Generalaudienz auf dem Petersplatz am 1. Juni

Die Würde eines liebevollen Zusammenlebens mit alten und kranken Menschen

 Die Würde eines liebevollen Zusammenlebens mit alten und kranken Menschen  TED-023
10 Juni 2022

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Das schöne Gebet des alten Menschen, dem wir in Psalm 71, den wir soeben gehört haben, begegnen, ermutigt uns, über die starke Spannung nachzudenken, die dem Alter innewohnt, wenn die Erinnerung an die überwundenen Mühen und an die empfangenen Segnungen auf die Probe des Glaubens und der Hoffnung gestellt wird.

Die Prüfung ist schon durch die Schwäche vorhanden, die den Gang durch die Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit des fortgeschrittenen Alters begleitet. Und der Psalmist – ein alter Mensch, der sich an den Herrn wendet – erwähnt ausdrücklich die Tatsache, dass dieser Prozess manchmal zu Einsamkeit, Betrug, unwürdiger Behandlung und Anmaßung führt, die zuweilen auf den alten Menschen niedergehen. Eine Form der Niedertracht, auf die wir uns in unserer Gesellschaft derzeit spezialisieren. Das ist wahr! In dieser Wegwerfgesellschaft, dieser Wegwerfkultur werden die alten Menschen an den Rand gedrängt und erleiden diese Dinge. Denn es fehlt nicht an jenen, die das Alter des alten Menschen ausnutzen, um ihn zu betrügen, ihn auf vielerlei Weise einzuschüchtern. Oft lesen wir in den Zeitungen oder hören Nachrichten über alte Menschen, die skrupellos hintergangen werden, um sich ihrer Ersparnisse zu bemächtigen; oder die schutzlos oder verwahrlost zurückgelassen werden; oder beleidigt durch Formen der Verachtung und eingeschüchtert, damit sie auf ihre Rechte verzichten. Auch in den Familien – und das ist schlimm, aber es passiert auch in den Familien – geschehen solche Grausamkeiten. Die weggeworfenen alten Menschen, einsam in Altenheimen, ohne dass die Kinder sie besuchen – oder wenn sie hingehen, dann wenige Male im Jahr. Der alte Mensch, der in die Ecke des Lebens gestellt wird. Und das geschieht: Es geschieht heute, es geschieht in den Familien, es geschieht immer. Wir müssen darüber nachdenken.

Die ganze Gesellschaft muss sich beeilen, Sorge zu tragen für ihre alten Menschen – sie sind der Schatz! –, die immer zahlreicher und oft auch einsamer sind. Wenn wir von alten Menschen hören, die ihrer Unabhängigkeit, ihrer Sicherheit, ja sogar ihrer Wohnung beraubt sind, verstehen wir, dass die Ambivalenz der heutigen Gesellschaft gegen-über dem Alter kein Problem gelegentlicher Notlagen ist, sondern ein Wesenszug jener Wegwerfkultur, die die Welt, in der wir leben, vergiftet. Der alte Mensch in dem Psalm vertraut Gott seinen Kummer an, indem er sagt: »Meine Feinde haben gegen mich geredet, die auf mich lauern, haben sich gemeinsam beraten. Sie sagen: Gott hat ihn verlassen. Verfolgt und ergreift ihn! Für ihn gibt es keinen Retter« (V. 10-11). Die Folgen sind fatal. Das Alter verliert nicht nur seine Würde, sondern man zweifelt sogar, dass es verdient, fortgesetzt zu werden. So sind wir alle versucht, unsere Verletzlichkeit zu verbergen, unsere Krankheit, unser hohes Alter zu verbergen, weil wir fürchten, dass sie das Vorzimmer zum Verlust unserer Würde sind. Fragen wir uns: Ist es menschlich, dieses Gefühl einzuflößen? Wieso ist die moderne Zivilisation, die so fortgeschritten und effizient ist, so befangen gegenüber der Krankheit und dem Alter, versteckt sie die Krankheit, versteckt sie das Alter? Und wieso ist die Politik, die sich so bemüht zeigt, die Grenzen eines würdevollen Überlebens zu definieren, gleichzeitig insensibel gegenüber der Würde eines liebevollen Zusammenlebens mit alten und kranken Menschen?

Der alte Mensch in dem Psalm, den wir gehört haben, dieser alte Mensch, der sein Alter als eine Niederlage betrachtet, entdeckt das Vertrauen in den Herrn wieder. Er verspürt das Bedürfnis, Hilfe zu bekommen. Und er wendet sich an Gott. Der heilige Augustinus ermahnt den alten Menschen in seinem Kommentar zu diesem Psalm: »Fürchte dich nicht, in deinem Alter verlassen zu sein. […] Warum fürchtest du, dass [der Herr] dich verlässt, dass er dich zurückweist, wenn du alt bist und deine Kraft schwinden wird? Im Gegenteil: Gerade dann wird seine Kraft in dir sein, wenn deine Kraft schwinden wird« (PL 36, 881-882). Und der alte Psalmist fleht: »Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit! Neige dein Ohr mir zu und hilf mir! Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung« (V. 2-3). Das Flehen bezeugt Gottes Treue und ruft seine Fähigkeit auf den Plan, die von der Insensibilität verirrten Gewissen aufzurütteln für das Gleichnis des sterblichen Lebens, das in seiner Unversehrtheit bewahrt werden muss. Weiter betet er: »Gott, bleib doch nicht fern von mir! Mein Gott, eile mir zu Hilfe! Alle, die mich bekämpfen, sollen scheitern und untergehen. Über sie komme Schmach und Schande, weil sie mein Unglück suchen« (V. 12-13).

Tatsächlich sollte Schande über jene kommen, die die Schwäche der Krankheit und des Alters ausnutzen. Das Gebet erneuert im Herzen des alten Menschen die Verheißung der Treue und des Segens Gottes. Der alte Mensch entdeckt das Gebet wieder und bezeugt seine Kraft. Jesus weist in den Evangelien nie das Gebet dessen zurück, der Hilfe braucht. Die alten Menschen können aufgrund ihrer Schwäche jene, die sich in anderen Lebensabschnitten befinden, lehren, dass wir alle uns auf den Herrn verlassen, um seine Hilfe bitten müssen. In diesem Sinne müssen wir alle vom Alter lernen: Ja, es liegt ein Geschenk darin, alt zu sein, in dem Sinne, dass wir uns der Pflege anderer überlassen, begonnen bei Gott selbst.

Es gibt also ein »Lehramt der Schwäche«. Man darf die Schwächen nicht verbergen, nein. Sie sind echt, es gibt eine Wirklichkeit der Schwäche, und es gibt ein Lehramt der Schwäche, die das Alter glaubwürdig vergegenwärtigen kann für den ganzen Lauf des menschlichen Lebens. Das Alter nicht verbergen, die Schwächen des Alters nicht verbergen. Das ist eine Lehre für uns alle. Dieses Lehramt öffnet einen entscheidenden Horizont auch für die Reform unserer Zivilisation. Eine nunmehr unverzichtbare Reform zum Nutzen des Zusammenlebens aller. Die – sowohl begriffliche als auch praktische – Ausgrenzung der alten Menschen verdirbt alle Lebensabschnitte, nicht nur den des Alters. Jeder von uns kann heute an die alten Menschen der Familie denken: Wie stehe ich zu ihnen in Beziehung, denke ich an sie, besuche ich sie? Kümmere ich mich darum, dass ihnen nichts fehlt? Respektiere ich sie? Habe ich die alten Menschen in meiner Familie – Mutter, Vater, Großvater, Großmutter, Tanten und Onkel, Freunde – aus meinem Leben gestrichen? Oder gehe ich zu ihnen, um Weisheit zu empfangen, Lebensweisheit? Denk daran, dass auch du einmal alt sein wirst. Das Alter kommt für alle. Und so wie du im Alter behandelt werden möchtest, so behandle
die alten Menschen heute. Sie sind die Erinnerung der Familie, die Erinnerung der Menschheit, die Erinnerung des Landes. Die alten Menschen schützen: Sie sind Weisheit. Der Herr gewähre den alten Menschen, die zur Kirche gehören, die Großherzigkeit dieser Bitte und dieser Herausforderung. Möge dieses Vertrauen auf den Herrn uns anstecken. Und zwar zum Wohl aller: zu ihrem und zu unserem Wohl und zu dem unserer Kinder.

(Orig. ital. in O.R. 1.6.2022)