Zum 200. Geburtsjahr des Christlichen Archäologen Giovanni Battista de Rossi: Interview mit Msgr. Prof. Dr. Stefan Heid

Ein Mann römischer Traditionen

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15 April 2022

Er liegt in einer seiner Hauptwirkungsstätten begraben, der Christliche Archäologe Giovanni Battista de Rossi (1822 bis 1894) aus Rom, nämlich in der Östlichen Tricora [einem rechteckigen Raum mit drei Apsiden] der von Pilgern viel besuchten Kalixtus-Katakombe an der Via Appia Antica 110. Der studierte Jurist gilt als Begründer der wissenschaftlichen Christlichen Archäologie und der frühchristlichen Epigraphik. Ab etwa 1850 entdeckte er 27 Katakomben. Insbesondere machte sich de Rossi in der Kalixtus-Katakombe verdient durch die Auffindung der Grabstätten der ersten Päpste mithilfe von Inschriften.

Im 200. Geburtsjahr wurde ihm zu Ehren kürzlich in der sogenannten Westlichen Tricora ein neuer Ausstellungsbereich eröffnet. Msgr. Professor Dr. Stefan Heid, Rektor des Päpstlichen Instituts für Christliche Archäologie, berichtet im Interview mit unserer Mitarbeiterin, der Journalistin Christa Langen-Peduto, auch von den besonderen Beziehungen des Archäologen de Rossi zu Deutschland. Der gebürtige Bad Homburger Heid, Priester der Erzdiözese Köln, ist seit 2001 in Rom und seit 2011 auch Leiter des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft.

Herr Professor Heid, der römische Archäologe Giovanni Battista de Rossi hat, wie aus seiner Biographie hervorgeht, auch im deutschen Sprachraum Bedeutung. Er war Mitglied der Preußischen und auch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Sind Ihnen dazu mehr Einzelheiten über seine Tätigkeit bekannt?

De Rossi war neben Frankreich auch mit Deutschland seit früher Zeit verbunden. Als junger Mann reiste er zu Forschungszwecken – immer auf der Suche nach Inschriften – nach Köln, Aachen, Trier und Frankfurt. Zu dieser Zeit war er schon Mitglied des jungen Istituto di Corrispondenza Archeologica (später Deutsches Archäologisches Institut). Seit 1853 war er auch Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften und arbeitete an dem von Wilhelm Henzen und Theodor Mommsen herausgegebenen monumentalen Werk über die römischen Inschriften mit, vor allem was die Inschriften Roms betraf. Das war insofern spektakulär, als de Rossi ein überzeugter Anhänger des Papsttums und des Kirchenstaates war, der 1870 unterging. Aber aufgrund seiner unbestrittenen Autorität konnten die protestantischen Preußen nicht auf seine Mitarbeit verzichten; umgekehrt half er den Preußen, wo er nur konnte, ohne konfessionelle Berührungsängste.

Sie selbst haben sich als Herausgeber und Autor mit dem Archäologen de Rossi in zwei Büchern befasst. Worum ging es da im Wesentlichen?

Besonders hat mich das Verhältnis des jungen schlesischen Priesters und später berühmten Katakombenforschers Joseph Wilpert zu de Rossi interessiert. Wilpert kam 1884 nach Rom und hat sich ungeheuer schnell zu einem Meisterschüler entwickelt, der seinen Förderer de Rossi am Ende auch zu kritisieren wagte. Er stand aber auch in der Todesstunde an dessen Seite. Das andere Buch war das zweibändige »Personenlexikon zur Christlichen Archäologie«. Darin wird nicht nur de Rossi umfangreich behandelt, sondern hier wird auch sein ganzes Netzwerk evident. Denn in 150 Biographien von Christlichen Archäologen in ganz Europa, die in diesem Lexikon behandelt werden, stoßen wir auf de Rossi. Das zeigt eindrucksvoll, wie breit und nachhaltig dieser die Erforschung der frühchristlichen Archäologie geprägt hat.

Der neue Ausstellungsbereich der Westlichen Tricora an der Kalixtus-Katakombe in Rom entstand unter Mitarbeit der Studenten Ihres Instituts. Wie gestaltete sich diese?

Die Einrichtung des neuen Ausstellungsraums in der Westlichen Tricora zu Ehren von Giovanni Battista de Rossi ist das Ergebnis einer Idee und Zusammenarbeit zwischen Prof. Matteo Braconi für die Pontificia Commissione di Archeologia Sacra (PCAS) und Prof. Carla Salvetti für das Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana, unter Einbeziehung der Studenten
des Museologiekurses für das Studienjahr 2020/2021. Diese hatten die Möglichkeit, das Material in den verschiedenen Phasen des Projekts zu bearbeiten. Die folgenden Studenten waren beteiligt und arbeiteten mit: Vittoria Artico, Francesca Beltrame, Alessandro Di Tomassi, Ilenia Gentile, Lorenza Longobardi, Germano Mancini, Alexandra Medennikova, Valeria Mekhian, Martina Procaccini, Fra Simone Schiavone, Elena Turchi, Liwen Zhu.

Wie sah die Zusammenarbeit im Detail aus und wie lange waren die Studenten damit beschäftigt?

Parallel zu einer Restaurierungskampagne des PCAS, die von Stella Cascioli durchgeführt wurde, begannen die Inspektionen zur Untersuchung des Materials, das aufgestellt werden sollte. Nach der Auswahl fertigten die Studenten eine erste »Inventarliste« mit Fotos, Messungen und einer kurzen Beschreibung der Funde an, um ein möglichst vollständiges Bild der Arten und Themen zu erhalten, die die Entwicklung der christlichen Grabplastik anhand der größtenteils unveröffentlichten Zeugnisse aus dem Gebiet von Callistano veranschaulichen sollten.

Wie ging es dann weiter?

Auf diese erste Phase folgten eine eingehendere Untersuchung der einzelnen Artefakte mit Vergleichen und Vorschlägen zur Datierung, die Erfahrung in der Restaurierungsstätte, die für die Kenntnis der technischen Fertigkeiten grundlegend war, und schließlich die Entwicklung des didaktischen Apparats.

Das Endergebnis, das dem Fachwissen der Fossoren zu verdanken ist, die bei der Bearbeitung und Einrichtung der Ausstellung eine entscheidende Rolle spielten, ist eine Präsentation der verschiedenen Themen, die in der Grabeskunst zwischen dem 3. und 4. Jahrhundert verwendet wurden. Dabei wurden die ausgewählten Funde an den Wänden und in den Vitrinen in einem idealen Rundgang platziert. Die Objekte reichen von architektonischen Fragmenten bis zu Meeresszenen, von Darstellungen von Eroten und Siegesgöttinnen bis zu Szenen des täglichen Lebens, Tieren, Masken und Inschriften.

De Rossi und der deutsche Archäologe Heinrich Schliemann sind Zeitgenossen. Was unterscheidet und was verbindet sie?

Sie verbindet dasselbe Geburtsjahr: 1822, und beide waren Archäologen, die sich ihr Handwerk im Grunde genommen autodidaktisch erarbeiten mussten. Jeder von ihnen hat eine ganze Wissenschaft angeregt und inspiriert: Schliemann die klassische und vorklassische Archäologie und de Rossi die Christliche Archäologie. Beide stammen gewissermaßen geistig aus der Romantik: Schliemann als der große Verehrer Homers und der griechischen Mythologie, die ihn zur Suche nach Troja veranlasst hat, und de Rossi als der Mann römischer Traditionen, der die Märtyrerlegenden gelesen und sich auf die Suche nach den Gräbern der ersten Päpste gemacht hat. Beide waren überaus erfolgreich und waren schon zu Lebzeiten Leuchttürme der Wissenschaft in ganz Europa.

Der Archäologe de Rossi soll anlässlich seines 200. Geburtsjahrs das ganze Jahr über gefeiert werden. Im Februar gab es bereits eine Tagung. Was ist weiter vorgesehen?

Vorgesehen ist eine ganze Reihe von Führungen durch die wichtigsten Katakomben, aber auch an exklusiven Orten des Lebens de Rossis, die man sonst kaum zu sehen bekommt, etwa die Päpstlichen Villen in Castel Gandolfo, wo er starb, und das Collegio Romano, wo er zur Schule ging. Im Mai halte ich einen Vortrag über de Rossi am Campo Santo Teutonico. Am 12. Dezember wird dann das Buch vorgestellt, das alle Vorträge der erwähnten Tagung vom Februar enthält.