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Geheimnisse der Vatikanischen Museen

»Anima Mundi« – Wenn die Peripherie zum Zentrum wird

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14 Januar 2022

Es ist ein Museum der Superlative: über 80.000 Exponate aus Völkern und Kulturen der ganzen Welt sind in der neugestalteten ethnologischen Abteilung der Vatikanischen Museen ausgestellt, die einen bezeichnenden Namen trägt: »Anima Mundi« – Seele der Welt.

Wer in den Vatikan kommt, um die Meisterwerke Raffaels und Michelangelos zu bewundern und dann die neuen Säle des Ethnologischen Museums betritt, das jetzt »Anima Mundi« heißt, taucht in ferne Kulturen und Traditionen ein. Das, was man hier vorfindet, ist keine gewöhnliche Ausstellung – es ist ein Raum, der zur Integration und zum Dialog einlädt. Ein Ort, an dem die Kunst »pluralistisch« wird, einen internationalen, universellen, katholischen Ansatz bekommt. Kurzum: Es ist ein Museum, dessen Zentrum die Peripherie ist.

Der Kern der Museumssammlung geht auf eine Schenkung präkolumbianscher Artefakte vor über 300 Jahren zurück. Den eigentlichen Anstoß aber gab die Weltmissionsausstellung, die Papst Pius XI. 1925 im Vatikan organisierte. In einer Zeit, in der Europa vom Geist des Nationalismus heimgesucht wurde, hatten eine Million Menschen so die Möglichkeit, mehr als 100.000 Exponate aus aller Welt zu bewundern – auch aus jenen Teilen der Erde, die als wenig »zivilisiert« galten. Es war ein eindrucksvolles Zeugnis einer Kirche der offenen Türen.

40.000 Exponate blieben in der Ewigen Stadt. Und daran sollte sich auch in Zukunft nichts ändern: Mit dem Motu proprio Quoniam tam praeclara vom 12. November 1926 wurde das Völkerkundemuseum der Missionen gegründet und im Lateranpalast untergebracht. Erster Leiter war Pater Wilhelm Schmidt, der wohl bekannteste Ethnologe des 20. Jahrhunderts. Unter Paul VI. wurde das Museum in den 1970er-Jahren dann in die Vatikanischen Museen eingegliedert.

Heute beherbergt »Anima Mundi« etwa 80.000 Ausstellungsgegenstände und Kunstwerke. Sie stammen aus Afrika, Amerika, dem Pazifik, Australien, Asien, der islamischen Welt, ja sogar aus prähistorischen und präkolumbianischen Kulturen. Wie der Kurator des Museums, PIME-Missionar Pater Nicola Mapelli, erklärt, sind die Artefakte »eine Art Kultur-Botschafter. Sie erzählen von den Völkern, aus denen sie stammen: von Papua-Neuguinea bis Alaska, von Australien bis zur Wüste Sahara und Asien. Ihre Geschichte ist von Dynamik und Vitalität geprägt. Diese Art Kunst ist in der Tat nie gestorben, und sie ist auch nicht statisch. Sie nährt sich noch heute von ihrer Beziehung zu den Orten und Völkern, aus denen sie stammt, von deren Glauben und Lebensauffassung.« Eine Sammlung also, die eine Art Manifest ist: die Stimme von Völkern, deren Grundrechte oft mit Füßen getreten werden.

Und das Museum baut Brücken. Es regt zum Dialog an. Es ist ein Mittel zum Schutz der Menschenwürde, des Erbes und des Vermächtnisses von Völkern, die räumlich und zeitlich weit von uns entfernt sind. Pater Mapelli ist in die Länder gereist, aus denen die ausgestellten Objekte stammen, und hat sich mit den Einheimischen getroffen. Für ihn ist es wichtig, mit diesen Völkern in Dialog zu treten. »Bevor wir zum Beispiel die Australien gewidmete Abteilung eingerichtet haben – die erste ihrer Art –, haben wir die Dörfer besucht, aus denen die Artefakte stammen, die wir ausstellen wollten. Wir haben die Aborigines gefragt, welche Bedeutung sie den von ihnen geschaffenen Objekten beimessen und wie sie ihrer Meinung nach den Besuchern gezeigt werden sollten.«

Die meisten Ausstellungsobjekte im Museum »Anima Mundi« sind Geschenke, die die Päpste in den vergangenen Jahrhunderten erhielten oder die dem Vatikan aus fernen Ländern geschickt wurden. Einige von ihnen haben die Vatikanischen Museen inzwischen wieder an ihre Ursprungsländer zurückgegeben: beispielsweise einen Tsantsa, einen menschlichen Schrumpfkopf, der von einem amazonischen Jivaro-Stamm für rituelle Zwecke verwendet wurde und der sich heute wieder in Ecuador befindet.

Jedes Objekt erzählt eine Geschichte. Im Aborigines-Territorium zwischen Australien und Indonesien kam es zu einem bewegenden Treffen zwischen Pater Mapelli und einer Aborigine, deren Großvater für einen der auf den Tiwi-Inseln geschnitzten bemalten Totem-Pfähle verantwortlich zeichnete. Die heute achtzigjährige Frau hat dem Pater erzählt, wie sie beim Schnitzen auf dem Schoß ihres Großvaters sitzen durfte und er ihr sagte, dass das, was er da anfertigte, für jemanden bestimmt sei, der weit weg lebe, aber eine bedeutende Persönlichkeit wäre: für den Papst!

Ein Ort ohne Grenzen

»Anima Mundi« ist ein Ort ohne Grenzen. Als Papst Franziskus das Museum im Oktober 2019 einweihte, bezeichnete er es als »ein lebendiges Haus, das bewohnt wird und dessen Pforten den Völkern der ganzen Welt offen stehen, einen Ort, an dem sich jeder repräsentiert fühlen kann, weil die Kirche niemanden ausgrenzt, keine Ausnahmen macht«.

So transparent wie das Glas, in dem die Artefakte ausgestellt sind, sind auch die Wände, die die derzeitigen Räumlichkeiten des Labors für die Restaurierung ethnologischer Materialien umschließen. Nach Abschluss der Arbeiten an dem Ort, der der endgültige Standort des Museums sein wird, werden die Besucher auch die Möglichkeit haben, den Restauratoren bei der Arbeit zuzusehen. Wie die Leiterin des Restaurierungslabors, Stefania Pandozy, erklärt, sei der Ansatz der Restauratoren von einer westlich-eurozentrischen zu einer postkolonialen Sichtweise übergegangen. Man hätte erkannt, welch wichtige Rolle Ethik und Verantwortung bei der Konservierung spielten: »Zuvor hatten wir die Vorstellung, dass dieses Museum eine Schatztruhe mit Tausenden Objekten von unschätzbarem Wert sei. Aber wir haben nicht daran gedacht, dass wir es mit lebenden Zivilisationen zu tun haben, mit Schätzen, die überwiegend organischen Ursprungs sind und uns etwas über die Gemeinschaften erzählen, aus denen sie stammen. ›Anima Mundi‹ ist ein Museum, das uns mit Materialien der unterschiedlichsten außereuropäischen Kulturen in Kontakt kommen lässt. Und deshalb sind wir auch immer darum bemüht, die Herkunftsgemeinschaft in die Entscheidungen über die Erhaltung und Ausstellung der Artefakte miteinzubeziehen. Die Grundlage unserer Arbeit ist die Verpflichtung zur Wertschätzung der Vielfalt und zum Dialog.«

Das Personal dieses einzigartigen Labors besteht ausschließlich aus Frauen. Jede hat – je nach Art des Materials – ihr eigenes Spezialgebiet. Durch den Austausch von Informationen auf internationaler Ebene konnte das Labor sogar ein eigenes Buch herausgeben: »The Ethics and Practice of Conservation«: das weltweit erste Handbuch für die Konservierung von ethnografischen und polymateriellen Artefakten. Eine »Ethik der Konservierung« sei sehr wohl möglich, bekräftigt Stefania Pandozy. Sie könne in der sorgfältigen Analyse des Ursprungskontextes und der »Verankerung« des ethnografischen Objekts im Dialog mit den heutigen indigenen Gemeinschaften erfolgen. »Es handelt sich um einen Paradigmenwechsel, der alle Kulturschaffenden vor berufliche und menschliche Herausforderungen stellt, denn wir sind uns bewusst, dass unsere heutige Gesellschaft, die dem kollektiven Wohlbefinden zu wenig Aufmerksamkeit schenkt, solidarischer und integrativer werden kann und muss«, betont sie.

Man träume davon, eine internationale Schule im Vatikan zu eröffnen, um junge Restauratoren in der Kunst der Konservierung auszubilden und das Wissen und die Techniken weiterzugeben, die sonst verloren zu gehen drohen, so Pandozy weiter. Der Wunsch nach einem neuen Konservierungsansatz werde von Restaurierungslabors auf der ganzen Welt geteilt: »Davon konnten wir uns selbst überzeugen, als wir die Ursprungsorte der Artefakte besucht haben. Wie zum Beispiel im Fall des Mess-bucheinbands von Christoph Kolumbus, der 2012 in Kuba, im Palast der Generalkapitäne in Havanna, ausgestellt wurde. Es war eine großartige Gelegenheit, mit den Restaurierungslabors des Gabinete de Conservaciòn y Restauraciòn de La Habana Erfahrungen auszutauschen.«

Ein weiteres Beispiel für »Sharing Conservation« ist auch die Arbeit, die das Labor zusammen mit einem Ornithologen durchführt, der gelegentlich für die Restaurierung eines außergewöhnlichen Mekeo-Kopfschmucks aus Papua-Neuguinea hinzugezogen wird – dem ältesten der Welt. Durch Identifizierung der Vogelarten und Untersuchung der verwendeten Federn konnte eine Standardprobe zusammengestellt werden, die repräsentativ ist für alle in der Natur vorkommenden und in den Sammlungen des Museums vertretenen Federfarben. Dank dieser wertvollen Sammlung war es möglich, in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Labor der Vatikanischen Museen ein hochmodernes Experiment zur Nutzung der Lasertechnologie für die Reinigung von Federn durchzuführen.

Eine Schönheit, die eint

Aber das Museum »Anima Mundi« ist auch ein Symbol für Offenheit und Gastfreundschaft: ein großer klimatisierter Saal, über dessen Ausstellungsraum 98 % der gesamten Vogelsammlung des Museums ausgestellt sind. Das Gesamtprojekt des Museums, das derzeit nur aus einem, Australien und dem Pazifik gewidmeten Bereich besteht, sieht den Bau weiterer Säle vor. Sie werden miteinander verbunden sein, ohne Grenzen wie Mauern oder andere Barrieren; durch natürliches Licht beleuchtet, das durch große Fenster einfällt, die aus konservatorischen Gründen entsprechend gefiltert werden. So will man die Atmosphäre des Sonnenlichts nachempfinden, das die üppige Vegetation der Amazonaswälder durchdringt, die Prärien der Sioux erhellt oder den Wüstensand erwärmt.

»Zu verstehen, dass ein Kleid der Sioux nicht nur ein Kleidungsstück ist, sondern das Leben eines Volkes repräsentiert – die Hände der Frauen, die es genäht haben, das Reinigungsritual, das Schlagen der Trommeln, den Sonnentanz – bedeutet, über das eigene Wissen hinauszugehen und sich einbeziehen zu lassen«, erklärt Pater Nicola Mapelli.

Und diese Haltung steht noch heute hinter der missionarischen Berufung des »Anima Mundi«-Museums. Seine Artefakte konnten bereits bei vielen denkwürdigen internationalen Ausstellungen bewundert werden: in Kuba im Jahr 2012; in den Vereinigten Arabischen Emiraten 2014 (die erste Ausstellung dieser Art, die die Vatikanischen Museen und ein islamisches Land gemeinsam organisiert haben). In Canbarra, Australien, im Jahr 2018, wo die Vatikanischen Museen zum ers-ten Mal mit zwei anderen Museen – dem Sharjah Museum of Islamic Civilization und dem National Museum of Australia – zusammengearbeitet haben, um eine gemeinsame Ausstellung islamischer Kunst zu schaffen: ein Zeugnis des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses zwischen Kulturen und Religionen. Und nicht zu vergessen: die Ausstellung in der chinesischen Hauptstadt Peking, in der Verbotenen Stadt, im Jahr 2019. Ein Engagement im Namen einer Schönheit der Verschiedenheit, die eint.

Von Paolo Ondarza und
Silvia Kritzenberger