Mut zum Neuanfang

 Mut zum Neuanfang  TED-018
06 Mai 2022

Vor dem Gebet des Regina Caeli am
1. Mai ging Franziskus auf das Evangelium vom vierten Sonntag der Osterzeit ein. Er sagte:

Liebe Brüder und Schwestern,

einen schönen Sonntag!

Das Evangelium der heutigen Liturgie (Joh 21,1-19) berichtet über die dritte Erscheinung des auferstandenen Jesus vor den Apos-teln. Es handelt sich um eine Begegnung am See Gennesaret, die vor allem Simon Petrus betrifft. Alles beginnt damit, dass er zu den anderen Jüngern sagt: »Ich gehe fischen«
(V. 3). Das ist nicht verwunderlich, denn er war Fischer, aber er hatte diesen Beruf aufgegeben, seit er seine Netze am Ufer eben jenes Sees zurückgelassen hatte, um Jesus zu folgen. Und nun, während der Auferstandene auf sich warten lässt, schlägt Petrus, vielleicht ein wenig entmutigt, den anderen vor, zu ihrem früheren Leben zurückzukehren. Und die anderen akzeptieren: »Wir kommen auch mit.« Aber »in dieser Nacht fingen sie nichts« (V. 3).

Es kann auch uns passieren, dass wir aus Erschöpfung, Enttäuschung, vielleicht auch aus Faulheit den Herrn vergessen und die großen Entscheidungen, die wir getroffen haben, vernachlässigen, um uns mit etwas anderem zu begnügen. So nimmt man sich beispielsweise keine Zeit, um in der Familie miteinander zu reden, sondern widmet sich lieber dem persönlichen Zeitvertreib. Man vergisst das Gebet und lässt sich von den eigenen Bedürfnissen leiten; man vernachlässigt die Nächs-tenliebe unter dem Vorwand dessen, was im Alltag dringend anfällt. Aber wenn man das tut, wird man enttäuscht: Das war genau die Enttäuschung, die Petrus erlebte, mit leeren Netzen, wie er. Das ist ein Weg, der dich zurückwirft und dich nicht zufriedenstellt.

Und was macht Jesus mit Petrus? Er kehrt noch einmal an das Ufer des Sees zurück, wo er ihn, Andreas, Jakobus und Johannes, alle vier, auserwählt hatte. Er macht keine Vorwürfe – Jesus macht keine Vorwürfe, er rührt an das Herz, immer –, sondern nennt die Jünger zärtlich »meine Kinder« (V. 5). Dann fordert er sie wie einst auf, mutig ihre Netze auszuwerfen. Und wieder füllen sich die
Netze in unglaublichem Maß. Brüder und Schwestern, wenn unsere Netze leer sind, dann ist das nicht der Augenblick, um uns selbst zu bemitleiden, uns abzulenken und zu altem Zeitvertreib zurückzukehren. Es ist vielmehr an der Zeit, wieder mit Jesus aufzubrechen, es ist an der Zeit, den Mut zu finden, neu anzufangen, es ist an der Zeit, wieder mit Jesus hinauszufahren. Drei Verben: wieder aufbrechen, wieder anfangen, wieder in See stechen. Wann immer du mit einer Enttäuschung konfrontiert wirst oder mit einem Leben, das ein wenig seinen Sinn verloren hat – »heute habe ich das Gefühl, dass ich einen Schritt zurück gegangen bin...« –, brich wieder mit Jesus auf, fang neu an, fahr hinaus! Er wartet auf dich. Und er denkt nur an dich, an mich, an jeden einzelnen von uns.

Petrus brauchte diesen »Schock«. Als er Johannes ausrufen hört: »Es ist der Herr!«
(V. 7), springt er sofort ins Wasser und schwimmt auf Jesus zu. Es ist eine Geste der Liebe, denn die Liebe geht über das Nützliche, das Angemessene und das Geschuldete hinaus; die Liebe ruft Staunen hervor, inspiriert zu kreativem, unentgeltlichem Elan. Während Johannes, der Jüngste, den Herrn erkennt, ist es Petrus, der Älteste, der ins Wasser springt, um ihm entgegen zu schwimmen. In diesem Sprung in den See steckt der ganze wiedergefundene Enthusiasmus des Simon Petrus.

Liebe Brüder und Schwestern, der auferstandene Christus lädt uns heute zu einem neuen Elan ein, alle, jeden einzelnen von uns. Er lädt uns ein, uns in das Gute zu stürzen, ohne die Befürchtung, etwas zu verlieren, ohne groß zu kalkulieren, ohne darauf zu warten, dass die anderen anfangen. Warum? Nicht auf die anderen warten, denn um Jesus entgegenzugehen, muss man etwas aus dem Gleichgewicht kommen. Man muss sich mutig verausgaben, wieder anfangen, neu anfangen, indem man sich verausgabt, etwas riskiert. Fragen wir uns: Bin ich fähig zu einem Akt der Großherzigkeit, oder halte ich den Elan meines Herzens zurück und verschließe mich in der Gewohnheit oder in der Angst? Sich einen Ruck geben, springen. Das ist das Wort Jesu für heute.

Dann stellt Jesus am Ende dieser Episode Petrus dreimal die Frage: »Liebst du mich?« (V. 15.16). Der Auferstandene fragt auch uns heute: Liebst du mich? Denn an Ostern möchte Jesus, dass auch unsere Herzen auferstehen; denn der Glaube ist keine Frage des Wissens, sondern der Liebe. Liebst du mich?, fragt Jesus dich, mich, uns, die wir leere Netze und oft Angst haben, neu anzufangen; dich, mich, uns alle, die wir nicht den Mut haben, ins Wasser zu springen und vielleicht den Schwung verloren haben. Liebst du mich?, fragt Jesus. Von dem Augenblick an hörte Petrus für immer mit dem Fischen auf und widmete sich dem Dienst an Gott und an den Brüdern und Schwestern, bis an den Punkt, dass er hier, wo wir uns jetzt befinden, sein Leben gab. Und wir, wollen wir Jesus lieben?

Möge die Gottesmutter, die bereitwillig »Ja« zum Herrn gesagt hat, uns helfen, den Elan für das Gute wiederzuentdecken.

Die Grüße des Papstes finden Sie
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