Lichter im Nebel

New Year's Eve fireworks erupt overhead in Rome on December 31, 2021. (Photo by Alberto PIZZOLI / ...
03 Januar 2022

Rom liegt im Nebel. Am Silvesterabend, die ganze Nacht über und bis in die ersten Morgenstunden des Neujahrstages hat der Nebel die Straßen, Plätze und Paläste der Ewigen Stadt eingehüllt. Ein seltsames Gefühl für die Römer, die an diese nördlichen Atmosphären nicht gewöhnt sind. Die traditionellen Feuerwerke, die den Beginn des neuen Jahres begrüßen, wurden durch diese einzigartigen klimatischen Verhältnisse in Mitleidenschaft gezogen. Wer auf erhöhten Aussichtspunkten stand, beispielsweise auch auf den Dachterrassen der Häuser, fand sich von diesem Nebelmeer umgeben, das von den plötzlich explodierenden, vielfarbigen Lichtern der glückverheißenden Feuerwerke durchquert und »durchbrochen« wurde. Lichter im Nebel, Knallgeräusche, schimmernde Sternenregen und abrupte Unterbrechungen der gedämpften Stille, die dieses liebliche und zugleich beunruhigende atmosphärische Phänomen stets zu begleiten pflegt.

Eine seltsame, eine ungewöhnliche Neujahrsnacht. Man könnte über die rein physischen Umstände nachdenken und einzuschätzen versuchen, ob auch diese Episode dem Klimawandel zuzuschreiben sei, der den Planeten plagt, oder sich aber auf die nächste, metaphysische Ebene begeben und über das Staunen meditieren, das eine Folge des »Merkwürdigen« ist - auch des Nebels. Das Thema des Staunens war der fil rouge, der rote Faden, der sich durch die Worte des Papstes zog während dieser Weihnachtstage, an denen die Christen über das Geheimnis der Menschwerdung meditieren, während sie auf den Stall von Bethlehem schauen und darum bitten, dass die Gabe des Glaubens - mit den Worten des heiligen Jean-Baptiste Marie Vianney – die Quintessenz unseres Lebens bleiben möge: »Wir sind in dieser Welt wie in einem Nebel, aber der Glaube ist der Wind, der diesen Nebel vertreibt und eine schöne Sonne scheinen lässt.« Es ist gerade das Staunen, das angesichts der Szene von Maria und Josef mit dem neugeborenen Kind unser Herz anrührt, und gerade aus dem Staunen heraus entsteht alles andere; es ist gerade von diesem Ausgangspunkt aus, dass, wie der Papst auf seiner jüngst absolvierten Reise nach Griechenland gesagt hat, »die Philosophie [begann]: vom Staunen über die Dinge, die sind, über unsere Existenz hin zur Harmonie der Schöpfung, zum Geheimnis des Lebens.« Die Philosophie, aber auch die Poesie, wie der argentinische Dichter Borges bemerkt hat, entstehen daraus, dass man die Dinge als »seltsam« wahrnimmt. Philosophie, Dichtung, aber auch der Glaube selbst, wie der Papst in der bereits zitierten Ansprache an die Jugendlichen in Griechenland gesagt hat: » Und das ist so, weil unser Glaube nicht in erster Linie aus einer Reihe von Dingen besteht, die wir glauben sollen, und aus Geboten, die wir erfüllen müssen. Das Herz des Glaubens ist nicht eine Idee, nicht eine Moral, das Herz des Glaubens ist eine Wirklichkeit, eine wunderschöne Wirklichkeit, die nicht von uns abhängt und die uns sprachlos macht: Wir sind Gottes geliebte Kinder! Dies ist das Herz des Glaubens: Wir sind geliebte Kinder Gottes! Geliebte Kinder: Wir haben einen Vater, der über uns wacht und nie aufhört, uns zu lieben.« Dieser Vater, der wacht, liebt und vergibt, ist der Urquell unserer Berufung zur Geschwisterlichkeit, die, noch bevor sie eine autonome Entscheidung des Menschen sein kann, ein Geschenk ist und bleibt. Das hat der Papst auch in seiner Predigt gesagt, die er bei der Ersten Vesper vom Hochfest der Gottesmutter Maria zum Jahresschluss gehalten hat: »Die Entscheidung für solidarische Verantwortung kommt nicht aus der Welt: sie kommt von Gott, ja sie kommt von Jesus Christus, der ein für alle Mal in unsere Geschichte den ›Kurs‹ ihrer ursprünglichen Berufung eingeprägt hat: Brüder und Schwestern zu sein, wir alle, Kinder des einen Vaters.«

Alle Menschen haben einen einzigen Vater und folglich eine ursprüngliche gemeinsame Berufung. Die nicht nur die einzelnen Individuen betrifft, sondern auch die Gemeinschaften und die Städte. Auch Rom. Es ist richtig, das heute zu betonen, in der ersten Ausgabe dieser Zeitung für das Jahr 2022, die ihren Namen sogar in ihrem Zeitungskopf führt; die Worte, die der Bischof von Rom an seine Stadt gerichtet hat, offenbaren im Gegenlicht auch den »Kurs«, den der »Osservatore Romano« verfolgen muss und will, keine italienische, sondern wie gesagt römische Zeitung, d.h. eine katholische, universale Zeitung. Lasst uns diese Worte also noch einmal lesen: »Die Stadt Rom trägt diese Berufung in ihr Herz geschrieben. In Rom empfinden sich alle als Brüder und Schwestern, in gewissem Sinn fühlen sich alle zu Hause, weil diese Stadt eine universale Offenheit in sich birgt. Das kommt aus ihrer Geschichte, ihrer Kultur, das kommt vor allem aus dem Evangelium Christi, das hier tiefe, vom Blut der Märtyrer getränkte Wurzeln geschlagen hat, angefangen bei Petrus und Paulus.«

Gewichtige Worte, die für unsere Redaktion zu unausweichlichen Fragen werden: Behüten wir diese universale Öffnung? Sind wir Märtyrer, sprich Zeugen der Freude und der Hoffnung, die in den Herzen von uns Erlösten wohnen? Im Hinblick auf die erste dieser Fragen sagt uns der Papst, wir sollten aufpassen, weil man »eine einladende und geschwisterliche Stadt nicht an der ›Fassade‹, an schönen Reden, an hochtrabenden Events« erkenne. »Nein. Man erkennt es an der täglichen, der ›werktäglichen‹ Aufmerksamkeit für diejenigen, die es schwerer haben, für die Familien, die die Last der Krise stärker spüren, für die Menschen mit schwerer Behinderung und ihre Familien […] Es ist die Stadt, die auf jedes ihrer Kinder schaut, auf jeden ihrer Einwohner.«

Das, was auf die Stadt zutrifft, gilt auch für die Zeitung, die »Tagesausgabe«, wie man zu sagen pflegt, die bereits in ihrem Produktionsrhythmus jene entscheidende »Werktäglichkeit« lebt, von der der Papst spricht. Es ist gerade in der bescheidenen und häuslichen Dimension des Alltags, dass man sehen kann, ob jene wunderbare Schönheit Roms, einer Stadt, »die immer wieder neu verzaubert«, nur der faszinierende und tödliche Gesang der Sirenen ist, oder vielmehr der Quell eines generativen Staunens. Im erstgenannten Fall würde es zu »einer anstrengenden Stadt« werden, »leider nicht immer würdig für Bürger und Gäste, eine Stadt, die zuweilen ausgrenzt.« Im zweiten Fall. Und hier kommt wieder die Frage des Zeugnisses, des Martyriums aufs Tapet, also die Frage, ob die Stadt (und die Zeitung) wirklich gastfreundlich, aufmerksam und inklusiv wird, dann werden wieder jene Voraussetzungen geschaffen, unter denen jeder Einwohner und jeder Besucher Roms »staunend in dieser Stadt eine Schönheit entdecken kann, die, so würde ich sagen, ›kohärent‹ ist und Dankbarkeit weckt. Das ist mein guter Wunsch für dieses Jahr«, so schloss der Papst.

Und gerade so lautet, auf unsere bescheidene Art, auch unser guter Wunsch für ein Jahr 2022, in dem der Nebel, der unser Leben, unsere Gegenwart und Zukunft manchmal einzuhüllen scheint und unsere Sinne empfindungslos macht, wirklich von den Lichtern eines Feuers durchbrochen werden möge, keines künstlich gemachten Feuerwerks, sondern eines Feuers, das lebendig, mächtig, strahlend hell und wärmend ist, weil es kein Produkt unsres Geistes sondern vielmehr eine Gottesgabe ist, die wir empfangen und von staunender Dankbarkeit erfüllt weitergeben.

Von Andrea Monda