Zum 200. Geburtstag von Giovanni Battista de Rossi, dem Begründer der christlichen Archäologie

Pius IX. und der Weinberg
des Papstes Cornelius

 Pio  ix  e la vigna  di Papa Cornelio   QUO-042
01 April 2022

Noch nicht einmal zwei Monate liegen zwischen dem Jahrestag von Heinrich Schliemanns Geburt, der am 6. Januar 1822 zur Welt kam, und jenem von Giovanni Battista de Rossi, der am 23. Februar desselben Jahres geboren wurde. Und es ist interessant, festzustellen, wie und wie lange die beiden Archäologen dieselbe Zeit durchleben, wobei der erstere am 26. Dezember 1890 und der zweite am 20. September 1894 sterben sollte. Zwei total verschiedene Gestalten und zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten, die sich sowohl von ihrem methodologischen Ansatz her als auch im Hinblick auf die jeweilige Vorstellung von Archäologie als einer modernen Wissenschaft stark voneinander unterscheiden, die sich jedoch leicht in eine neue Haltung gegenüber der fernen Geschichte einordnen lassen, die die curiositas der Vergangenheit beiseite lässt und sich eine mobile, vergleichende Sichtweise vorstellt, die versucht, Dokumente in Kontexte einzuordnen und einen Dialog zwischen Quellen und Monumenten herzustellen.

Und während der deutsche Archäologe sein Leben lang dem homerischen Epos folgte und eine »aufgeblähte« Autobiographie voller Selbstdarstellung und gespickt mit kleinen und großen phantastischen Äußerungen hinterließ, schöpfte de Rossi parallel dazu aus maßgeblichen Quellen und gezielten Forschungen und dokumentierte auf geradezu chirurgische und noch nachprüfbare Weise eine jede seiner archäologischen Gesten.

Der Erste suchte eine Welt, der Zweite gab eine Zeit zurück. Schliemann war Autodidakt, auch wenn er schnell war im Erlernen moderner und alter Sprachen, De Rossi war ein kultivierter, gut vorbereiteter, gut ausgestatteter und reicher Gelehrter mit einem tadellosen Cursus. Beide waren jedoch beseelt von der Suche nach »Dingen«, von denen in den Quellen die Rede war. Der deutsche Archäologe suchte und fand auf eine waghalsige und nicht immer zuverlässige Art und Weise eine Stadt und einen Schatz; der römische Archäologe hingegen suchte und fand die Welt der ersten Christen.

Jede Forschungsarbeit oder Überlegung in diesem Sinne kommt natürlich zu dem Schluss, dass der berühmte römische Archäologe, ungeachtet einer Beeinflussung durch den Jahrestag, eine entscheidende Gestalt für die Definition der christlichen Archäologie als moderne Disziplin bleibt.

Obwohl Giovanni Battista de Rossi vor allem für seine historisch-topografische Forschungsmethode geschätzt wird, werden andere, weniger offensichtliche aber ebenso wichtige Aspekte seiner unermüdlichen Tätigkeit oft vergessen, so etwa sein kontinuierlicher und äußerst »moderner« Einsatz für die Aufwertung, den Schutz und die Erhaltung der von ihm entdeckten und erforschten Denkmäler.

In diesem Zusammenhang sollten an erster Stelle die mühsamen Bemühungen erwähnt werden, die er unternahm, um den Heiligen Stuhl dazu zu bringen, das nach Calixtus I. benannte Gelände zu erwerben, den Schauplatz seiner aufregendsten Entdeckungen, wie der Krypta der Päpste und jener der Heiligen Cäcilie.

Wir erinnern uns beispielsweise an ein Kapitel seiner Biographie, an die mühsame Überzeugungsarbeit, deren es bedurfte, um den Weinberg Molinari erwerben zu lassen, wo er (zu Recht!) das Grab des Papstes Cornelius vermutete (251-253): »Ermutigt durch die Gunst, die er bei Pius IX. genoss (der ihn von Anfang an mit seinem Wohlwollen bedacht hatte), beschloss er, ihm den Kauf des Weinbergs oberhalb der Katakombe zu empfehlen. Als er von Pius IX. in Privataudienz empfangen wurde, hörte dieser ihn ruhig an, zeigte aber nicht die geringste Neigung, dieses Stück Land zu kaufen. Im Gegenteil, sein Auftreten war so, dass er sich beim Verlassen des Arbeitszimmers Seiner Heiligkeit mit dem Gedanken an ein ›Erzfiasko‹ abfinden musste. Msgr. de Merode, der bei Pius IX. großes Vertrauen genoss, war schon seit Beginn seines Pontifikats Vermittler zwischen Seiner Heiligkeit und de Rossi in allen möglichen anderen Angelegenheiten gewesen; nun zog de Rossi ihn nach der Audienz zu sich in das geheime Vorzimmer. Der noch junge Archäologe berichtete Msgr. de Merode, der wenige Augenblicke später vom Heiligen Vater hereingerufen wurde, kurz und bündig über das Ergebnis der Audienz. Beim Eintritt de Merodes erhob der Papst seine Stimme und sagte aus der Ferne und mit einem herzhaften Lachen zu ihm: ›Ich habe de Rossi wie einen geprügelten Hund weggejagt, aber dessen ungeachtet werde ich den Weinberg kaufen‹. Pius IX. hatte sich deshalb so zurückhaltend gezeigt, um de Rossi ein wenig Angst einzujagen, der mit großer Begeisterung von seiner Zuversicht hinsichtlich der wertvollen Entdeckungen gesprochen hatte, die er machen würde. Msgr. de Merode folgte de Rossi eilig und informierte ihn auf der Treppe über die Worte des Papstes und den getroffenen Beschluss, den Weinberg zu kaufen.«

De Rossi schlug dem Papst auch die Gründung einer Kommission für sakrale Archäologie vor, um die Ausgrabungen, die Restaurierung und den Schutz des großen Katakombenkomplexes, der auf der Via Appia ans Tageslicht kam, besser zu organisieren, ein Gremium, das später für die Aufwertung und Erhaltung aller Katakomben in Italien wertvoll und effizient werden sollte.

Diese Kommission wurde am 6. Januar 1852 »zum wirksameren Schutz und zur Überwachung der Friedhöfe und der antiken christlichen Gebäude Roms und der Vorstädte, zur systematischen und wissenschaftlichen Ausgrabung und Erforschung der Friedhöfe selbst und zur Erhaltung und Aufbewahrung der bei den Ausgrabungen gefundenen oder ans Licht gebrachten Gegenstände« eingesetzt.

Diese Ereignisse geben uns einen Einblick in die Beziehungen der gegenseitigen Wertschätzung und des großen Vertrauens zwischen den beiden großen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts in Rom, Papst Pius IX., dem großen Förderer der christlichen Archäologie, und Giovanni Battista de Rossi.

Der Besuch des Papstes in den Calixtus-Katakomben ist in die Anekdoten, aber auch in die Geschichte eingegangen. Wir hören den Bericht in den Worten seines offiziellen Biographen, Pater Baumgarten. »Der Papst … ließ de Rossi ausrichten, dass er in den Nachmittagsstunden des folgenden Tages die St. Calixtus-Katakombe besuchen wollte, und ihn gleichzeitig für denselben Tag zum Essen in Santa Maria del Priorato in der Malteser-Villa auf dem Aventin einladen ließ. Man sollte wissen, dass der Heilige Vater einem alten Brauch zufolge niemals Gäste an seiner Tafel im Palast empfängt: Deshalb pflegten die Päpste ... im Urlaub oder anderswo bestimmte Persönlichkeiten mit ihrer Einladung zu beehren, mit denen sie sich gerne ohne viel Etikette und Unterwürfigkeit  unterhalten konnten. Und so versammelten sich um die Mittagszeit des folgenden Tages im schönen Salon der Villa Malta eine große Zahl von Kardinälen, Botschaftern, Prälaten und Ministern: unter ihnen auch de Rossi. Der ihm zugewiesene Platz war weit von Seiner Heiligkeit entfernt. Während des Mittagessens sprach der Papst über die Archäologie, und bemerkte mit lauter Stimme, dass er wenig Vertrauen in sie habe: die Archäologen seien Träumer und Dichter, und sie träumten viele Dinge, die der Normalsterbliche nicht einmal verstünde. Diese und ähnliche Worte wurden in einer Art und Weise gesagt, dass de Rossi sie hören musste, aber er blieb still. Nachdem er von der Tafel aufgestanden war, schickte der Papst, während im Garten Kaffee geschlürft wurde, Msgr. de Merode zu ihm, um ihm auszurichten, dass er sich durch die Worte, die bei Tisch gefallen waren, nicht beleidigt fühlen solle: sie seien im Spaß gesagt und sollten ihn dazu anspornen, sich zu äußern und die unglückliche Archäologie zu verteidigen.«

Von Fabrizio Bisconti