Band zur Tagung über Jesus und die Pharisäer am Päpstlichen Bibelinstitut erschienen

Positiver Beitrag zu den Beziehungen zwischen Juden und Christen

 Positiver Beitrag zu den Beziehungen zwischen Juden und Christen  TED-018
06 Mai 2022

Im Frühjahr 2019 hat das Päpstliche Bibel-institut aus Anlass seines 110-jährigen Bestehens eine internationale Studientagung zum Thema »Jesus und die Phariäser: eine interdisziplinäre Neubewertung« veranstaltet. Der Tagungsband ist auf Englisch und Italienisch erschienen: J. Sievers und A.-J. Levine, I farisei . GBPress und San Paolo, Roma-Cinisello Balsamo 2021.

»Fast 2000 Jahre lang haben verschiedene christliche Kirchen die Pharisäer als eine Elite legalistischer, geldgieriger, fremdenfeindlicher Heuchler dargestellt. Obwohl die historisch-kritische Forschung über die Darstellung der Pharisäer in den Evangelien einige Korrekturen an diesen toxischen Stereotypen vorgenommen hat, wird das verzerrte Bild – das ausgewählten Passagen des Neuen Testaments entnommen und durch antijüdische Theologien verschärft wurde – weiterhin nicht nur in der christlichen Verkündigung und Bibelwissenschaft, sondern auch in der Populärkultur verbreitet«, schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort. Für das Judentum dagegen sind die Pharisäer in der Zeit des Zweiten Tempels zu Lehrmeistern geworden, die der Tradition geholfen haben, die Zerstörung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. zu überstehen, indem sie das rabbinische Judentum entwickelten.

Diese gegensätzliche Einordnung ließ am Päpstlichen Bibelinstitut die Idee aufkommen, zur Untersuchung dieser Frage Wissenschaftler mit unterschiedlichen akademischen Spezialisierungen zusammenzubringen sowie religiöse Empfindungen und Beiträge aus der Populärkultur zu berücksichtigen, mit dem Ziel, Vorurteile zu korrigieren.

Der 25 Beiträge umfassende Band beginnt mit der Ansprache von Papst Franziskus an die Tagungsteilnehmer sowie Dozenten und Studenten des Päpstlichen Bibelinstituts. Er unterstreicht: »Um unsere Nächsten besser zu lieben, müssen wir sie kennen, und um zu wissen, wer sie sind, müssen wir häufig einen Weg finden, alte Vorurteile zu überwinden. Wenn eure Tagung nun in der Absicht, zu einem reiferen und genaueren Verständnis der Pharisäer zu gelangen, Glau-bensüberzeugungen und Fachrichtungen miteinander in Beziehung bringt, so wird das erlauben, diese in Lehre und Predigt angemessener darzustellen. Ich bin sicher, dass diese Studien und die neuen Wege, die sie eröffnen, einen positiven Beitrag zu den Beziehungen zwischen Juden und Christen leisten werden im Hinblick auf einen immer tieferen und brüderlicheren Dialog.«

Da es unmöglich ist, auf jeden einzelnen Beitrag einzugehen, möchte ich nur auf einige von ihnen hinweisen. Der erste Beitrag von Craig Morrison behandelt das allgemeine Problem der Beziehung zwischen dem Namen und seiner Bedeutung. Der kanadische Karmelit, der am Päpstlichen Bibelinstitut lehrt, analysiert Lexikonartikel und Wörterbücher verschiedener Art aus unterschiedlichen Zeiten. Er kommt zu dem Schluss, dass jüdische Wissenschaftler dazu neigen, die Ungewissheit hinsichtlich der Bedeutung des Begriffs »Pharisäer« zu unterstreichen, christliche Wissenschaftler dagegen sich mehrheitlich für die Bedeutung »Abgesonderte« oder »diejenigen, die die Schriften erklären« aussprechen, ohne diese zweifelhafte Etymologie zu hinterfragen.

Eine in der Antike verfasste Geschichte der Pharisäer gebe es ebenso wenig wie irgendwelche andere von Pharisäern verfasste Dokumente, mit Ausnahme der Paulusbriefe, unterstreicht Vasile Babota. Die zeitgenössische Literatur enthalte nur fragmentarische Zeugnisse. Die Hauptquellen seien die Werke von Flavius Josephus, das Neue Testament und die rabbinische Literatur. Der Fund der Schriftrollen von Qumran habe eine neue Phase der Forschung eingeleitet. In diesen Schriften werden die Pharisäer mit zwei unterschiedlichen Namen bezeichnet: dorshe ha-halaqot, das heißt »diejenigen, die danach trachten, dass alles glatt läuft« (in dem Sinn verstanden, dass sie versuchen, die Einhaltung der Mizwot zu erleichtern). Das zweite Wort ist »Ephraim«, ein Codewort, während mit »Manasse« die Sadduzäer gemeint seien. Babota hält alle Versuche für problematisch, das erste Auftreten der Pharisäer zu datieren: Die Vermutungen reichen vom 6. bis zum 1. Jh. v. Chr. Die Hypothese einer Verbindung zwischen den Pharisäern und den Chassidim sei ebenfalls reizvoll, aber nicht ausreichend belegt.

Paola Fredriksen nimmt Paulus in den Blick, »den vollkommen gerechten Pharisäer«: Die jahrhundertelange antagonistische Rhetorik von Christen heidnischer Herkunft, die sich hauptsächlich auf den Korpus der paulinischen Schriften stütze, mache es jedoch sehr problematisch, diese Schriften für unser Wissen über die Pharisäer zu nutzen. In vielen Bildungseinrichtungen werde das Neue Testament immer noch unter dem Einfluss einer antijüdischen kulturellen Tradition studiert, bestehend aus anti-ritualistischen, aus eher universalistischen als partikularistischen, aus eher inklusiven als exklusiven Überzeugungen. So diene der »Pharisäer« als Feindbild schlechthin, sowohl in Bezug auf Jesus als auch auf Paulus, und die typischen Begriffe der Adversus iudaeos-Literatur definierten, was auch für heutige Christen moralisch falsch sei.

Adela Yarbro Collins widmet sich der Polemik gegen die Pharisäer im 23. Kapitel des Matthäusevangeliums. Eine rhetorische Analyse lasse im Text verschiedene Modi (Prophetie, Anklage, Urteil) zutage treten, aber in der nachfolgenden Literatur seien die Schriftgelehrten und Pharisäer häufig mit den jüdischen Führern aus der Zeit Jesu gleichgesetzt worden und christliche Leser hätten sie im Lauf der Jahrhunderte mit allen Juden der eigenen Zeit identifiziert.

Yair Furstenberg bietet eine Analyse der halachischen Streitfragen, wie sie in der rabbinischen Literatur und den Synoptikern dargestellt werden. Eine vergleichende Analyse der Hauptstreitfragen offenbare die Leitlinien, die die Identität der Gruppe der Pharisäer geformt hat. Der Professor der Jerusalemer Hebrew University ist der Meinung, dass eine den Kontext einbeziehende Deutung der das Gesetz betreffenden Streitgespräche Jesu mit den Pharisäern ihre besondere Form der Observanz zutage treten lasse. Innerhalb einer Pluralität konkurrierender juridischer
Systeme stellten die rabbinische Literatur und die Evangelien verschiedene Aspekte desselben Diskurses dar, und der Streit über die Details der Einhaltung der Thora diene dazu, die Unterschiede in konkurrierenden religiösen Ideologien zu unterstreichen.

Der evangelische Theologe Jens Schröter von der Humboldt-Universität Berlin untersucht die Beziehung zwischen dem historischen Jesus und den Pharisäern. Obwohl die Evangelisten im Licht ihrer Erfahrung in der Situation nach dem Jahr 70 und auf der Grundlage ihres Glaubens an Jesus schrieben, böten sie wichtige Informationen über Zeit und Ort des Wirkens Jesu, über seine Jünger, seine Gegner und über seine Aktivität. Den Evangelien zufolge stellen die Pharisäer die wichtigste jüdische Gruppierung zur Zeit Jesu dar, sie werden dort etwa 100 Mal erwähnt, sehr viel häufiger als in Flavius Josephus. Sie erscheinen als mächtige, einfluss-reiche Gruppe, fast immer in scharfem Gegensatz zu Jesus und seinen Jüngern. Manchmal erscheinen sie an der Seite der Schriftgelehrten und Herodianer. Was die Begegnungen Jesu mit den Pharisäern angehe, müsse man die Tatsache berücksichtigen, dass die Hauptaufmerksamkeit der Evangelien Jesus gelte, und nicht den Pharisäern. Kein Evangelist erkläre, wer die Pharisäer seien, beschreibe ihr religiöses und politisches Programm. Dass Markus die Einhaltung der Thora durch die Pharisäer in den Vordergrund stelle, stimme mit der Position von Flavius Josephus überein, der anmerkt, dass die Pharisäer dem Volk eine hohe Zahl an Geboten auferlegt hätten, während sie in den Qumran-Texten dagegen als Gruppierung beschrieben werden, die die Einhaltung der Thora erleichtert. Bei Lukas erschienen die Pharisäer als Gegner Jesu, während sie in der Apostelgeschichte eine zugänglichere Haltung an den Tag legten, wie das die drei Mahlszenen zeigten, bei denen Jesus im Haus eines Pharisäers zu Gast sei. Bei Johannes würden die Pharisäer als Vertreter der Juden dargestellt, die gemeinsam mit den Schriftgelehrten und Hohepriestern die Macht ausüben.

Günter Stemberger behandelt das Thema der Kontinuität zwischen Pharisäern und Rabbinen. Lange Zeit habe man gedacht, die Rabbinen seien die direkten Erben der pharisäischen Bewegung nach der Zerstörung des Tempels 70 n. Chr. Doch nur Rabbi Gamaliel von Javne ist als Nachfahre von Pharisäern bekannt. Die ersten Rabbinen bezeichneten sich nicht als Pharisäer und erst im babylonischen Talmud sei diese Definition zu finden, wo einige Rabbinen sich bemühten, ihre Geschichte bis in die Zeit des Tempels zurückzuverfolgen. Stemberger stellt die Frage, ob es möglich sei, hinsichtlich der Institutionen und des Denkens Kontinuitätslinien zwischen Pharisäern und Rabbinen zu finden. Nachdem er in seinem Beitrag eine Reihe von Zweifeln aufgezeigt hat, unterstreicht er, dass er die Existenz solcher Linien nicht gänzlich verneinen wolle, aber angesichts einer allzu vereinfachenden Vorstellung von einem »pharisäisch-rabbinischen Judentum« sei es notwendig, zu prüfen, welche Kontakte wirklich bewiesen werden könnten. Man könne das pharisäische Denken und ihre Halacha nicht auf der Grundlage rabbinischer Texte rekonstruieren.

Shaye J.D. Cohen geht in seinem Beitrag von der Kette der Weitergabe der Thora von Mose an Jehuda ha-Nassì aus, wie sie in Avot 1 und 2 dargestellt wird, und betont, dass dabei weder auf die Kohanim noch auf die Peruschim Bezug genommen wird. In der Mischna tauche letzterer Begriff nur zehn Mal auf, während Chachamim 556 Mal, Rabbim sogar 3.267 Mal Erwähnung finde. Wie sei diese Abwesenheit der Pharisäer zu erklären? Vielleicht weil die Pharisäer sich selbst nicht als solche bezeichneten, sondern sich als die Weisen Israels betrachteten. Die Wiederentdeckung der Pharisäer habe erst im Zusammenhang mit der Wiederentdeckung von Flavius Josephus durch jüdische Gelehrte stattgefunden.

Susannah Heschel und Deborah Forger analysieren die Behandlung der Pharisäer in der jüngeren Forschung, angefangen bei den Werken von Abraham Geiger und Heinrich Graetz. Dabei erzählen die Autorinnen zu Beginn ihres Artikels von einem interessanten Detail: Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich unter dem Namen Pharisäer in Norddeutschland ein Heißgetränk, das aus Kaffee, Rum und Sahne bestand. Man gab vor, Kaffee zu trinken, während es in Wirklichkeit um den Alkohol ging: das Getränk der Heuchler und Lügner, das es in einschlägigen Kaffees im Übrigen heute noch gebe.

Im abschließenden Artikel unterstreichen Massimo Grilli und Joseph Sievers, dass das vom Christentum im Laufe der Jahrhunderte über die Pharisäer gefällte Urteil das Ergebnis einer antijüdischen Theologie sei und dass nur eine aufrichtige Untersuchung auf einer erneuerten und strengeren historischen und theologischen Grundlage zu einem Überdenken dieses Bildes führen könne. Die Darstellung der Pharisäer durch die christliche Tradition beruhe auf einer unkritischen Übernahme der Quellen des Evangeliums, der entgegengewirkt werden müsse, indem man diejenigen, die Jesus nachfolgten, in den Kontext des Judentums des ersten Jahrhunderts einzuordnen versuche. Polemische Stereotypen sollten vermieden werden, und der Konflikt zwischen verschiedenen Positionen innerhalb des Judentums sollte nicht als Konflikt zwischen Christen und Juden dargestellt werden. In Lehre und Verkündigung ließen sich auch Berührungspunkte zwischen Jesus und den Pharisäern herausstellen.

Nach der Lektüre dieses wichtigen Bandes ist man erstaunt, wie wenig die Gelehrten der verschiedenen Disziplinen über die Pharisäer wissen und wie weit verbreitet und gefestigt die negativen Vorurteile über sie sind: ein Beispiel dafür, wie viel Arbeit bei der Bekämpfung des Antijudaismus noch zu leisten ist.

(Orig. ital. in O.R. 7.4.2022)

Von Marco Cassuto Morselli