Begegnung mit den Autoritäten, den Vertretern der zivilen Gesellschaft und dem Diplomatischen Korps in Valletta

Die gemeinsamen Wurzeln und Werte stärken

 Die gemeinsamen Wurzeln und Werte stärken  TED-014
08 April 2022

Herr Staatspräsident,

Mitglieder der Regierung und

des Diplomatischen Korps,

verehrte religiöse und zivile

Würdenträger,

geschätzte Vertreter von

Gesellschaft und Kultur,

meine Damen und Herren!

Herzlich grüße ich Sie und danke dem Herrn Präsidenten für die freundlichen Worte, die er im Namen aller Bürger an mich gerichtet hat. Ihre Vorfahren haben den Apostel Paulus auf seinem Weg nach Rom beherbergt und ihm und seinen Mitreisenden »ungewöhnliche Menschenfreundlichkeit« (Apg 28,2) erwiesen; jetzt komme ich von Rom und erlebe ebenso die herzliche Gastfreundschaft der Malteser, einen Schatz, der im Land von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Aufgrund seiner Lage kann Malta als das Herz des Mittelmeerraums bezeichnet werden. Aber nicht nur aufgrund seiner Lage: Die Verflechtung historischer Ereignisse und das Zusammentreffen von Bevölkerungen haben diese Inseln seit Jahrtausenden zu einem Zentrum von Vitalität und Kultur, von Spiritualität und Schönheit gemacht, zu einem Knotenpunkt, der Einflüsse aus vielen Gebieten aufnehmen und in Einklang bringen konnte. Diese Vielfalt an Einflüssen erinnert an die Unterschiedlichkeit der Winde, die das Land prägen. Es ist kein Zufall, dass die Windrose in alten kartografischen Darstellungen des Mittelmeers häufig in der Nähe der Insel Malta zu finden ist. Ich möchte das Bild der Windrose, die die Luftströme nach den vier Himmelsrichtungen einteilt, entlehnen, um vier Einflüsse zu veranschaulichen, die für das soziale und politische Leben in diesem Land wesentlich sind.

Die Winde wehen auf den maltesischen Inseln überwiegend aus Nordwest. Der Norden erinnert an Europa, insbesondere an das Haus der Europäischen Union, das so gebaut wurde, dass dort eine große Familie leben kann, die in der Bewahrung des Friedens vereint ist. Einheit und Frieden sind die Gaben, um die das maltesische Volk Gott jedes Mal bittet, wenn es die Nationalhymne anstimmt. Das von Dun Karm Psaila verfasste Gebet lautet: »Gewähre, allmächtiger Gott, Weisheit und Barmherzigkeit den Regierenden, Gesundheit den Arbeitenden und sichere dem maltesischen Volk Einheit und Frieden«. Der Friede folgt der Einheit und entspringt aus ihr. Dies erinnert uns daran, wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten, den Zusammenhalt über die Spaltung zu stellen und die gemeinsamen Wurzeln und Werte zu stärken, die die Einzigartigkeit der maltesischen Gesellschaft geformt haben.

Um ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben zu gewährleisten, reicht es jedoch nicht aus, das Gefühl der Zugehörigkeit zu festigen, sondern es müssen auch die Grundlagen des Zusammenlebens gestärkt werden, die auf Recht und Gesetzlichkeit aufbauen. Die Ehrlichkeit, die Gerechtigkeit, das Pflichtbewusstsein und die Transparenz sind Grundpfeiler einer in der Zivilisation fortgeschrittenen Gesellschaft. Das Engagement zur Beseitigung von Illegalität und Korruption sollte daher so stark sein wie der Wind, der aus dem Norden weht und über die Küs-ten des Landes hinwegfegt. Und man pflege stets Legalität und Transparenz, denn sie ermöglichen die Austrocknung des Verbrechertums und der Kriminalität, die darin übereinstimmen, dass sie nicht bei Tageslicht handeln.

Das Haus Europa, das sich für die Förderung der Werte der sozialen Gerechtigkeit und Angemessenheit einsetzt, steht auch bei der Bewahrung des größeren Hauses der Schöpfung an vorderster Front. Die Umwelt, in der wir leben, ist ein Geschenk des Himmels, wie es die Nationalhymne noch immer anerkennt, in der Gott gebeten wird, auf die Schönheit dieser Erde wie auf eine Mutter herabzublicken, die mit dem hellsten Licht geschmückt ist. In der Tat erscheint auf Malta, wo die Helligkeit der Landschaft die Mühsale abmildert, die Schöpfung wie ein Geschenk, das uns inmitten der Prüfungen der Geschichte und des Lebens daran erinnert, wie schön es ist, die Erde zu bewohnen. Sie muss daher vor unersättlicher Raffsucht, Geldgier und Bauspekulation bewahrt werden, die nicht nur die Landschaft, sondern auch die Zukunft gefährdet. Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit hingegen bereiten auf die Zukunft vor und sind hervorragende Mittel, um junge Menschen für gute Politik zu begeistern und sie so der Versuchung des Desinteresses und der Untätigkeit zu entreißen.

Der Nordwind vermischt sich oft mit dem Wind aus dem Westen. Dieses europäische Land Malta und insbesondere seine Jugend teilen den westlichen Lebensstil und die westliche Denkweise. Das bringt große Vorteile mit sich – ich denke dabei zum Beispiel an die Werte der Freiheit und der Demokratie –, aber auch Risiken, vor denen man sich hüten muss, damit die Sehnsucht nach Fortschritt nicht zu einer Loslösung von den Wurzeln führt. Malta ist ein wunderbares »Laboratorium der organischen Entwicklung«, in dem Fortschritt nicht bedeutet, die Wurzeln der Vergangenheit im Namen eines falschen Wohlstands zu kappen, der durch Profit, konsumistische Bedürfnisse und von der Haltung, ein Recht auf alles zu haben, diktiert wird. Für eine gesunde Entwicklung ist es wichtig, die Erinnerung zu bewahren und den Einklang zwischen den Generationen respektvoll zu gestalten, ohne sich von künstlicher Vereinheitlichung und ideologischer Kolonisierung vereinnahmen zu lassen, die zum Beispiel oft im Bereich des Lebens, des Prinzips des Lebens vorkommen. Das sind ideologische Kolonialisierungen, die gegen das Recht auf Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis an verstoßen.

Die Grundlage für ein solides Wachstum ist die menschliche Person, die Achtung vor dem Leben und vor der Würde jedes Mannes und jeder Frau. Ich weiß, wie sehr sich die Malteser für die Annahme und den Schutz des Lebens einsetzen. Schon in der Apostelgeschichte zeichneten Sie sich dadurch aus, viele Menschen gerettet zu haben. Ich möchte Sie ermutigen, das Leben von seinem Anfang bis zu seinem natürlichen Ende weiterhin zu verteidigen, es aber auch jederzeit vor Missachtung und Vernachlässigung zu schützen. Ich denke dabei vor allem an die Würde der Arbeitnehmer, der älteren Menschen und der Kranken. Und an die jungen Menschen, die Gefahr laufen, das unermesslich Gute, das sie sind, wegzuwerfen, indem sie Trugbildern nachjagen, die so viel Leere in ihnen hinterlassen. Das ist es, was das übersteigerte Konsumverhalten, die Verschlossenheit gegenüber den Bedürfnissen der anderen und das Übel der Drogen, die die Freiheit ersticken und Abhängigkeit schaffen, verursachen. Lasst uns die Schönheit des Lebens schützen!

Wenn wir in der Windrose weitergehen, schauen wir nach Süden. Von dort kommen viele Brüder und Schwestern auf der Suche nach Hoffnung. Ich möchte den Behörden und der Bevölkerung dafür danken, dass Sie sie im Namen des Evangeliums, der Menschlichkeit und des maltesischen Sinns für Gastfreundschaft aufgenommen haben. Gemäß der phönizischen Etymologie bedeutet Malta »sicherer Hafen«. Angesichts des wachsenden Zustroms in den letzten Jahren haben jedoch Ängste und Unsicherheiten zu Entmutigung und Frustration geführt. Um sich dem komplexen Thema der Migration angemessen zu stellen, ist es notwendig, es in eine breitere zeitliche und räumliche Perspektive einzuordnen. In der Zeit: Das Migrationsphänomen ist nicht ein zeitweiliger Umstand, sondern kennzeichnet unsere Epoche. Es bringt die Schuld vergangener Ungerechtigkeiten, vieler Ausbeutungen, des Klimawandels und unglücklicher Konflikte mit sich, für die wir jetzt die Konsequenzen tragen. Aus dem armen und bevölkerungsreichen Süden strömen Menschenmassen in den reicheren Norden: Das ist eine Tatsache, die nicht mit anachronistischen Abschottungen abgewehrt werden kann, denn in der Isolation wird es keinen Wohlstand und keine Integration geben. Und dann ist da noch die Frage des Raums: Die Ausweitung der Notsituation der Migration – man denke nur an die Flüchtlinge aus der gepeinigten Ukraine jetzt – verlangt nach umfassenden, gemeinsamen Antworten. Es ist nicht möglich, dass sich einige Länder das gesamte Problem aufbürden, während die anderen Länder in der Gleichgültigkeit verharren! Und zivilisierte Länder können nicht zu ihrem eigenen Vorteil undurchsichtige Abkommen mit Verbrechern abschließen, die Menschen versklaven. Das geschieht leider. Der Mittelmeerraum braucht europäische Mitverantwortung, damit er wieder zu einem Schauplatz der Solidarität und nicht zum Vorposten eines tragischen Schiffbruchs der Zivilisation wird. Das mare nostrum darf nicht zum größten Friedhof Europas werden.

Und im Zusammenhang von Schiffbruch denke ich an den heiligen Paulus, der während seiner letzten Mittelmeerüberquerung unerwartet an diese Küste kam und gerettet wurde. Als er dann von einer Viper gebissen wurde, hielt man ihn für einen Übeltäter; bald darauf betrachtete man ihn jedoch als eine Gottheit, weil er keine Folgen erlitten hatte (vgl. Apg 28,3–6). Zwischen den Übertreibungen der beiden Extreme entging ihnen die Hauptsache: Paulus war ein Mensch, der der Aufnahme bedurfte. Die Menschlichkeit steht an erster Stelle und wird in allem belohnt: Das lehrt dieses Land, dessen Geschichte von der verzweifelten Ankunft des schiffbrüchigen Apostels begünstigt wurde. Im Namen des Evangeliums, das er gelebt und gepredigt hat, wollen wir unsere Herzen weiten und die Schönheit des Dienstes an den Bedürftigen wiederentdecken. Gehen wir auf dieser Straße weiter. Während heute gegenüber denjenigen, die auf der Suche nach Rettung das Mittelmeer überqueren, die Angst und das »Narrativ der Invasion« vorherrschen und das oberste Ziel der Schutz der eigenen Sicherheit um jeden Preis zu sein scheint, helfen wir uns gegenseitig, den Migranten nicht als Bedrohung zu sehen und nicht der Versuchung nachzugeben, Zugbrücken hochzuziehen und Mauern zu errichten. Der andere ist kein Virus, den es abzuwehren gilt, sondern eine Person, die man aufnehmen muss, und »das christliche Ideal wird immer dazu auffordern, den Verdacht, das ständige Misstrauen, die Angst überschwemmt zu werden, die defensiven Verhaltensweisen, die die heutige Welt uns auferlegt, zu überwinden« (Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 88). Lassen wir nicht zu, dass die Gleichgültigkeit den Traum vom gemeinschaftlichen Leben auslöscht! Natürlich kostet das Aufnehmen Mühe und erfordert Verzicht. So erging es auch dem heiligen Paulus: Um sich zu retten, musste er zunächst die Güter des Schiffes opfern (vgl. Apg 27,38). Aber der Verzicht für ein höheres Gut, für das Leben des Menschen, das der Schatz Gottes ist, ist heilig!

Und dann ist da noch der Wind aus dem Osten, der oft in der Morgendämmerung weht. Homer nannte ihn »Euros« (Odyssee V, 379. 423). Aber gerade aus dem Osten Europas, aus dem Orient, wo das Licht zuerst aufgeht, ist die Finsternis des Krieges gekommen. Wir dachten, dass Invasionen aus anderen Ländern, brutale Straßenkämpfe und atomare Bedrohungen dunkle Erinnerungen an eine ferne Vergangenheit seien. Doch der fros-tige Wind des Krieges, der nur Tod, Zerstörung und Hass mit sich bringt, ist anmaßend über das Leben vieler und die Tage aller hereingebrochen. Und während wieder einmal einige wenige Mächtige, die leider in den anachronistischen Forderungen nationalistischer Interessen gefangen sind, Konflikte provozieren und schüren, verspüren die einfachen Menschen das Bedürfnis, eine Zukunft zu gestalten, die entweder gemeinsam sein wird oder gar nicht sein wird. Jetzt, in der Nacht des Krieges, die über die Menschheit herabgesunken ist, lassen wir bitte nicht zu, dass der Traum vom Frieden entschwindet.

Malta, das lichtumflutet im Herzen des Mittelmeers erscheint, kann uns inspirieren, denn es ist dringend notwendig, dem vom Krieg entstellten Antlitz des Menschen wieder Schönheit zu verleihen. Eine schöne mediterrane Statue, die aus den Jahrhunderten vor Christus stammt, stellt den Frieden, Irene, als eine Frau dar, die Pluto, den Reichtum, in ihren Armen hält. Sie erinnert uns daran, dass Frieden Wohlstand schafft und Krieg nur Armut. Und es gibt zu denken, dass in der Statue Frieden und Reichtum in Form einer Mutter dargestellt werden, die ein Kind in den Armen hält. Die Zärtlichkeit der Mütter, die der Welt Leben schenken, und die Präsenz der Frauen sind die wahre Alternative zur niederträchtigen Logik der Macht, die zum Krieg führt. Was wir brauchen, sind Mitgefühl und Fürsorge, nicht ideologische Visionen und Populismus, die sich aus Worten des Hasses speisen und denen am konkreten Leben der Menschen, der einfachen Leute, nichts liegt.

Vor mehr als sechzig Jahren, in einer vom Untergang bedrohten Welt, in der ideologische Gegensätze und die eiserne Logik der Konfliktparteien das Gesetz diktierten, erhob sich eine Stimme aus dem Mittelmeergebiet gegen den Strom und setzte der Überhöhung der eigenen Seite einen prophetischen Aufschrei im Namen der universellen Geschwis-terlichkeit entgegen. Es war die Stimme von Giorgio La Pira, der sagte: »Die historische Konjunktur, in der wir leben, der Zusammenprall von Interessen und Ideologien, der die Menschheit im Griff eines unglaublichen Infantilismus erschüttert, gibt dem Mittelmeerraum eine große Verantwortung zurück: die Regeln eines Maßes neu zu definieren, in dem sich der dem Delirium und der Maßlosigkeit überlassene Mensch wiedererkennen kann« (Rede auf dem Mittelmeerkongress der Kultur, 19. Februar 1960). Dies sind aktuelle Worte; wir können sie wiederholen, weil sie eine große Aktualität haben. Wie sehr brauchen wir ein »menschliches Maß« angesichts der infantilen und zerstörerischen Aggression, die uns bedroht, angesichts der Gefahr eines »erweiterten kalten Krieges«, der das Leben ganzer Völker und Generationen ersticken könnte! Dieser »Infantilismus« ist leider nicht verschwunden. Er kommt in den Verlockungen der Autokratie, in neuen Imperialismen, in weit verbreiteter Aggression, in der Unfähigkeit, Brücken zu bauen und bei den Ärmsten anzufangen, überheblich wieder zum Vorschein. Heute ist es so schwierig, in der Logik des Friedens zu denken. Wir haben uns daran gewöhnt, in der Logik des Krieges zu denken. Von hier aus beginnt der frostige Wind des Krieges zu wehen, und auch dieses Mal wurde er über Jahre hinweg geschürt. Ja, der Krieg hat sich seit langem zusammengebraut, mit großen Inves-titionen und Waffengeschäften. Und es ist traurig zu sehen, wie der Enthusiasmus für den Frieden, der nach dem Zweiten Weltkrieg aufkam, in den letzten Jahrzehnten ermattet ist, ebenso wie der Weg der internationalen Gemeinschaft, auf dem einige wenige Mächtige eigenmächtig auf der Suche nach Raum und Einflusszonen voranschreiten. Und so sind nicht nur der Frieden, sondern auch viele wichtige Themen wie der Kampf gegen Hunger und Ungleichheit von den wichtigsten politischen Agenden faktisch verdrängt worden.

Aber die Lösung für die Krise eines jeden einzelnen ist es, sich um die Krise aller anderen zu kümmern, denn globale Probleme erfordern globale Lösungen. Helfen wir uns gegenseitig, dem Friedensdurst der Menschen Gehör zu schenken, arbeiten wir daran, die Grundlagen für einen immer breiter angelegten Dialog zu schaffen, treffen wir uns wieder auf internationalen Friedenskonferenzen, auf denen das Thema Abrüstung im Hinblick auf die kommenden Generationen im Mittelpunkt steht! Und die enormen Mittel, die nach wie vor für die Rüstung ausgegeben werden, mögen in Entwicklung, Gesundheit und Ernährung umgesetzt werden.

Wenn ich weiter nach Osten blicke, möchte ich einen Gedanken dem benachbarten Nahen Osten zuwenden, der sich in der Sprache dieses Landes widerspiegelt, die mit anderen harmoniert, als ob sie uns an die maltesische Fähigkeit erinnern würde, in einer Art Geselligkeit der Unterschiede wohltuende Weisen des Zusammenlebens zu schaffen. Das ist es, was der Nahe Osten braucht: Libanon, Syrien, Jemen und andere von Problemen und Gewalt heimgesuchte Gebiete. Möge Malta als das Herz des Mittelmeerraums weiterhin den Puls der Hoffnung, der Sorge um das Leben, der Annahme der anderen und der Sehnsucht nach Frieden vorgeben — mit der Hilfe Gottes, dessen Name Frieden ist.

Gott segne Malta und Gozo!