Audienz für eine Delegation der Bewegung der Katholischen Aktion in Frankreich

Synodalität ist ein Stil und Hauptakteur ist der Heilige Geist

 Synodalität ist ein Stil und Hauptakteur ist der Heilige Geist  TED-004
28 Januar 2022

Liebe Brüder und Schwestern!

Ich begrüße euch alle sehr herzlich und danke Erzbischof Fonlupt für seine freundlichen Worte. Ich freue mich, euch anlässlich eurer Pilgerfahrt nach Rom zu empfangen. Durch euch möchte ich auch alle Mitglieder der »équipes« der Katholischen Aktion in Frankreich grüßen. Und ich bitte euch, sie meines Gebetsgedenkens und auch meiner Nähe zu versichern.

Es ist ein alter Brauch eurer Bewegungen, zu einer Begegnung mit dem Papst zu kommen. Bereits 1929 hat Pius XI. einige Vertreter der Katholischen Aktion empfangen und in jener Bewegung »die Erneuerung und die Fortsetzung dessen, was es in den ersten Tagen des Christentums gab, für die Verkündigung des Reiches Gottes, […] in der Zusammenarbeit der Laien mit den Aposteln« begrüßt (12. Juni 1929). Als Thema eurer Pilgerfahrt habt ihr in der Tat »Apos-tel heute« gewählt. Ich möchte mit euch über unsere Berufung nachdenken, tatsächlich Apostel in der heutigen Zeit zu sein, ausgehend von der Eingebung, die eine der großen Gestalten der Katholischen Aktion, Kardinal Cardijn, hatte: die »Révision de vie«. Als die Jünger mit Jesus auf dem Weg nach Emmaus unterwegs sind (vgl. Lk 24,18-35), beginnen sie damit, sich an die Ereignisse, die sie erlebt haben, zu erinnern; dann erkennen sie die Gegenwart Gottes in jenen Ereignissen; schließlich handeln sie, indem sie nach Jerusalem zurückkehren, um die Auferstehung Christi zu verkünden. Sehen, beurteilen, handeln: Ihr kennt diese drei Worte gut! Greifen wir sie noch einmal gemeinsam auf.

Sehen

»Sehen«. Dieser erste Schritt ist grundlegend. Er besteht darin innezuhalten, um die Ereignisse zu betrachten, die unser Leben bilden: das, was unsere Geschichte, unsere familiären, kulturellen, christlichen Wurzeln ausmacht. Die Pädagogik der Katholischen Aktion beginnt immer mit einem Augenblick der Erinnerung, im tiefs-ten Sinne des Wortes: eine »Anamnese«, also mit dem Bewusstsein von heute den Sinn dessen zu verstehen, was man ist und was man erlebt hat, und zu spüren, dass Gott in jedem Augenblick gegenwärtig gewesen ist. Die Zartheit und Feinfühligkeit des Handelns des Herrn in unserem Leben hindert uns manchmal daran, es sofort zu verstehen, und man braucht diese Distanz, um seine Schlüssigkeit zu erkennen. Die Enzyklika Fratelli tutti, die eure Gruppen intensiv gelesen haben, beginnt mit einem Blick auf unsere – manchmal besorgniserregende – Weltlage. Es mag etwas pessimistisch erscheinen, aber es ist notwendig, um voranzugehen: »Ohne Erinnerung geht es nicht voran, man entwickelt sich nicht weiter ohne eine umfassende und hellsichtige Erinnerung« (Nr. 249).

Beurteilen

Der zweite Schritt ist das »Beurteilen«, oder man könnte auch sagen das »Unterscheiden«. Es ist der Augenblick, in dem man sich hinterfragen, in Frage stellen lässt. Der Schlüssel dieses Schritts ist die Bezugnahme auf die Heilige Schrift. Es geht darum zuzulassen, dass das eigene Leben durch das Wort Gottes überprüft wird, das, wie es im Hebräerbrief heißt, »lebendig ist […], wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert […] Es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens« (4,12). In Fratelli tutti habe ich das Gleichnis vom barmherzigen Samariter gewählt, um unsere Beziehung zur Welt, zu den anderen, insbesondere zu den Armen zu hinterfragen. In der Begegnung zwischen den Ereignissen der Welt und unseres Lebens einerseits und dem Wort Gottes andererseits können wir den Ruf erkennen, den der Herr an uns richtet. Eure Bewegungen der Katholischen Aktion haben in ihrer Geschichte wahre synodale Praktiken entwickelt, vor allem im Leben als Gruppe, das die Grundlage eurer Erfahrung darstellt. Auch die Kirche als Ganze hat einen synodalen Prozess in Gang gesetzt, und ich zähle auf euren Beitrag. Erinnern wir uns in diesem Zusammenhang daran, dass die Synodalität nicht einfach nur eine Diskussion ist. Sie ist kein »Adjektiv«. Man darf die Substantialität des Lebens nie »adjektivieren«.

Die Synodalität ist auch nicht die Suche nach dem Konsens der Mehrheit. Das macht ein Parlament, wie man es in der Politik macht. Sie ist kein Plan, kein Programm, das umgesetzt werden soll. Sie ist ein Stil, den man annehmen muss, bei dem der Hauptakteur der Heilige Geist ist, der vor allem im gelesenen, meditierten, gemeinsam geteilten Wort Gottes zum Ausdruck kommt. Nehmen wir das konkrete Bild des Kreuzes: Es hat einen vertikalen und einen horizontalen Arm. Der horizontale Arm ist unser Leben, unsere Geschichte, unsere Menschheit. Der vertikale Arm ist der Herr, der uns mit seinem Wort und seinem Geist besucht, um dem, was wir leben, einen Sinn zu geben. Mit Chris-tus gekreuzigt zu sein, wie der heilige Paulus sagt (vgl. Gal 2,19), bedeutet, mein Leben unter seinen Blick zu stellen, diese Begegnung zwischen meiner armseligen Menschheit und seiner verwandelnden Gottheit zuzulassen. Bitte, gebt dem Wort Gottes im Leben eurer Gruppen immer einen wichtigen Platz. Und lasst ebenso Raum für Gebet, Innerlichkeit, Anbetung.

Handeln

Und kommen wir zum dritten Schritt: »handeln«. Das Evangelium lehrt uns, dass das Handeln – das sogar im Namen eurer Bewegung vorkommt – stets der Initiative Gottes bedarf. Nach der Auferstehung berichtet der heilige Markus: »Der Herr stand ihnen [den Aposteln] bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten« (16,20). Also »das Handeln gehört dem Herrn: Er hat darauf das Exklusivrecht und ist ›inkognito‹ unterwegs in der Geschichte, in der wir wohnen« (Ansprache an die Katholische Aktion in Italien, 30. April 2021).

Unsere Rolle besteht darin, das Handeln Gottes in den Herzen zu stützen und zu fördern, indem wir uns an die Wirklichkeit anpassen, die sich ständig weiterentwickelt. Die Menschen, die von euren Bewegungen erreicht werden – ich denke insbesondere an die jungen Menschen –, sind nicht dieselben wie vor einigen Jahren. Heute sind, besonders in Europa, diejenigen, die den christlichen Bewegungen angehören, skeptischer gegenüber den Institutionen, suchen weniger verpflichtende und flüchtigere Beziehungen. Sie sind sensibler, was die Emotionen betrifft, und daher verletzlicher, zerbrechlicher als die früheren Generationen, weniger im Glauben verwurzelt, aber dennoch auf der Suche nach Sinn, nach Wahrheit, nicht weniger großherzig.

Eure Sendung als Katholische Aktion ist es, sie so zu erreichen, wie sie sind, sie wachsen zu lassen in der Liebe zu Christus und zum Nächs-ten, und sie zu einem größeren konkreten Einsatz zu führen, damit sie Protagonisten ihres Lebens und des Lebens der Kirche sein können, auf dass die Welt sich verändern kann.

Danke, liebe Freunde, ich danke euch von Herzen für euren großherzigen Dienst, den die Kirche mehr braucht denn je, in dieser Zeit, in der ich sehr hoffe, dass ein jeder die Freude, die Freundschaft Christi zu erleben und das Evangelium zu verkünden, finden oder wiederfinden möge. Ich bitte euch, mich in eurem Gebet zu tragen. Ich vertraue euch, die Verantwortlichen, ebenso wie alle Mitglieder eurer »équipes« der Fürsprache der Jungfrau Maria an, und ich erteile euch den Segen.

(Orig. ital. in O.R. 13.1.2022)