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Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet am 12. Dezember, Dritter Adventssonntag

Wozu bin ich berufen?

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17 Dezember 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Das Evangelium der Liturgie des heutigen dritten Adventssonntags stellt uns verschiedene Gruppen von Menschen vor – die Menschenmassen, die Zöllner und die Soldaten –, die von der Predigt Johannes des Täufers berührt werden und ihn dann fragen: »Was sollen wir also tun?« (Lk 3,10). Was sollen wir also tun? Das ist die Frage, die sie stellen. Lasst uns einen Augenblick bei dieser Frage innehalten.

Sie setzt nicht etwa bei einem Pflichtgefühl an. Vielmehr ist es das Herz, das vom Herrn berührt wird, es ist die Begeisterung für sein Kommen, die dazu bringen zu sagen: Was sollen wir also tun? Johannes sagt: »Der Herr ist nahe.« – »Was sollen wir also tun?« Nennen wir ein Beispiel: Wir glauben, dass ein geliebter Mensch uns besuchen kommt. Wir erwarten ihn voller Freude und Ungeduld. Um ihn gebührend zu empfangen, werden wir das Haus putzen, das bestmögliche Essen zubereiten, vielleicht ein Geschenk... Kurzum, wir werden uns ins Zeug legen. So ist es mit dem Herrn, die Freude über sein Kommen lässt uns sagen: Was sollen wir also tun? Aber Gott hebt diese Frage auf eine höhere Ebene: Was soll ich mit meinem Leben anfangen? Wozu bin ich berufen? Was erfüllt mich?

Indem das Evangelium diese Frage stellt, erinnert es uns an etwas Wichtiges: Das Leben hat eine Aufgabe für uns. Das Leben ist nicht sinnlos, es ist nicht dem Zufall überlassen. Nein! Es ist ein Geschenk, das der Herr uns gibt und uns sagt: Entdecke, wer du bist, und arbeite an der Verwirklichung des Traums, der dein Leben ist! Ein jeder von uns – das sollten wir nicht vergessen — hat einen Auftrag zu erfüllen. Wir sollten uns also nicht scheuen, den Herrn zu fragen: Was soll ich also tun? Lasst uns ihm diese Frage oft wiederholen. Sie kehrt auch in der Bibel wieder: In der Apostelgeschichte fühlten sich einige Menschen, als sie Petrus die Auferstehung Jesu verkünden hörten, »mitten ins Herz [getroffen] und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun?« (2,37). Fragen auch wir uns: Was sollen ich und meine Brüder und Schwestern tun? Wie kann ich zum Wohl der Kirche, zum Wohl der Gesellschaft beitragen? Dazu dient die Adventszeit: um innezuhalten und sich zu fragen, wie man Weihnachten vorbereiten kann. Wir sind mit vielen Vorbereitungen, Geschenken und Dingen beschäftigt, die vorbeigehen, aber wir sollten uns fragen, was es für Jesus und für die anderen zu tun gibt! Was sollen wir also tun?

Auf die Frage »Was sollen wir also tun?« folgen im Evangelium die Antworten Johannes des Täufers, die für jede Gruppe unterschiedlich ausfallen. Johannes empfiehlt denen, die zwei Gewänder haben, mit denen zu teilen, die keines haben; den Zöllnern, die die Steuern eintreiben, sagt er: »Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist!« (Lk 3,13). Und zu den Soldaten: »Misshandelt niemanden, erpresst niemanden, begnügt euch mit eurem Sold!« (V. 14) An jeden Einzelnen wird ein spezifisches Wort gerichtet, das sich auf seine reale Lebenssituation bezieht. Daraus können wir eine wertvolle Lehre ziehen: Der Glaube wird Fleisch im konkreten Leben. Er ist keine abstrakte Theorie. Der Glaube ist keine abstrakte Theorie, keine verallgemeinerte Theorie, nein, der Glaube berührt das Fleisch und verwandelt das Leben eines jeden Menschen. Lasst uns über die Konkretheit unseres Glaubens nachdenken. Ich, mein Glaube: Ist er etwas Abstraktes oder ist er konkret? Trage ich ihn weiter im Dienen, in der Hilfe für andere?

Abschließend sollten wir uns also fragen: Was kann ich konkret tun? In diesen Tagen, da wir uns Weihnachten nähern. Wie kann ich mein Teil leisten? Nehmen wir uns eine konkrete Verpflichtung vor, auch eine kleine, die zu unserer Lebenssituation passt, und setzen wir sie um, um uns auf dieses Weihnachten vorzubereiten. So kann ich zum Beispiel einen einsamen Menschen anrufen, einen alten oder kranken Menschen besuchen, etwas für einen Armen, einen Bedürftigen tun. Und weiter: vielleicht sollte ich um Verzeihung bitten, oder etwas vergeben, eine Situation klären, eine Schuld begleichen. Vielleicht habe ich das Gebet vernachlässigt, und nach so langer Zeit ist es an der Zeit, den Herrn um Vergebung zu bitten. Brüder und Schwestern, lasst uns etwas Konkretes finden und es tun! Möge die Gottesmutter, in deren Schoß Gott Fleisch geworden ist, uns helfen.

Nach dem Angelus sagte der Papst:

Ich bete auch für die Opfer des Tornados, der Kentucky und andere Teile der Vereinigten Staaten von Amerika heimgesucht hat.

Jetzt möchte ich, gestattet es mir, auf Spanisch fortfahren: Ich grüße voller Zuneigung die Gemeinschaften des gesamten amerikanischen Kontinents und der Philippinen – wie viele Fahnen amerikanischer Länder, die sich hier auf dem Petersplatz versammelt haben, um den Rosenkranz zu Ehren der Muttergottes von Guadalupe zu beten und sich ihr zu weihen. Ich beglückwünsche sie! Ich beglückwünsche euch, die ihr euch mit dieser Geste denen angeschlossen habt, die von Alaska bis Patagonien an jedem 12. Dezember Unsere Liebe Frau von Guadalupe feiern, Mutter des wahren Gottes, für den wir leben.

Unsere Liebe Frau von Guadalupe und der heilige Juan Diego lehren uns, immer gemeinsam zu gehen, von den Rändern zur Mitte, in Gemeinschaft mit den Nachfolgern der Apostel, den Bischöfen, um eine Frohe Botschaft für alle zu sein. Diese Erfahrung muss immer wieder gemacht werden; auf diese Weise wird Gott, der Gemeinschaft ist, die Umkehr und die Erneuerung der Kirche und der Gesellschaft fördern, die wir auf dem amerikanischen Doppelkontinent – die Situation vieler amerikanischer Länder ist sehr traurig – und auch in der Welt so dringend brauchen.

Ich bin froh, dass wir mit Taten des Glaubens und des öffentlichen Zeugnisses, wie ihr es heute getan habt, beginnen, uns auf das Guadalupe-Jubiläum 2031 und das Jubiläum der Erlösung 2033 vorzubereiten – wir müssen immer nach vorne schauen. Alle zusammen: Es lebe die Jungfrau von Guadalupe!

(Weitere Grüße beim Angelus
siehe Seite 3)