Audienz für eine Delegation des »Global Researchers Advancing Catholic Education Project« (GRACE) aus Irland

Bildung im Spannungsfeld von Risiko und Sicherheit

 Bildung im Spannungsfeld von Risiko und Sicherheit  TED-022
03 Juni 2022

Papst Franziskus hat die am Internationalen Forschungsprojekt zur Förderung katholischer Bildung beteiligten Lehrer und Pädagogen zu einer menschlichen und ganzheitlichen Bildung ermutigt. Das Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Boston College in den USA, der University of Notre Dame in Australien, dem Mary Immaculate College Limerick in Irland, der Saint Mary’s University Twickenham in Großbritannien und dem Internationalen Büro für katholische Bildung in Rom. Der verantwortliche Leiter Eamonn Conway von der Fakultät für Theologie und Religionswissenschaft am College von Limerick stellte dem Papst das Projekt vor. Franziskus hielt die folgende Ansprache in freier Rede und sagte zunächst auf Englisch:

Vielen Dank für euren Besuch. Ich habe in Irland gelebt, in Dublin, in Milltown Park, um Englisch zu lernen. Ich habe Englisch gelernt, aber ich habe es vergessen, entschuldigt! Ich werde auf Italienisch sprechen. Anschließend fuhr Franziskus auf Italienisch fort: Herzlichen Dank für euren Besuch. Ich bin glücklich, besonders nachdem ich Ihnen zugehört habe [an den verantwortlichen Leiter gerichtet]. Ich habe fast alles verstanden, aber es ging mit hundert Sachen vorwärts, und manchmal habe ich nichts verstanden! Aber mir hat diese Sicht der Bildung gefallen – ich sage es mit meinen eigenen Worten – im Spannungsfeld zwischen Risiko und Sicherheit. Was ihr tut, ist etwas Schönes. Wir müssen mit einer Vorstellung von Bildung brechen, der zufolge Ausbilden bedeutet, den Kopf mit Ideen anzufüllen. Auf diese Weise erziehen wir Automaten, »Makrozephale«, aber keine Menschen. Ausbilden heißt, in der Spannung zwischen Kopf, Herz und Händen etwas zu riskieren, in Harmonie: ich denke, was ich fühle und tue; ich fühle, was ich denke und tue; ich tue, was ich fühle und denke. Es ist eine Harmonie.

Der Ariadnefaden

Aber wir brauchen den Faden der Ariadne, um aus den Labyrinthen herauszufinden… Ich denke auch an das Labyrinth des Lebens: Der heranwachsende Junge oder das heranwachsende Mädchen verstehen Vieles nicht. Was ist der Ariadnefaden, um den jungen Menschen zu helfen, sich nicht im Labyrinth zu verirren? Den Weg gemeinsam gehen. Man kann nicht erziehen und ausbilden, ohne gemeinsam mit den Menschen, die man ausbildet, unterwegs zu sein. Es ist schön, wenn es Erzieher und Lehrer gibt, die gemeinsam mit den Jungen und Mädchen auf dem Weg sind. Und ihr sagt [im Untertitel des Buches, das ihr mir geschenkt habt] etwas sehr Schönes: »When Rhetoric Meets Reality« [Wenn Rhetorik auf die Realität trifft]. Ausbilden bedeutet, nicht nur rein rhetorische Dinge zu sagen. Ausbilden bedeutet, das, was man sagt, mit der Realität zusammenzubringen. Die Jungen, die Mädchen haben das Recht, Fehler zu machen, aber der Lehrer begleitet sie auf dem Weg, um diesen Fehlern Orientierung zu geben, damit sie nicht gefährlich werden. Der wahre Lehrer erschrickt niemals vor den Fehlern oder Irrtümern, nein: Er nimmt an der Hand, hört zu, führt einen Dialog. Er erschrickt nicht und wartet. Das ist menschliche Bildung. Wie ihr seht, existiert eine abgrundtiefe Kluft zwischen dem Erbe der makrozephalen Bildung und der eigentlichen Bildung, die aus diesem Vorangehen und Wachsen-Lassen besteht, dieser Hilfe beim Wachsen. Ich danke euch für diesen menschlichen Ansatz bei der Bildung. Und voran, nur Mut!

Der letzte Punkt, auf den Sie [erneut an den Verantwortlichen gewandt] hingewiesen haben: Der Dialog zwischen Jung und Alt ist wichtig. Das ist sehr wichtig. Sogar unter Umgehung der Eltern: nicht als Rebellion, sondern um die Quelle zu suchen. »The roots«, die Wurzeln. Denn um zu wachsen, braucht der Baum eine enge Beziehung zu den Wurzeln. Nicht, um bei den Wurzeln stehenzubleiben, nein, sondern um mit den Wurzeln in Beziehung zu stehen. Es gibt einen Dichter aus meinem Land, der etwas Schönes sagt: »Alles, was der Baum an Blüte hat, kommt von dem, was er unter der Erde hat.« Ohne Wurzeln können wir nicht vorankommen. Nur mit Wurzeln werden wir zu Menschen: keine Statuen aus dem Museum, wie gewisse kalte, steife, rigide Traditionalis-ten, die meinen, für das Leben zu sorgen bedeute, an den Wurzeln zu kleben. Wir brauchen diese Beziehung zu unseren Wurzeln, aber wir müssen auch vorangehen.

Dynamische Tradition

Und das ist die wahre Tradition: aus der Vergangenheit nehmen, um voranzukommen. Die Tradition ist nicht statisch, sondern dynamisch und nach vorne orientiert. Es gab im 5. Jahrhundert einen französischen Theologen, einen Mönch, der sich in dieser Hinsicht fragte, wie das Dogma sich weiterentwickeln könnte, ohne die Inspiration seiner eigenen Tradition zu zerstören, wie es wachsen sollte, ohne sich in der Vergangenheit zu verstecken. Und er sagte auf Lateinisch: »Ut annis scilicet consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate«: Es schreitet voran, festigt sich mit den Jahren, entwickelt sich mit der Zeit und vertieft sich mit dem Alter. »Consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate«, das ist Tradition: Wir müssen in der Tradition ausbilden, aber mit dem Ziel, zu wachsen.

Zum Schluss sagte der Papst wieder auf Englisch: Vielen Dank, vielen Dank für eure Arbeit. Vielen Dank, vielen Dank. Und nun werde ich euch, die ihr aus dem grünen Irland kommt, den Segen geben [Segen].

Im Folgenden veröffentlichen wir die vorbereitete Ansprache, die der Delegation in schriftlicher Form übergeben wurde.

Liebe Freunde!

Ich freue mich euch, die Mitglieder des »Global Researchers Advancing Catholic Education Project« aus Anlass eurer Pilgerfahrt nach Rom zu begrüßen. Die Freude dieser Ostertage möge eure Herzen erfüllen. Euer Treffen hier in der Ewigen Stadt stärke euch in der Treue zum Herrn und zu seiner Kirche und bereichere euren Einsatz, um das Besondere des katholischen Bildungsbegriffs hervorzuheben. In einer Zeit, die geradezu überschwemmt wird von oft ohne Weisheit und kritischen Verstand weitergegebenen Informationen, ist die Aufgabe, heutige und künftige Generationen von katholischen Lehrern und Schülern auszubilden, wichtiger denn je. Als Lehrer seid ihr berufen, das Verlangen nach Wahrheit, Güte und Schönheit, das im Herzen jedes Menschen wohnt, zu stillen, damit alle lernen, das Leben zu lieben und sich der Fülle des Lebens zu öffnen. Dies setzt voraus, dass innovative Wege gefunden werden, um Forschung und bewährte Praktiken miteinander zu verbinden, damit die Lehrer dem ganzen Menschen in einem Prozess der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung dienen können. Kurz gesagt bedeutet dies, Kopf, Hände und Herz gemeinsam zu formen: die Verbindung zwischen Lernen, Tun und Fühlen im edelsten Sinne zu erhalten und zu fördern. Auf diese Weise könnt ihr ein hervorragendes akademisches Curriculum anbieten und darüber hinaus eine kohärente, von den Lehren Christi inspirierte Sicht des Lebens.

In diesem Sinne erstrebt die Bildungsarbeit der Kirche nicht nur die »Reifung der menschlichen Person, sondern zielt hauptsächlich darauf ab, dass die Getauften, indem sie stufenweise in die Erkenntnis des Heilsmysteriums eingeführt werden, der empfangenen Gabe des Glaubens immer mehr bewusst werden« (Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Gravissimum educationis, 2). Der Glaube ist eine große Gnade, die jeder von uns tagtäglich pflegen muss und dabei auch anderen helfen muss, sie zu kultivieren. Im Licht des Glaubens lernen Lehrer und Schüler einander als geliebte Kinder Gottes zu schätzen, der uns als Brüder und Schwes-tern in der einen Menschheitsfamilie geschaffen hat. Auf dieser Grundlage verpflichtet uns das katholische Bildungswesen unter anderem dazu, eine bessere Welt aufzubauen, indem wir das Zusammenleben, geschwisterliche Solidarität und Frieden lehren. Ich hoffe, dass diese Tage des Dialogs und der Diskussionen euch helfen werden, wirksame Mittel zur Förderung dieser Werte auf allen Ebenen eurer akademischen Einrichtungen und in den Köpfen und Herzen eurer Schüler und Studenten zu entwickeln.

Zugleich ist die katholische Bildung auch Evangelisierung: die Freude des Evangeliums bezeugen sowie dessen Fähigkeit, unsere Gemeinschaften zu erneuern und Hoffnung und Kraft zu schenken, um die aktuellen Herausforderungen mit Weisheit zu bewältigen. Ich vertraue darauf, dass dieser Studienaufenthalt einen jeden von euch inspirieren wird, mit großherzigem Eifer die eigene Antwort auf die Berufung zum Lehrer zu erneuern; das Engagement zu erneuern, um die Grundlagen für eine menschlichere und solidarischere Gesellschaft zu festigen; das Reich Christi zu verbreiten, Reich der Wahrheit, der Heiligkeit, der Gerechtigkeit und des Friedens.

Ich danke euch und ermutige euch, eure wichtige Arbeit fortzusetzen, und ich bitte euch, für mich zu beten. Ich vertraue euch alle der liebevollen Fürsprache Marias, der Mutter der Kirche, an und erteile euch von Herzen meinen Segen als Unterpfand der Freude und des Friedens im auferstandenen Christus, unserem Erlöser. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke!

(Orig. ital. in O.R. 21.4.2022)