Audienz für die Mitglieder der Italienischen Autismus-Stiftung anlässlich des Welt-Autismus-Tages

Für eine Kultur der Inklusion und der Zugehörigkeit

 Für eine Kultur der Inklusion und der Zugehörigkeit  TED-019
13 Mai 2022

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag und herzlich willkommen!

Ich danke dem Präsidenten der Italienischen Autismus-Stiftung für seine einführenden Worte, sowie dem jungen Mann, der sein Zeugnis vorgetragen und viele Anregungen zum Nachdenken geliefert hat.

Morgen begehen wir den Welt-Autismus-Tag, der von den Vereinten Nationen eingeführt wurde, um Menschen mit Autismus und den verschiedenen Aspekten ihres Lebens in aller Welt die gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

Zunächst bringe ich meine Anerkennung für die Arbeit der Italienischen Autismus-Stiftung zum Ausdruck. Ihr bindet Forscher, Ärzte, Psychologen, Körperschaften und Angehörigenverbände ein, die sich seit 2015 zum gemeinsamen Ziel setzen, eine Kultur zuguns-ten der Menschen im Autismus-Spektrum und mit geistiger Behinderung zu fördern. Die Themen und die Fragen, denen eure Stiftung sich stellt, sind heute mehr denn je von entscheidender Bedeutung. Denn indem ihr Forschungsprojekte und Initiativen zuguns-ten der Schwächeren und Benachteiligten voranbringt, leistet ihr einen wertvollen Beitrag zum Kampf gegen die Wegwerfkultur (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 53), die in unserer zu sehr auf Wettbewerb und Profit ausgerichteten Gesellschaft so weit verbreitet ist. Wir sind Opfer dieser Wegwerfkultur.

Ich möchte diese Gelegenheit ergreifen, um einige Richtlinien zum Nachdenken und zum Handeln mit euch zu teilen.

1. Die Kultur der Inklusion und der Zugehörigkeit, gegen die Wegwerfkultur. Die Behinderung ist in allen ihren Formen eine Herausforderung und eine Chance, um gemeinsam eine inklusivere und zivilere Gesellschaft aufzubauen, wo Angehörige, Lehrer und Verbände wie der eure nicht alleingelassen, sondern unterstützt werden. Dafür ist es notwendig, die Menschen auch weiterhin für die verschiedenen Aspekte der Behinderung zu sensibilisieren, indem man Vorurteile abbaut und die Kultur der Inklusion und der Zugehörigkeit fördert, die auf der Würde des Menschen gründet. Es ist die Würde all jener schwächeren und verletzlicheren Männer und Frauen, di allzu oft ausgegrenzt werden, weil sie als »anders« oder sogar als »nutzlos« abgestempelt werden, die in Wirklichkeit jedoch ein großer Reichtum für die Gesellschaft sind. Tatsächlich wird man positiv überrascht, wenn man die vielen Fälle von Menschen mit Behinderungen entdeckt, die gute Erfahrungen am Arbeitsplatz machen – wie einige von euch, die ihr hier anwesend seid – und so ein bedeutsames Zeugnis für uns alle geben. Es gibt jedoch nicht nur den Arbeitsbereich, sondern das ganze Leben des Menschen, man könnte sagen, seine »Berufung«. Denken wir an das Vorbild der heiligen Margareta von Città di Castello, der jungen Frau mit Behinderung, die ihr Leben in die Hände des Herrn legte, um sich ganz dem Gebet und der Unterstützung der Armen zu widmen.

Liebe Brüder und Schwestern, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Evangelium (vgl. Lk 10,25-37) weist den Weg zu einer geschwisterlicheren Gesellschaft (vgl. Enzyklika Fratelli tutti, Kap. II). Und auf diesem Weg sind die Menschen mit Behinderung nicht nur Objekt der Fürsorge, sondern auch Subjekt, das ist sehr wichtig! Der Samariter kann auch der Mensch mit Behinderung, mit Autismus, sein, der sich dem anderen zum Nächsten macht und die eigenen Begabungen in den Dienst der Gemeinschaft stellt.

2. Die Teilnahme. Ein wesentlicher Aspekt der Kultur der Inklusion ist die Möglichkeit der aktiven Teilnahme für Menschen mit Behinderung. Sie nicht wegschließen, nein, teilnehmen. Sie in den Mittelpunkt zu stellen bedeutet, nicht nur die physischen Barrieren zu beseitigen, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie an den Initiativen der zivilen und kirchlichen Gemeinschaft teilnehmen und ihren Beitrag leisten können. Dabei geht es darum, ihren Lebensplan zu unterstützen durch den Zugang zu Bildung, Beschäftigung und Freizeit, wo sie Kontakte knüpfen und die eigene Kreativität zum Ausdruck bringen können. Das verlangt ein Umdenken. Große Schritte sind in diesem Sinne gemacht worden, aber es gibt immer noch Vorurteile, Ungleichheiten und auch Diskriminierungen. Ich hoffe, dass die Menschen mit Behinderung immer mehr zu Protagonisten dieses Umdenkens werden, wie ihr es heute bezeugt habt durch die gemeinsame Zusammenarbeit von zivilen und kirchlichen Einrichtungen.

3. Ein Netzwerk bilden. Die Covid-19-Pandemie hatte sehr gravierende Auswirkungen vor allem auf die Schwächeren, auf die alten Menschen, auf die Menschen mit Behinderung und ihre Familien. In den letzten Wochen ist außerdem die Tragödie des Krieges in der Ukraine hinzugekommen: Denken wir an jene, die am stärksten benachteiligt sind… Liebe Brüder und Schwestern, in dieser Situation muss unsere Antwort die Solidarität sein, die Bildung von Netzwerken. Solidarität im Gebet und Solidarität in der Nächs-tenliebe, die zum konkreten Miteinander-Teilen wird. Angesichts so vieler Wunden, vor allem der verletzlichsten Menschen, dürfen wir nicht die Gelegenheit vergeuden, uns gegenseitig zu unterstützen (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium). Nehmen wir uns des menschlichen Leidens an mit Plänen und Vorschlägen, die die Gerings-ten in den Mittelpunkt stellen (vgl. Mt 25,40).

Auch im Bereich der Behinderung sind die kirchliche und die zivile Gemeinschaft aufgerufen, als Netzwerk tätig zu sein, harmonisch zusammenzuarbeiten, um den Schwächeren, den Benachteiligten zu helfen, ihre Stimme zu Gehör zu bringen. So wird die Subsidiarität umgesetzt und der Beitrag aller wertgeschätzt, die schon lange für die Menschen mit Behinderung tätig sind, indem sie ein weitgefächertes und vielseitiges Angebot an Unterstützung verwirklichen. Wenn man konkurrierende Haltungen beseitigt, kann man ein nachhaltiges Zusammenwirken ins Leben rufen, das in der Lage ist, tiefen Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.

4. Für eine solidarische Wirtschaft. So wie es eine Wegwerfkultur und eine andere Kultur der Inklusion gibt, gibt es eine Wirtschaft, die wegwirft, und eine Wirtschaft, die inklusiv ist. Und das ist alltäglich: Es gibt das Wegwerfen und die Inklusion, im ganzen Leben, auch in der Wirtschaft. Schon immer, begonnen bei der christlichen Urgemeinde von
Jerusalem, hat das Evangelium durch viele und vielfältige Erfahrungen dazu inspiriert, die Geschwisterlichkeit in den Mittelpunkt der Wirtschaft zu stellen, damit Arme und Ausgegrenzte sowie Menschen mit Behinderung nicht ausgeschlossen werden. Die Geschwis-terlichkeit in den Mittelpunkt der Wirtschaft stellen; nicht den Egoismus, nicht den persönlichen Profit, sondern die Geschwisterlichkeit. Auch die Arbeit, die ihr durch die Italienische Autismus-Stiftung leis-tet, braucht wirtschaftliche Unterstützung. Daher gilt meine Dankbarkeit auch euren Wohltätern, die, indem sie Ressourcen zugunsten des Nächsten zur Verfügung stellen, Baumeis-ter einer solidarischeren, inklusiveren und geschwisterlicheren Gesellschaft sind. Auch das ist eine konkrete Form, eine solidarische Wirtschaft zu pflegen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir machen eine Zeit der harten Prüfung durch, aber das Pascha des Herrn, das sich nähert, ruft uns in Erinnerung, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Lassen wir gemeinsam mit den schwächeren Brüdern und Schwestern die Fackel der Hoffnung brennen!

Ich ermutige euch, eure Arbeit voranzubringen, indem ihr gemeinsam mit den Menschen mit Autismus unterwegs seid: nicht nur für sie, sondern vor allem mit ihnen. Ihr wisst es gut, und auch heute möchtet ihr es mit einer Geste sagen: Gleich nachher werden einige Menschen mit Autismus auf dem Petersplatz das Mittagessen kochen und es den armen Geschwistern anbieten. Das ist schön! Eine Initiative, die den Stil des barmherzigen Samariters bezeugt, den Stil Gottes. Wie sieht der Stil Gottes aus? Nähe, Mitgefühl, Zärtlichkeit. In diesen drei Zügen sieht man das Angesicht Gottes, das Herz Gottes, den Stil Gottes.

Ich segne euch von Herzen. Die Gottesmutter schütze euch, denn sie ist Mutter und versteht diese Dinge: Sie ist besser als wir! Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke!

(Orig. ital. in O.R. 1.4.2022)