Der Prediger des Päpstlichen Hauses

Im Vatikan legt nicht nur der Papst die Heilige Schrift aus

 Im Vatikan legt nicht nur der Papst die Heilige Schrift aus  TED-014
08 April 2022

Homilien und geistliche Ansprachen im Vatikan sind kein ausschließliches Privileg des Paps-tes. Auch das Oberhaupt der katholischen Kirche versteht sich als Zuhörer – besonders in den besinnlichen Zeiten des Kirchenjahres.

In den vergangenen Jahrhunderten war die Predigt eines Papstes sogar eher die Ausnahme. Nur zu ganz besonderen Gelegenheiten legte er den Gläubigen bei der Eucharistiefeier die Heilige Schrift aus. Es war üblich, dass zu bestimmten Festen Ordensleute und Priesteramtskandidaten der verschiedenen römischen Kollegien bei der feierlichen Papstliturgie predigten. So hatte am Hochfest Allerheiligen ein Alumne des Collegium Germanicum et Hungaricum, des deutsch-ungarischen Pries-terseminars in Rom, vor den Papst zu treten.

Zudem gab es im Vatikan einen eigens bestimmten Prediger aus dem Ordensstand, der in der Advents- und Fastenzeit dem Papst, den Kardinälen, den Kurienbi-schöfen und den Angehörigen des Römischen Hofes geistliche Ansprachen hielt.

Den Prediger des Papstes gibt es noch heute. Titel und Amt eines »Apostolischen Predigers« gehen auf Paul IV. (Gian Pietro Carafa, 1555-1559) zurück. Bis zu dieser Zeit predigten die Generalprokuratoren der vier Bettelorden – Dominikaner, Franziskaner, Augustiner und Karmeliten – abwechselnd in der Advents- und Fastenzeit. Von Paul IV. an gab es feste päpstliche Prediger auch aus anderen Orden, unter anderen aus der Gesellschaft Jesu. Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740-1758) räumte dann mit der Apos-tolischen Konstitution Inclytum Fratrum Minorum vom 2. März 1743 dieses Amt aus-schließlich den Kapuzinern ein.

Die Predigten fanden jeden Freitag in der Fastenzeit und an vier Tagen im Advent (an den Festen des heiligen Andreas, des heiligen Bischofs Nikolaus, der heiligen Lucia und des heiligen Apostels Thomas) im Thronsaal des Apostolischen Palastes statt. In ganz frühen Zeiten pflegte der Papst dabei in einem an den Thronsaal anstoßenden Zimmer zu sitzen, dessen Türe durch ein dichtes hölzernes Gitter ersetzt war. Die Predigt am Freitag der Karwoche fand in der Sixtinischen Kapelle statt; sie wurde als einzige auf Latein gehalten.

Welche Bedeutung den Ansprachen zukam, wird auch in einer Verpflichtung deutlich, die dem »Magister Sacri Palatii«, dem Hoftheologen des Papstes, überantwortet war: Er hatte alle Predigten, die in Gegenwart des Papstes gehalten wurden, vorher durchzusehen, den Prediger während der Abhaltung derselben mit dem Manuskript in der Hand zu beaufsichtigen und eintretende Abweichungen vom geschriebenen Text zu rügen.

1968 unterzog der heilige Papst Paul VI. (Giovanni Battista Montini, 1963-1978) den Päpstlichen Hof einer grundlegenden Reform und wandelte ihn zum »Päpstlichen Haus« um. Das Amt eines Hofpredigers behielt Paul VI. bei. Der Papst ordnete jedoch an, dass der »Apostolische Prediger« von nun an »Prediger des Päpstlichen Hauses« genannt werden solle. An dessen Aufgaben – in der Advents- und Fastenzeit vor dem Papst und dessen Mitarbeitern geistliche Ansprachen zu halten – änderte er jedoch nichts. Zudem hält er der Römischen Kurie Exerzitien.

Der jetzige Prediger des Päpstlichen Hauses, Kardinal Raniero Cantalamessa OFMCap, wurde am
22. Juli 1934 in Colli del Tronto (Marken) geboren. Die Priesterweihe empfing er 1958. In Freiburg (Schweiz) erwarb er den Doktor der Theologie; an der Katholischen Universität Sacro Cuore in Mailand promovierte er in Klassischer Philologie. In der Bischofsstadt des heiligen Ambrosius lehrte er als ordentlicher Professor Alte Kirchengeschichte und Patristik. Von 1975 bis 1981 war er Mitglied der Internationalen Theologenkommission des Vatikans.

1980 ernannte ihn der heilige Johannes Paul II. zum Prediger des Päpstlichen Hauses. Die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus bestätigten ihn 2005 bzw. 2013 in seinem Amt. Cantalamessas Bücher sind bisher in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Über ein Jahrzehnt kommentierte der Kapuzinerpater im italienischen Fernsehsender »Rai Uno« jeden Samstag in einer fünfzehnminütigen Sendung das Sonntagsevangelium. 2020 erhob ihn der Heilige Vater im Konsistorium vom 28. November zum Kardinaldiakon von Sant’Apollinare.

Von Ulrich Nersinger