Eucharistiefeier mit Heiligsprechungen auf dem Petersplatz am fünften Sonntag der Osterzeit, 15. Mai

Heiligkeit besteht nicht aus ein paar heroischen Gesten, sondern aus viel täglicher Liebe

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20 Mai 2022

Vatikanstadt. Die Kirche hat zehn neue Heilige. Zu Beginn der Eucharistiefeier am 15. Mai sprach der Papst auf dem Petersplatz in Anwesenheit von mehreren zehntausend Gläubigen vier Frauen und sechs Männer heilig. Als offizielle Staatsgäste nahmen aus Italien Staatspräsident Sergio Mattarella, aus den Niederlanden Außenminister Wopke Hoekstra, aus Frankreich Innenminister Gerald Darmanin, aus Algerien, wo Charles de Foucauld starb, der Vorsitzende des Hohen Islamrates, Bouabdellah Ghoulamallah, sowie aus Indien der Minister für Minderheiten, Gingee K.S. Mathan, teil. Im Folgenden die Predigt von Papst Franziskus:

Wir haben einige Worte gehört, die Jesus an die Seinen richtet, bevor er aus dieser Welt zum Vater geht, Worte, die ausdrücken, was es bedeutet, ein Christ zu sein: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13,34). Dies ist das Testament, das Christus uns hinterlassen hat, das grundlegende Kriterium, um zu erkennen, ob wir wirklich seine Jünger sind oder nicht: das Gebot der Liebe. Richten wir unsere Aufmerksamkeit auf die beiden wesentlichen Elemente dieses Gebots: Jesu Liebe zu uns – wie ich euch geliebt habe – und die Liebe, die er von uns verlangt – so sollt ihr einander lieben.

Erstens: Wie ich euch geliebt habe. Wie hat Jesus uns geliebt? Bis zum Ende, bis zur totalen Selbsthingabe. Es ist bemerkenswert, dass er diese Worte in einer dunklen Nacht spricht, wobei die Atmosphäre im Abendmahlssaal von Ergriffenheit und Besorgnis geprägt ist: Ergriffenheit, weil der Meister sich von seinen Jüngern verabschieden will, Besorgnis, weil er ankündigt, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Wir können uns vorstellen, welchen Kummer Jesus in seiner Seele trug, welche Düsternis sich über die Herzen der Apostel legte und welche Bitterkeit, wenn Judas, nachdem er den vom Meister für ihn eingetauchten Bissen erhalten hatte, den Raum verließ, um in die Nacht des Verrats einzutauchen. Und gerade in der Stunde des Verrats bestätigt Jesus seine Liebe zu den Seinen. Denn in der Dunkelheit und den Stürmen des Lebens ist dies das Wesentliche: Gott liebt uns.

Brüder und Schwestern, lasst diese Verkündigung im Mittelpunkt unseres Glaubensbekenntnisses und unserer Glaubensäußerungen stehen: »Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns geliebt« (vgl. 1 Joh 4,10). Das sollten wir nie vergessen. Im Mittelpunkt stehen nicht unsere Fähigkeiten und Verdienste, sondern die bedingungslose und unentgeltliche Liebe Gottes, die wir nicht verdient haben. Am Anfang unseres Christseins stehen nicht Lehren und Werke, sondern das Staunen über die Entdeckung, dass wir geliebt werden, noch vor jeder Antwort von unserer Seite. Während die Welt uns oft davon überzeugen will, dass wir nur dann einen Wert besitzen, wenn wir Ergebnisse erzielen, erinnert uns das Evangelium an die Wahrheit des Lebens: Wir werden geliebt. Das ist unser Wert: Wir werden geliebt. So schrieb ein spiritueller Meister unserer Zeit: »Noch bevor uns ein Mensch sah, wurden wir von den liebenden Augen Gottes gesehen. Noch bevor uns jemand weinen oder lachen hörte, wurden wir von unserem Gott gehört, der ganz Ohr für uns ist. Noch bevor irgendjemand in dieser Welt zu uns sprach, sprach die Stimme der ewigen Liebe bereits zu uns« (Henry Nouwen, Die innere Stimme der Liebe). Er hat uns zuerst geliebt, er hat auf uns gewartet. Er liebt uns, er liebt uns weiterhin. Und das ist unsere Identität: von Gott Geliebte zu sein. Das ist unsere Stärke: von Gott Geliebte zu sein.

Diese Wahrheit verlangt von uns eine Umkehr in Bezug auf die Vorstellung, die wir oft von Heiligkeit haben. Indem wir manchmal zu sehr auf unseren Bemühungen um gute Werke bestehen, haben wir ein Ideal von Heiligkeit geschaffen, das zu sehr auf uns selbst beruht, auf persönlichem Heldentum, auf der Fähigkeit zum Verzicht, auf der Aufopferung, um einen Preis zu gewinnen. Das ist eine mitunter zu pelagianische Sicht des Lebens und der Heiligkeit.

So haben wir die Heiligkeit zu einem unerreichbaren Ziel gemacht, wir haben sie vom Alltag getrennt, anstatt sie im Alltäglichen zu suchen und zu umarmen, im Staub der Straße, in den Mühen des konkreten Lebens und, wie Teresa von Ávila zu ihren Schwestern zu sagen pflegte, »zwischen den Kochtöpfen«. Jünger Jesu zu sein und den Weg der Heiligkeit zu gehen, bedeutet vor allem, sich von der Kraft der Liebe Gottes verwandeln zu lassen. Vergessen wir nicht den Vorrang Gottes über das eigene Ich, des Geis-tes über das Fleisch, der Gnade über die Werke. Manchmal geben wir dem Ich, dem Fleisch und den Werken mehr Gewicht, mehr Bedeutung. Nein: zuerst kommt der Vorrang Gottes vor dem Ich, der Vorrang des Geistes vor dem Fleisch, der Vorrang der Gnade vor den Werken.

Die Liebe, die wir vom Herrn empfangen, ist die Kraft, die unser Leben verwandelt: Sie weitet unser Herz und macht uns dazu bereit zu lieben. Deshalb sagt Jesus – und das ist der zweite Aspekt – »wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben«. Dieses so ist nicht nur eine Aufforderung, die Liebe Jesu nachzuahmen; es bedeutet, dass wir nur lieben können, weil Er uns geliebt hat, weil er unseren Herzen seinen eigenen Geist schenkt, den Geist der Heiligkeit, die Liebe, die uns heilt und verwandelt. Deshalb können wir in jeder Situation und bei jedem Bruder und jeder Schwester, denen wir begegnen, Entscheidungen aus Liebe heraus treffen und Taten der Liebe vollbringen, weil wir geliebt werden und die Kraft haben zu lieben. So wie ich geliebt werde, kann ich lieben. Die Liebe, die ich verwirkliche, ist immer mit der Liebe Jesu zu mir verbunden: »So«. So wie er mich geliebt hat, kann auch ich lieben. Das christliche Leben ist so einfach, es ist so einfach! Wir machen es komplizierter, mit so vielen Dingen, aber es ist so einfach.

Und was bedeutet es ganz konkret, diese Liebe zu leben? Bevor er uns dieses Gebot hinterließ, wusch Jesus den Jüngern die Füße; nachdem er es ausgesprochen hatte, opferte er sich am Holz des Kreuzes auf. Zu lieben bedeutet: zu dienen und sein Leben hinzugeben. Dienen heißt, nicht die eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen; sich von dem Gift der Habsucht und des Wettkampfs zu befreien; das Krebsgeschwür der Gleichgültigkeit und den Stachel der Selbstbezogenheit zu bekämpfen; die Charismen und Gaben, die Gott uns geschenkt hat, zu teilen. Fragen wir uns konkret: »Was tue ich für andere?« Das heißt zu lieben. Leben wir die alltäglichen Dinge im Geiste des Dienens, mit Liebe und ohne Aufsehen, ohne etwas zu fordern.

Und dann das Leben hingeben, was nicht nur darin besteht, anderen etwas zu schenken, etwa ein Teil des eigenen Besitzes, sondern sich selbst zu verschenken. Ich frage Menschen, die mich um Rat fragen, gerne: »Sag mir: Gibst du Almosen?« – »Ja, Vater, ich gebe den Armen Almosen.« – »Und wenn du Almosen gibst, berührst du die Hand der Person, oder wirfst du die Almosen hin und machst das, um dich rein zu machen?« Und sie werden rot: »Nein, ich berühre sie nicht.« – »Wenn du Almosen gibst, schaust du der Person, der du hilfst, in die Augen, oder schaust du weg?« – »Ich sehe nicht hin.« Berühren und hinsehen, berühren und hinsehen auf das Fleisch Christi, das in unseren Brüdern und Schwestern leidet. Das ist sehr wichtig. Das heißt sein Leben hinzugeben.

Heiligkeit besteht nicht aus ein paar heroischen Gesten, sondern aus viel täglicher Liebe. »Bist du ein Gottgeweihter oder eine Gottgeweihte? – Es sind heute viele hier: Sei heilig, indem du deine Hingabe freudig lebst. Bist du ein verheirateter Mann oder eine verheiratete Frau? Sei ein Heiliger und eine Heilige, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst, wie Christus es mit der Kirche getan hat. Bist du ein Arbeiter oder eine berufstätige Frau? Sei heilig, indem du deine Arbeit im Dienst an den Brüdern und Schwestern mit Redlichkeit und Sachverstand verrichtest und indem du für die Gerechtigkeit deiner Kameraden kämpft, damit sie nicht arbeitslos bleiben, sondern dass sie immer einen gerechten Lohn bekommen.

Bist du Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter? Sei heilig, indem du den Kindern geduldig beibringst, Jesus zu folgen. Sag mir: Hast du eine Verantwortungsposition inne? Es sind hier viele Leute, die eine Verantwortungsposition haben. Ich frage Sie: Haben Sie eine Verantwortungsposition inne? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest.« (Vgl. Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 14). Das ist der Weg zu Heiligkeit, so einfach ist das! Jesus immer in den anderen zu sehen.

Dem Evangelium und den Brüdern und Schwestern zu dienen, sein Leben ohne Gegenleistung zu opfern, – das ist ein Geheimnis: Zu schenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten – ohne weltlichen Ruhm zu suchen: dazu sind auch wir aufgerufen. Unsere Begleiter auf der Pilgerreise, die heute heiliggesprochen worden sind, haben die Heiligkeit auf diese Weise gelebt: Indem sie ihre Berufung – als Priester, einige als Gottgeweihte, andere als Laien – mit Begeisterung angenommen haben, haben sie sich für das Evangelium verausgabt, sie haben eine unermessliche Freude entdeckt, und sie strahlten den Glanz des Herrn in der Geschichte wieder. Das bedeutet ein Heiliger oder eine Heilige zu sein: ein leuchtender Abglanz des Herrn in der Geschichte zu sein. Versuchen es auch wir: Der Weg zur Heiligkeit ist nicht abgeschlossen, er ist allgemein gültig, er ist ein Ruf an uns alle, er beginnt mit der Taufe, er ist nicht abgeschlossen.

Versuchen es auch wir, denn jeder von uns ist zur Heiligkeit berufen, zu einer einzigartigen und unwiederholbaren Heiligkeit.

Die Heiligkeit ist immer original, wie der selige Carlo Acutis sagte: Es gibt keine Fotokopie der Heiligkeit, die Heiligkeit ist original, sie ist meine, deine, die eines jeden von uns. Sie ist einzigartig und unwiederholbar.

Ja, der Herr hat einen Plan der Liebe
für jeden einzelnen, er hegt einen Traum
für dein Leben, für mein Leben, für einen jeden von uns. Was soll ich euch sagen? Verwirklicht diesen Traum weiter mit Freude. Danke.