krankheit nachzufolgen, im Leben, wenn es mit vielen Erfolgen gesegnet ist, und auch im schwierigen Leben mit vielen furchtbaren Augenblicken des Fallens. Und wenn wir uns in das Leben der anderen einmischen wollen, antwortet Jesus: »Was geht das dich an? Du folge mir nach!« Wunderschön. Wir alten Menschen dürfen nicht neidisch sein auf die jungen Menschen, die ihren Weg gehen, die unseren Platz besetzen, die uns überleben. Die Ehre unserer Treue zur geschworenen Liebe, die Treue zur Glaubensnachfolge sind auch unter den Bedingungen, die uns dem Abschied vom Leben annähern, unser Titel für das Recht auf Bewunderung durch die kommenden Generationen und auf dankbare Anerkennung von Seiten des Herrn. Lernen, Abschied zu nehmen: Das ist die Weisheit der alten Menschen. Aber gut Abschied nehmen, mit einem Lächeln; lernen, Abschied zu nehmen von der Gesellschaft, Abschied zu nehmen von den anderen. Das Leben des alten Menschen ist ein ganz langsamer Abschied, aber ein freudiger Abschied: Ich habe das Leben gelebt, ich habe meinen Glauben bewahrt. Das ist schön, wenn ein alter Mensch das sagen kann: »Ich habe das Leben gelebt, dies ist meine Familie; ich habe das Leben gelebt, ich bin ein Sünder gewesen, aber ich habe auch Gutes getan.« Und dieser Friede, der kommt, das ist der Abschied des alten Menschen.

Sogar jene gezwungenermaßen untätige Nachfolge, die aus innerlich bewegter Betrachtung und verzücktem Hören des Wortes des Herrn besteht – wie jene von Maria, der Schwester des Lazarus – wird der bessere Teil ihres Lebens werden, unseres Lebens, des Lebens der alten Menschen. Möge uns dieser Teil nie mehr genommen werden,
nie (vgl. Lk 10,42). Schauen wir auf
die alten Menschen, schauen wir sie an, und helfen wir ihnen, damit sie leben und ihre Lebensweisheit zum Ausdruck bringen können, damit sie uns das Schöne und das Gute,
das sie haben, geben können. Schauen wir sie an, hören wir ihnen zu. Und wir alten Menschen müssen die jungen Menschen immer mit einem Lächeln anschauen: Sie werden dem Weg folgen, sie werden das voranbringen, was wir gesät haben, weil wir nicht den Mut oder die Gelegenheit gehabt haben: Sie werden es voranbringen. Aber immer diese gegenseitige Beziehung: Ein alter Mensch kann nicht glücklich sein, ohne die jungen Menschen anzuschauen, und die jungen Menschen können im Leben nicht vorangehen, ohne die alten Menschen anzuschauen. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 22.6.2022)