Generalaudienz auf dem Petersplatz am 18. Mai

Gott wird kommen und Gerechtigkeit schaffen

 Gott wird kommen und  Gerechtigkeit schaffen  TED-021
27 Mai 2022

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Der Abschnitt aus der Bibel, den wir gehört haben, schließt das Buch Ijob ab: ein Höhepunkt der Weltliteratur. Wir begegnen Ijob auf unserem Weg der Katechese über das Alter: Wir begegnen ihm als einem Glaubenszeugen, der keine »Karikatur« Gottes akzeptiert, sondern sein Aufbegehren angesichts des Bösen herausschreit, damit Gott antworten und ihm sein Antlitz offenbaren möge. Und schließlich antwortet Gott, wie immer auf überraschende Weise: Er zeigt Ijob seine Herrlichkeit, aber ohne ihn zu erdrücken, sondern im Gegenteil mit höchster Zärtlichkeit, wie Gott es tut, immer, mit Zärtlichkeit. Man muss die Seiten dieses Buches gut lesen, ohne Vorurteile, ohne Klischees, um die Kraft von Ijobs Schrei zu erfassen. Es wird uns guttun, uns in seine Schule zu begeben, um die Versuchung des Moralismus angesichts der Verbitterung und der Entmutigung wegen des Schmerzes, alles verloren zu haben, zu überwinden.

Flammendes Aufbegehren

In diesem abschließenden Abschnitt des Buches – wir erinnern uns an die Geschichte: Ijob verliert alles im Leben, er verliert die Reichtümer, er verliert die Familie, er verliert den Sohn, und er verliert auch die Gesundheit und bleibt dort zurück, verwundet, im Gespräch mit drei Freunden, dann mit einem vierten, die ihn besuchen kommen: Das ist die Geschichte –, und in dem heutigen Abschnitt, dem abschließenden Abschnitt des Buches, als Gott endlich das Wort ergreift (und dieses Gespräch Ijobs mit seinen Freunden ist gleichsam ein Weg, um zu dem Augenblick zu gelangen, in dem Gott sein Wort schenkt), wird Ijob gelobt, weil er das Geheimnis der Zärtlichkeit Gottes, das hinter seinem Schweigen verborgen ist, verstanden hat. Gott tadelt Ijobs Freunde, die sich an-maßten, alles zu wissen, alles über Gott und den Schmerz zu wissen, und die gekommen waren, um Ijob zu trösten, ihn aber am Ende verurteilten mit ihren vorgefassten Schemata. Gott bewahre uns vor diesem heuchlerischen und anmaßenden Pietismus! Gott bewahre uns vor dieser moralistischen Religiosität und dieser Religiosität der Vorschriften, die uns mit einer gewissen Anmaßung erfüllt und zu Pharisäertum und Heuchelei führt.

So drückt der Herr sich ihnen gegenüber aus. Der Herr sagt: »Mein Zorn ist entbrannt gegen [euch][…], denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob«: Das sagt der Herr zu Ijobs Freunden. »Mein Knecht Ijob aber soll für euch Fürbitte einlegen, denn auf ihn nehme ich Rücksicht, sodass ich euch nichts Schlimmes antue, denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Ijob« (42,7-8). Gottes Erklärung überrascht uns, denn wir haben von Ijobs flammendem Aufbegehren gelesen, das uns betroffen gemacht hat. Aber dennoch – sagt der Herr – hat Ijob gut geredet, auch als er zornig war und auch zornig auf Gott, aber er hat gut geredet, weil er sich geweigert hat zu akzeptieren, dass Gott ein »Verfolger« ist. Gott ist etwas anderes. Und als Lohn erstattet Gott Ijob das Doppelte aller seiner Güter zurück, nachdem er ihn gebeten hat, für seine bösen Freunde zu beten.

Die Wende der Glaubensumkehr findet auf dem Höhepunkt von Ijobs Gefühlsausbruch statt, wo er sagt: »Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, / als Letzter erhebt er sich über dem Staub. / Ohne meine Haut, die so zerfetzte, / und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. / Ihn selber werde ich dann für mich schauen; / meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd« (19,25-27). Dieser Abschnitt ist wunderschön. Mir kommt das Ende jenes genialen Oratoriums von Händel, »Der Messias«, in den Sinn. Nach dem festlichen Halleluja singt der Sopran langsam dieses Stück: »Ich weiß, dass mein Erlöser lebet«, in Frieden. So ist es, nach all diesem Schmerz und all dieser Freude des Ijob ist die Stimme des Herrn etwas Anderes. »Ich weiß: Mein Erlöser lebt«: Das ist etwas Wunderschönes. Wir können es so auslegen: »Mein Gott, ich weiß, dass du nicht der Verfolger bist. Mein Gott wird kommen und mir Gerechtigkeit verschaffen.« Es ist der einfache Glaube an die Auferstehung Gottes, der einfache Glaube an Jesus Chris-tus, der einfache Glaube, dass der Herr immer auf uns wartet und kommen wird.

Das Gleichnis des Buches Ijob stellt auf dramatische und vorbildliche Weise dar, was im Leben wirklich geschieht: dass auf einen Menschen, auf eine Familie oder auf ein Volk allzu schwere Prüfungen herabkommen, Prüfungen, die in keinem Verhältnis zur Kleinheit und Schwäche des Menschen stehen. Im Leben »regnet es oft dorthin, wo es schon nass ist«, wie man sagt. Und einige Menschen werden von so vielen Übeln überwältigt, dass es wirklich maßlos und ungerecht erscheint. Und viele Menschen sind so.

Wir alle haben solche Menschen kennengelernt. Wir waren beeindruckt von ihrem Schrei, aber oft haben wir sie auch bewundert wegen ihres festen Glaubens und ihrer Liebe in ihrem Schweigen. Ich denke an die Eltern von Kindern mit schweren Behinderungen oder an jene, die mit einer chronischen Krankheit leben, oder an die Angehörigen, die ihnen zur Seite stehen… Situationen, die oft verschlimmert werden durch die Knappheit wirtschaftlicher Ressourcen. In bestimmten Konstellationen der Geschichte treten diese Belastungen gehäuft auf und scheinen sich gleichsam kollektiv zu verabreden. Es ist das, was in diesen Jahren mit der
Covid-19-Pandemie geschehen ist und was jetzt mit dem Krieg in der Ukraine geschieht.

Können wir dieses »Übermaß« als eine höhere Rationalität der Natur und der Geschichte rechtfertigen? Können wir es religiös absegnen als gerechtfertigte Antwort auf die Schuld der Opfer, die sie verdient haben? Nein, das können wir nicht. Es gibt eine Art Recht des Opfers auf das Aufbegehren gegen das Geheimnis des Bösen: ein Recht, das Gott einem jeden gewährt, ja das er selbst im Grunde eingibt. Manchmal begegne ich Menschen, die sich mir nähern und zu mir sagen: »Ich habe gegen Gott aufbegehrt, weil ich dieses oder jenes Problem habe…« Aber weißt du, mein Lieber, das Aufbegehren ist eine Art von Gebet, wenn man das tut. Wenn die Kinder, die Jugendlichen gegen die Eltern aufbegehren, dann ist das eine Art, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und darum zu bitten, dass sie sich um sie kümmern mögen. Wenn du im Herzen irgendeine Wunde, irgendeinen Schmerz hast und du den Drang hast aufzubegehren, dann begehre auch gegen Gott auf, Gott hört dich an, Gott ist Vater, Gott erschrickt nicht vor unserem Gebet des Aufbegehrens, nein! Gott versteht es. Aber sei frei in deinem Gebet, sperre dein Gebet nicht in vorgefasste Schemata ein! Das Gebet muss so sein, spontan, wie die Bitte eines Sohnes gegenüber dem Vater, der ihm alles sagt, was ihm auf der Zunge liegt, weil er weiß, dass der Vater ihn versteht.

Respekt und Zärtlichkeit

Das »Schweigen« Gottes, im ersten Augenblick des Dramas, hat diese Bedeutung. Gott wird sich der Auseinandersetzung nicht entziehen, aber zu Beginn lässt er Ijob den Gefühlsausbruch seines Aufbegehrens, und Gott hört zu. Vielleicht sollten wir manchmal von Gott diesen Respekt und diese Zärtlichkeit lernen. Und Gott gefällt jene Enzyklopädie – nennen wir sie einmal so – an Erklärungen, an Reflexionen, die Ijobs Freunde machen, nicht. Das ist Geschwätz, das nicht richtig ist: Es ist jene Religiosität, die alles erklärt, aber das Herz bleibt kalt. Das gefällt Gott nicht. Ihm gefällt Ijobs Aufbegehren oder
Ijobs Schweigen besser.

Ijobs Glaubensbekenntnis – das aus seinem unablässigen Appell an Gott, an eine höhere Gerechtigkeit hervorgeht – wird schließlich vollendet mit der beinahe mystischen Erfahrung, würde ich sagen, die ihn sagen lässt: »Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, / jetzt aber hat mein Auge dich geschaut« (42,5). Wie viele Menschen, wie viele von uns machen nach einer etwas schlimmen, etwas dunklen Erfahrung einen Schritt nach vorn und kennen Gott besser als vorher! Und wir können sagen, wie Ijob: »Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber habe ich dich geschaut, weil ich dir begegnet bin.« Dieses Zeugnis ist besonders glaubwürdig, wenn das Alter mit seiner fortschreitenden Zerbrechlichkeit und seinem fortschreitenden Verlust die Oberhand gewinnt. Die alten Menschen haben viel gesehen im Leben! Und sie haben auch die Inkonsistenz der Versprechungen der Menschen gesehen. Menschen des Gesetzes, Menschen der Wissenschaft, sogar Menschen der Religion, die den Verfolger mit dem Opfer verwechseln, indem sie diesem die volle Verantwortung für den eigenen Schmerz übertragen. Sie irren sich!

Die alten Menschen, die den Weg dieses Zeugnisses finden, das den Groll über den Verlust in die hartnäckige Erwartung der Verheißung Gottes verwandelt – es gibt eine Veränderung vom Groll über den Verlust hin zu einer Hartnäckigkeit, der Verheißung Gottes zu folgen –, diese alten Menschen sind ein unersetzlicher Schutz für die Gemeinschaft, wenn es darum geht, sich dem Übermaß des Bösen zu stellen. Der Blick der Gläubigen, der sich dem Gekreuzigten zuwendet, lernt genau das. Mögen auch wir es lernen können, von vielen Großvätern und Großmüttern, von vielen alten Menschen, die, wie Maria, ihr – zuweilen herzzerreißendes – Gebet mit dem des Gottessohnes vereinen, der sich am Kreuz dem Vater hinschenkt. Schauen wir auf die alten Menschen, schauen wir auf die alten Männer, die alten Frauen; schauen wir sie liebevoll an, schauen wir ihre persönliche Erfahrung an. Sie haben viel gelitten im Leben, sie haben viel gelernt im Leben, sie haben viel durchgemacht, aber am Ende haben sie diesen Frieden, einen – so würde ich sagen – beinahe mystischen Frieden, also den Frieden der Begegnung mit Gott, so dass sie sagen können: »Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.« Diese alten Menschen ähneln jenem Frieden des Gottessohnes am Kreuz, der sich dem Vater hinschenkt.

(Orig. ital. in O.R. 18.5.2022)