Gedanken zum Sonntag - 8. Mai: 4. Sonntag der Osterzeit

Legitimation aus Selbsthingabe

 Legitimation aus Selbsthingabe  TED-018
06 Mai 2022

Ein sehr kurzes Evangelium (Joh 10,27-30) begegnet uns am 4. Sonntag der Osterzeit. Darin begegnet uns Jesus als der »gute Hirte«, der seine Legitimation darin hat, dass er sein Leben für seine Schafe hingibt. Diese Hingabe des eigenen Lebens ist das, was das innige Verhältnis zu den »Seinen« begründet. Sie macht die Zusammengehörigkeit der Schafe zu ihrem Hirten glaubwürdig und schenkt ihr ein Fundament. Da das Verhältnis zwischen den Schafen und ihrem Hirten im Auftrag des »Vaters« begründet liegt, vermag niemand ihm die Schafe zu entreißen.

Die Gemeinde des Evangelisten, an die das Evangelium vor 2000 Jahren gerichtet war, bestand aus einer überschaubaren Gruppe von Judenchristen, die an Jesus als Sohn und Gesandten des himmlischen Vaters glaubten. Die Mehrheit der Juden lehnte dies jedoch ab, und deshalb polemisiert das Johannes-evangelium scharf gegen sie. Als Kontrapunkt zur Gemeinde, die an Christus glaubt, stellt Johannes die Juden als das unverständige Umfeld dar. Sie sind die »Räuber«, die versuchen, die Schafe der Beziehung zu ihrem guten Hirten zu entreißen. Doch die Zugehörigkeit zu Jesus kann zwar durch den äußeren Unglauben angefochten werden; zerstört kann sie nicht werden, denn sie wird im Hören auf den guten Hirten bewahrt.

Der gute Hirte kennt jedes einzelne Schaf seiner Herde. Er weiß, dass jedes Schaf anders ist und deshalb ist die Herde für ihn mehr als eine anonyme Masse. Er kennt jedes Schaf sozusagen beim Namen. Auch die Schafe folgen nicht blind jedem Hirten. Sie sind vielmehr ebenso mit ihrem Hirten vertraut und hören auf seine Stimme. Sie wissen, dass er sie stets auf die richtige Weide führt.

Auf uns übertragen bedeutet das: Wer gu-ter Hirt sein möchte – in welcher Art und Funktion auch immer –, muss ein gutes Verhältnis zu den ihm anvertrauten Menschen haben. Wer andere Menschen führt, muss diese kennen, ihre Stärken und Schwächen, er muss wissen, wieviel er jedem einzelnen zutrauen kann und wem er besonders viel Aufmerksamkeit schenken muss.

P. Bernhard A. Eckerstorfer OSB, Benediktiner von Kremsmünster in Oberösterreich und Rektor des Päpstlichen Athenäums Sant’Anselmo in Rom.