Den Reichtum der Geschichte achten

03 Juni 2022

Vatikanstadt. Papst Franziskus hat am Samstag, 28. Mai, die Mitglieder des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften in Audienz empfangen. Dabei forderte er sie auf, den Reichtum und die Vielfalt historischer Realitäten im Blick zu behalten. Dies gelte besonders für die vielen Ausdrucksformen, in denen die christliche Botschaft über die Jahrhunderte hindurch verkörpert und gelebt worden sei. Daran, so der Papst, erkenne man »das fruchtbare Wirken des Heiligen Geistes in der Geschichte«.

Mit einer Anekdote erläuterte Franziskus, welche Art von überraschenden Einsichten er sich von offenen und dialogbereiten Historikern erwarte. Vor 100 Jahren, am 6. Februar 1922, habe der kurz zuvor gewählte Papst Pius XI. der Kirche und der Zivilgesellschaft einen gleichermaßen überraschenden wie entscheidenden Hinweis gegeben. »Unmittelbar nach seiner Wahl wollte Papst Pius XI. sein Pontifikat mit einem Blick aus der Au-ßenloggia der Vatikanbasilika einleiten, anstatt aus der Innenloggia, wie es seine drei Vorgänger getan hatten.« Seit dem Untergang des Kirchenstaates 1870 hatten sich die Päps-te geweigert, den Segen von der Außenloggia in Richtung Petersplatz und Königreich Italien zu spenden. An jenem 6. Februar aber, so Franziskus weiter, soll »40 Minuten lang versucht worden sein, das Fenster zu öffnen, das im Laufe der Zeit verrostet war, weil es nie benutzt wurde. Mit dieser Geste lud Pius XI. uns ein, den Blick auf die Welt zu richten und uns in den Dienst der Gesellschaft unserer Zeit zu stellen.«

Das päpstliche Historiker-Komitee wurde 1954 von Papst Pius XII. ins Leben gerufen als Nachfolgeorganisation der 1883 gegründeten Kardinalskommission für die Historischen Studien. Das Komitee berät vatikanische Einrichtungen und Behörden in Fragen der Geschichte und pflegt den wissenschaftlichen Austausch mit anderen Institutionen der Geschichtswissenschaft.

Einer der langjährigen Präsidenten (1998-2009) des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften war der Augsburger Kirchengeschichtler Walter Brandmüller, den Papst Benedikt XVI. 2010 zum Kardinal ernannte. Aktueller Präsident ist der französische Prämonstratenser und Historiker Bernard Ardura. Auch die deutschen His-toriker Johannes Helmrath und Gert Melville, die Kunsthis-torikerin Elisabeth Kieven sowie der Österreicher Werner Maleczek gehören dem päpstlichen Komitee an.