Im Gespräch mit Erzbischof Rino Fisichella über die Vorbereitungen auf das Heilige Jahr 2025

Zeit für neue Hoffnung

 Zeit für neue  Hoffnung  TED-021
27 Mai 2022

Die Hoffnung wiederherstellen nach Jahren der Pandemie, der wirtschaftlichen und sozialen Krise. Vor allem auf Christus blicken und umkehren, indem man sein Evangelium in die Tat umsetzt: Das sind nur einige der Ziele für das Heilige Jahr, das im Jahr 2025 gefeiert werden soll. Papst Franziskus hat sie in einem Schreiben an Erzbischof Rino Fisichella, den Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Neu-evangelisierung, genannt. Dieser erläutert die Inhalte im folgenden Interview mit dem »Osservatore Romano«.

In seinem Schreiben spricht der Papst von einer großen »Symphonie« des Gebets, der das Jahr 2024 gewidmet werden soll, in Vorbereitung auf das Jubiläum. Wie wird das konkret umgesetzt?

Der Papst sagt, dass er möchte, dass der unmittelbaren Vorbereitung auf das Jubiläum des Jahres 2025 eine intensive Zeit des Gebets vorausgeht. Er sagt auch, auf welche Weise: die Sehnsucht wiederfinden, in der Gegenwart des Herrn zu verbleiben, ihm zuzuhören und ihn anzubeten. Ich glaube, dass dies der grundlegende Punkt ist, weil er auch auf eine große Herausforderung antwortet, die wir in der heutigen Kultur erleben: dass wir uns selbst immer mehr in den Mittelpunkt stellen und Gott verdrängen. Dieses Jahr des Gebets soll uns auf das Jubiläum vorbereiten. Es ist – das dürfen wir nicht vergessen – ein tiefgreifender Augenblick der Spiritualität, der Umkehr, des Gebets.

Covid-19 ist leider immer noch gegenwärtig und wird uns wohl – wie lange, wissen wir nicht – auf dem Weg begleiten, der uns vom Jubiläum trennt. Wie sehr wird das die Vorbereitungen beeinflussen?

Ich glaube, das ist eine allgemeine Erfahrung. Die Pandemie hat uns etwas persönlich erleben und entdecken lassen, das wir vergessen hatten: die Zerbrechlichkeit des Menschen. Der Mensch ist ein zerbrechliches Wesen und ist sich dessen auf unerwartete Weise wieder bewusst geworden. Wir sind eine perfekte Maschine, die aber nicht nur aus dem Körper besteht, denn wir spüren in uns eine noch stärkere Präsenz: den Geist, die Seele. Wir wissen, dass es ein Jenseits gibt. Auf der anderen Seite sind wir in unserer Kultur von einer Tendenz umgeben, die dem Menschen ein Gefühl der Allmacht verleiht: Er kann alles tun und es wird nie etwas passieren. Aber das ist nicht so. Die Pandemie hat uns auf unerwartete Weise unsere Zerbrechlichkeit gezeigt. Daher sagt der Papst zu uns: Seht, wir haben es erfahren, aber jetzt müssen wir die innere Kraft finden, die in uns wohnt. Sie ist die Gabe des Heiligen Geistes, um den Weg wieder aufzunehmen. Die Hoffnung ist die Kraft, die in uns wohnt, um in die Zukunft zu blicken und konkret zu handeln.

Was ist das Erbe des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, das vom 29. November 2015 bis zum 20. November 2016 stattgefunden hat?

Das Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit hat die ganze Kirche und jeden Gläubigen die Gewissheit der Nähe Gottes erfahren lassen. Es hat uns noch tiefer verstehen lassen, was es bedeutet, dass Gott immer, in jedem Fall und entgegen jeder Erwartung liebt. Immer und überall kommen uns Gottes Gegenwart und seine Liebe entgegen. Dies ist eindeutig zu einem Erbe geworden, das wir für das Ordentliche Jubiläum, das alle 25 Jahre gefeiert wird, im Auge behalten müssen. Nach dem Heiligen Jahr 2000, das Johannes Paul II. »das große Jubiläum« genannt hat, weil es die Kirche in das dritte Jahrtausend ihrer Geschichte hineinführte, kommen wir jetzt – mit der Etappe der Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes – zum Jubiläum des Jahres 2025, erfüllt mit einer Tradition, die die Gläubigen erneut der Welt begegnen lässt, in der sie sich befinden, ihre zeitgenössische Welt. Daher teilen wir Projekte der Freude, der Hoffnung miteinander, weil wir auch das Leid, die Einschränkung und die Zerbrechlichkeit miteinander geteilt haben.

Wird im Heiligen Jahr 2025 die Aufmerksamkeit auch auf den Schutz des Gemeinwohls gelegt werden, wie der Papst gesagt hat?

Ich meine, dass das Schreiben sehr dazu anspornt zu verstehen, wie stark das Jubiläum auch von diesen Themen durchdrungen sein muss. Vergessen wir nicht, dass immer wieder die Notwendigkeit besteht, den Menschen an sich selbst zu erinnern, in seinem Innern, um ihn sowohl die Gegenwart Gottes als auch die Gegenwart der Schöpfung entdecken zu lassen – angesichts der Verantwortung gegenüber der Schöpfung, die der Mensch gerade im Namen Gottes trägt, weil sie ihm anvertraut wurde. Das lässt sich auch auf viele andere Erfahrungen übertragen. Es bedeutet nicht nur die Betrachtung der Schönheit der Schöpfung. Es bedeutet nicht nur ein Streben nach der Aufrechterhaltung der Schöpfungsordnung, sondern es bedeutet auch, die Formen zu finden. Denken wir daran, dass alles recycelt werden muss: von der Energie bis zum Abfall. Dieser Diskurs gehört zu diesem Moment der Geschichte; er benötigt unmittelbare konkrete Lösungen, die unweigerlich zur Bewahrung der Schöpfung zurückführen.

Wie haben Sie die Entscheidung von Papst Franziskus aufgenommen, dem von Ihnen geleiteten Päpstlichen Rat die Organisation des Jubiläums anzuvertrauen?

Die tägliche Lehre von Papst Franziskus steht allen vor Augen: der Vorrang der Evangelisierung. Der Papst hat das Jubiläum diesem Dikasterium anvertraut, weil es sich um eine Evangelisierungsaufgabe handelt. Das Heilige Jahr ist eine der vielen Ausdrucksformen der Evangelisierung, die sich die Kirche erneut zu eigen macht, weil sie weiß, dass sie zu jenem Gebot gehört, das Jesus ihr gegeben hat: in die ganze Welt hinauszugehen, um sein Evangelium zu verkünden. So wird es zum Evangelium der Hoffnung. Die Evangelisierung ist mit dieser besonderen Dimension bekleidet, an die wir oft nicht denken. Hoffnung auf die Zukunft, aber – das dürfen wir nicht vergessen – Hoffnung auch auf jenes ewige Leben, das die Besonderheit unseres Glaubens ist. Diese Begegnung mit dem Herrn, der uns entgegenkommt, auf eine Weise zu betrachten, die sich von der Kultur des Todes vollkommen unterscheidet, und sie mit der Kultur der Hoffnung zu überwinden: Aus dieser Perspektive heraus muss das Dikasterium den Wünschen von Papst Franziskus in ganzer Fülle entsprechen. Unter anderem müssen wir uns mit großem Verantwortungsbewusstsein vorbereiten, es bleibt nicht viel Zeit. Wir dürfen nicht meinen, dass die große Arbeit zur Vorbereitung auf das Heilige Jahr nur darin besteht, für die notwendigen Infrastrukturen zu sorgen, die Rom braucht, um die Menschen aufzunehmen. Wir müssen daher auf die Weisungen warten, die der Papst uns geben wird, denn der wahre Bezugspunkt für das Jubiläum muss die Verkündigungsbulle sein, in der die verschiedenen Elemente, Mittel und Besonderheiten enthalten sind, die das Heilige Jahr 2025 zu einem wahren Jubiläum in der Geschichte der Kirche machen werden.

Von Nicola Gori