Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 5. Januar

Ohne Kinder wird die Gesellschaft unmenschlicher

 Ohne Kinder wird die Gesellschaft unmenschlicher  TED-002
14 Januar 2022

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Heute werden wir über den heiligen Josef als Vater Jesu nachdenken. Die Evangelisten Matthäus und Lukas stellen ihn als Nährvater Jesu und nicht als seinen biologischen Vater dar. Matthäus bringt dies zum Ausdruck, indem er das Verb »zeugen« vermeidet, das im Stammbaum für alle Vorfahren Jesu gebraucht wurde. Vielmehr bezeichnet er ihn als den »Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird« (1,16). Lukas bestätigt das, indem er von Jesus sagt: »Er galt als Sohn Josefs« (3,23). Dieser erschien also als sein Vater.

Um Josefs Nährvaterschaft oder Vaterschaft vor dem Gesetz zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass die Institution der Adoption im Alten Orient sehr verbreitet war, mehr als in unseren Tagen. Man denke an das in Israel sehr gebräuchliche »Levirat«, das im Deuteronomium so formuliert wird: »Wenn zwei Brüder zusammenwohnen und der eine von ihnen stirbt und keinen Sohn hat, soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines fremden Mannes außerhalb der Familie werden. Ihr Schwager soll sich ihrer annehmen, sie heiraten und die Schwagerehe mit ihr vollziehen. Der ers-te Sohn, den sie gebiert, soll den Namen des verstorbenen Bruders weiterführen. So soll dessen Name in Israel nicht erlöschen« (25,5-6). Mit anderen Worten: Der leibliche Vater dieses Sohnes ist der Schwager, aber der Vater vor dem Gesetz bleibt der Verstorbene, der dem Neugeborenen alle Erbrechte überträgt. Dieses Gesetz hatte ein zweifaches Ziel: dem Verstorbenen Nachkommenschaft und den Erhalt des Besitzes zu gewähren.

Den Namen geben

Als offizieller Vater Jesu übt Josef das Recht aus, dem Sohn einen Namen zu geben, wodurch er ihn rechtlich anerkennt. Rechtlich ist er der Vater, aber nicht der Zeugung nach; er hat ihn nicht gezeugt.

In der Antike war der Name die Zusammenfassung der Identität eines Menschen. Den Namen zu ändern bedeutete, sich selbst zu verändern, wie im Fall des Abram, dessen Namen Gott in »Abraham« verwandelt, was »Vater der Menge« bedeutet, denn, so heißt es im Buch Genesis, »zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt« (17,5). Das gilt auch für Jakob, der »Israel« genannt wird, was »Gottesstreiter« bedeutet, denn er hat mit Gott gestritten, um ihn zu zwingen, ihm seinen Segen zu geben (vgl. Gen 32,29; 35,10).

Jemandem oder etwas den Namen zu geben bedeutet jedoch vor allem, die eigene Autorität über das, was benannt wurde, zu bestätigen, wie Adam es tat, als er allen Tieren einen Namen gab (vgl. Gen 2,19-20).

Josef weiß, dass für den Sohn Marias von Gott ein Name vorbereitet wurde – der wahre Vater Jesu, Gott, gibt Jesus den Namen –, der Name »Jesus«. Er bedeutet »der Herr rettet«, wie der Engel ihm erklärt: »denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen« (Mt 1,21). Dieser besondere Aspekt der Gestalt des Josef gestattet uns heute, über die Vaterschaft und über die Mutterschaft nachzudenken. Und ich glaube, dass das sehr wichtig ist: heute über die Vaterschaft nachzudenken. Denn wir leben bekanntlich in einer Zeit der Verwaisung. Es ist merkwürdig: unsere Zivilisation ist etwas verwaist, und man spürt es, dieses Verwaist-Sein. Die Gestalt des heiligen Josef möge uns helfen zu verstehen, wie man das Gefühl der Verwaisung, das uns heute viel Schaden zufügt, überwindet.

Es genügt nicht, ein Kind in die Welt zu setzen, um zu sagen, dass man auch sein Vater oder seine Mutter ist. »Als Vater wird man nicht geboren, Vater wird man. Und man wird zum Vater nicht einfach dadurch, dass man ein Kind in die Welt setzt, sondern dadurch, dass man sich verantwortungsvoll um es kümmert. Jedes Mal, wenn jemand die Verantwortung für das Leben eines anderen übernimmt, übt er ihm gegenüber in einem gewissem Sinne Vaterschaft aus« (Apostolisches Schreiben Patris corde). Ich denke insbesondere an all jene, die sich öffnen, um das Leben anzunehmen auf dem Weg der Adoption, die eine so großherzige und schöne Haltung ist.

Josef zeigt uns, dass diese Art von Bindung nicht zweitrangig, keine Notlösung ist. Eine solche Entscheidung gehört zu den höchsten Formen der Liebe und der Vaterschaft und Mutterschaft. Wie viele Kinder in der Welt warten darauf, dass jemand sich ihrer annimmt! Und wie viele Eheleute haben den Wunsch, Vater und Mutter zu sein, können es aber aus biologischen Gründen nicht. Oder sie wollen, auch wenn sie schon Kinder haben, die familiäre Liebe mit denen teilen, denen sie nicht beschieden ist. Man braucht keine Angst zu haben, den Weg der Adoption zu wählen, das »Risiko« der Annahme einzugehen.

Und heute gibt es neben der Verwaisung auch einen gewissen Egoismus. Kürzlich habe ich über den demografischen Winter gesprochen, der heute herrscht: Die Menschen wollen keine Kinder haben oder nur eins und nicht mehr. Und viele Paare haben keine Kinder, weil sie keine wollen, oder sie haben nur eins, weil sie keine anderen wollen, haben aber zwei Hunde, zwei Katzen… Ja, Hunde und Katzen nehmen den Platz von Kindern ein. Ja, man lacht darüber, das verstehe ich, aber es ist die Wirklichkeit. Und diese Verneinung der Vaterschaft und der Mutterschaft schwächt uns, nimmt uns die Menschlichkeit. Und so wird die Zivilisation älter und unmenschlich, weil man den Reichtum der Vaterschaft und der Mutterschaft verliert. Und es leidet das Vaterland, das keine Kinder hat. Jemand hat einmal etwas humorvoll gesagt: »Und wer bezahlt jetzt die Steuern für meine Rente, wo es keine Kinder gibt? Wer wird für mich Sorge tragen?« Er lachte, aber es ist die Wahrheit.

Erfüllung des Lebens

Ich bitte den heiligen Josef um die Gnade, die Gewissen zu wecken und daran zu denken: Kinder zu bekommen. Vaterschaft und Mutterschaft sind die Erfüllung des Lebens eines Menschen. Denkt darüber nach. Es stimmt, es gibt die geistliche Vaterschaft für jene, die sich Gott weihen, und die geistliche Mutterschaft. Wer aber in der Welt lebt und heiratet, muss daran denken, Kinder zu bekommen, das Leben hinzuschenken, denn sie werden es sein, die ihnen die Augen schließen werden, die an ihre Zukunft denken werden.

Und auch wenn ihr keine Kinder bekommen könnt, denkt an die Adoption. Sie ist ein Risiko, ja: Ein Kind zu haben, ist immer ein Risiko, sowohl auf natürlichem Wege als auch durch Adoption. Aber noch riskanter ist es, keine Kinder zu haben. Noch riskanter ist es, die Vaterschaft zu verneinen, die Mutterschaft zu verneinen, sowohl die reale als auch die geistliche. Einem Mann und einer Frau, die aus freiem Willen den Sinn der Vaterschaft und der Mutterschaft nicht entwickeln, fehlt etwas Wesentliches, etwas Wichtiges. Denkt darüber nach, bitte.

Ich hoffe, dass die Institutionen stets bereit sein werden, die Adoption in diesem Sinne zu unterstützen, indem sie ernsthaft darüber wachen, aber auch die notwendigen Verfahren vereinfachen, damit der Traum vieler Kinder verwirklicht werden kann, die eine Familie brauchen, und vieler Eheleute, die sich in der Liebe hinschenken wollen.

Vor einiger Zeit habe ich das Zeugnis eines Menschen, eines Arztes – ein wichtiger Beruf – gehört. Er hatte keine Kinder und hat zusammen mit seiner Frau beschlossen, ein Kind zu adoptieren. Und als der Augenblick gekommen war, wurde ihnen eines angeboten und dazu gesagt: »Na ja, wir wissen nicht, wie es sich gesundheitlich entwickeln wird. Vielleicht hat es eine Krankheit.« Und er sagte – er hatte es bereits gesehen –, er sagte: »Hätten Sie mich das gefragt, bevor ich hereingekommen wäre, dann hätte ich vielleicht Nein gesagt. Aber ich habe es gesehen: Ich nehme es mit.« Das ist der Wunsch, Vater zu sein, Mutter zu sein, auch in der Adoption. Habt keine Angst davor.

Ich bete, dass niemandem eine Bindung väterlicher Liebe fehlen möge. Und jene, die an Verwaisung erkrankt sind, mögen vorangehen ohne dieses so schlimme Gefühl. Möge der heilige Josef seinen Schutz und seine Hilfe über die Waisen ausüben; und möge er Fürsprache halten für die Paare, die sich ein Kind wünschen. Darum beten wir gemeinsam:

Heiliger Josef,

der du Jesus mit der Liebe eines Vaters

geliebt hast,

stehe den vielen Kindern bei,

die keine Familie haben

und sich einen Vater und eine Mutter

wünschen.

Stütze die Eheleute,

die keine Kinder bekommen können,

hilf ihnen, durch dieses Leiden

einen größeren Plan zu entdecken.

Lass niemandem ein Zuhause,

eine Bindung fehlen,

einen Menschen, der für ihn oder sie

Sorge trägt;

und heile den Egoismus derer,

die sich dem Leben verschließen,

damit das Herz sich weit öffnen möge

für die Liebe.

(Orig. ital. in O.R. 5.1.2022)