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Begegnung mit dem orthodoxen Erzbischof von Athen, Hieronymos II., und Gefolge im Erzbischöflichen Palais

Die Freude der Geschwisterlichkeit teilen

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17 Dezember 2021

Heiligkeit,

»Gnade sei mit euch und Friede von Gott« (Röm 1,7). Ich grüße Sie mit diesen Worten des großen Apostels Paulus, denselben Worten, mit denen er sich auf griechischem Boden an die Gläubigen in Rom wandte. Unser heutiges Treffen erneuert diese Gnade und diesen Frieden. Beim Gebet an den Gedenkstätten der Kirche von Rom, den Gräbern der Apostel und Märtyrer, empfand ich das Bedürfnis, als Pilger hierher zu kommen, mit großer Achtung und Demut, um diese apos-tolische Gemeinschaft zu erneuern und die brüderliche Liebe zu beleben. In diesem Sinne möchte ich Ihnen, Heiligkeit, für die Worte danken, die Sie an mich gerichtet haben und die ich mit Zuneigung erwidere, und durch Sie den Klerus, die monastischen Gemeinschaften und alle orthodoxen Gläubigen Griechenlands grüßen.

Wir haben uns vor fünf Jahren auf Lesbos getroffen, in der Notlage eines der größten Dramen unserer Zeit, jenes der vielen Brüder und Schwestern als Migranten. Man darf sie nicht der Gleichgültigkeit überlassen und nur als eine Last betrachten, die man verwalten oder, schlimmer noch, an jemand anderen delegieren muss. Jetzt treffen wir uns, um die Freude der Geschwisterlichkeit zu teilen und das Mittelmeer, das uns umgibt, nicht nur als einen Ort zu betrachten, der uns beunruhigt und trennt, sondern als ein Meer, das uns vereint. Gerade habe ich an die jahrhundertealten Olivenbäume erinnert, welche die Länder verbinden. Wenn ich an diese Bäume denke, die uns verbinden, denke ich an die Wurzeln, die wir teilen. Sie sind unterirdisch, versteckt, oft vernachlässigt, aber sie sind da und sie stützen alles. Was sind unsere gemeinsamen Wurzeln, die die Jahrhunderte überdauert haben? Das sind die apostolischen Wurzeln. Der heilige Paulus hat sie hervorgehoben, indem er daran erinnerte, wie wichtig es ist, »auf das Fundament der Apostel […] gebaut« (Eph 2,20) zu sein. Diese Wurzeln, die aus dem Samen des Evangeliums erwuchsen, haben gerade in der hellenischen Kultur begonnen, große Früchte zu tragen: Ich denke dabei an viele frühe Väter und die ersten großen Ökumenischen Konzile.

Später sind wir leider voneinander weg gewachsen. Weltliche Gifte haben uns verunreinigt, das Unkraut des Misstrauens hat unsere Distanz vergrößert und wir haben aufgehört, die Gemeinschaft zu pflegen. Der heilige Basilius der Große sagte, dass die wahren Jünger Christi »nur nach dem geformt werden, was sie in ihm sehen« (Moralia, 80,1). Zu unserer Schande – ich erkenne dies für die katholische Kirche an – haben Handlungen und Entscheidungen, die wenig oder gar nichts mit Jesus und dem Evangelium zu tun haben, sondern eher von Profit- und Machtstreben geprägt sind, die Gemeinschaft verkümmern lassen. So haben wir zugelassen, dass die Fruchtbarkeit durch Spaltungen beeinträchtigt wird. Die Geschichte hat ihr eigenes Gewicht, und ich habe heute das Bedürfnis, Gott und meine Brüder und Schwes-tern erneut um Vergebung zu bitten für die Fehler, die so viele Katholiken begangen haben. Ein großer Trost liegt jedoch in der Gewissheit, dass unsere Wurzeln apostolisch sind und dass die Pflanze Gottes trotz der Irrtümer der jeweiligen Zeit im selben Geist wächst und Frucht bringt. Und es ist eine Gnade, die Frucht des anderen anzuerkennen und dem Herrn gemeinsam dafür zu danken.

Die endgültige Frucht des Olivenbaums ist das Öl, das einst in kostbaren Gefäßen und Artefakten enthalten war, die zu den archäologischen Schätzen dieses Landes zählen. Das Öl lieferte das Licht, das die Nächte des Altertums erhellte. Jahrtausendelang war es die »flüssige Sonne, der erste geheimnisvolle Zustand der Flamme der Lampen« (C. Boureux, Les plantes de la Bible et leur symbolique, Paris 2014, 65). Uns, lieber Bruder, erinnert das Öl an den Heiligen Geist, der die Kirche hervorgebracht hat. Nur er kann mit seinem nie untergehenden Glanz die Dunkelheit vertreiben und die Schritte unseres Weges erhellen.

Ja, denn der Heilige Geist ist vor allem ein Öl der Gemeinschaft. Die Heilige Schrift spricht von dem Öl, das das Antlitz des Menschen erglänzen lässt (vgl. Ps 104,15). Wie sehr brauchen wir heute die Anerkennung des einzigartigen Wertes, der in jedem Menschen, in jedem Bruder aufleuchtet! Das Erkennen dieser menschlichen Gemeinsamkeit ist der Ausgangspunkt für den Aufbau von Gemeinschaft. Leider scheint jedoch – wie ein großer Theologe geschrieben hat – »die Gemeinschaft eine empfindliche Saite zu treffen«, einen rohen Nerv, nicht nur in der Gesellschaft, sondern oft auch bei den Jüngern Jesu, »in einer christlichen Welt, die sich von Individualismus und institutioneller Starrheit nährt«.

Wenn jedoch die eigenen Traditionen und Besonderheiten zu einer Versteifung und Distanzierung von den anderen führen, wenn »das Anderssein sich nicht aus der Gemeinschaft ableiten lässt, kann es doch kaum eine zufriedenstellende Kultur hervorbringen« (I. Zizioulas, Comunione e alterità, Rom 2016, 16). Die Gemeinschaft unter Geschwistern hingegen bringt göttlichen Segen. In den Psalmen wird sie mit »köstliche[m] Salböl auf dem Haupt, das hinabfließt auf den Bart« (Ps 133,2) verglichen. Der Geist, der in unseren Geist eingegossen wird, drängt uns zu einer intensiveren Geschwisterlichkeit, zu unserer Strukturierung in der Gemeinschaft. Fürchten wir uns also nicht voreinander, sondern helfen wir einander, Gott anzubeten und dem Nächsten zu dienen, ohne Proselytenmacherei zu betreiben und unter voller Achtung der Freiheit des anderen, denn – wie der heilige Paulus schrieb – »wo […] der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit« (2 Kor 3,17). Ich bete, dass der Geist der Liebe unseren Widerstand überwindet und uns zu Erbauern von Gemeinschaft macht, denn »wenn es der Liebe wirklich gelingt, die Angst zu vertreiben, und diese sich in Liebe verwandelt, dann werden wir entdecken, dass das, was rettet, die Einheit ist« (Gregor von Nyssa, 15. Homilie über das Hohelied). Andererseits: Wie können wir der Welt die Eintracht des Evangeliums bezeugen, wenn wir Christen noch getrennt sind? Wie können wir die Liebe Christi verkünden, welche die Menschen zusammenführt, wenn wir nicht untereinander geeint sind? Es wurden schon viele Schritte unternommen, um zusammenzukommen. Rufen wir den Geist der Gemeinschaft an, damit er uns auf seine Wege führt und uns hilft, die Gemeinschaft nicht auf Berechnungen, Strategien und Zweckmäßigkeit zu gründen, sondern auf das einzige Vorbild, auf das wir schauen müssen: die Heilige Dreifaltigkeit.

Der Geist ist an zweiter Stelle ein Öl der Weisheit: Er hat Christus gesalbt und will die Christen inspirieren. Wenn wir seiner demütigen Weisheit gefügig sind, wachsen wir in der Erkenntnis Gottes und öffnen uns für andere. In diesem Sinne möchte ich meine Wertschätzung für die Bedeutung zum Ausdruck bringen, die diese Orthodoxe Kirche – Erbin der ersten großen Inkulturation des Glaubens, jener mit der hellenischen Kultur – der theologischen Ausbildung und Vorbereitung beimisst. Ich möchte auch an die fruchtbare Zusammenarbeit im kulturellen Bereich zwischen der Apostolikí Diakonia der Kirche von Griechenland – deren Vertreter ich die Freude hatte, 2019 zu treffen – und dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen sowie an die Bedeutung der interchristlichen Symposien erinnern, die von der Fakultät für Orthodoxe Theologie der Universität Thessaloniki gemeinsam mit der Päpstlichen Universität Antonianum in Rom veranstaltet werden. Bei diesen Gelegenheiten konnten herzliche Beziehungen geknüpft und ein nützlicher Austausch zwischen Akademikern unserer Konfessionen in Gang gesetzt werden. Ich bin auch dankbar für die aktive Beteiligung der Orthodoxen Kirche Griechenlands an der Internationalen Gemischten Kommission für den Theologischen Dialog. Möge der Geist uns helfen, auf diesen Wegen weise weiterzugehen!

Schließlich ist der Geist selbst ein Öl des Trostes: Er ist der Paraklet, der uns nahe ist, er ist Balsam für die Seele, er heilt die Wunden. Er hat Christus gesalbt, damit er den Armen die gute Nachricht verkünde, den Gefangenen die Befreiung und den Unterdrückten die Freiheit (vgl. Lk 4,18). Und er drängt uns nach wie vor, uns um die Schwächsten und Ärmsten zu kümmern und ihre Anliegen, die in den Augen Gottes vorrangig sind, in der Welt bekannt zu machen. Hier war wie überall die Unterstützung der Bedürftigs-ten in den schwersten Zeiten der Wirtschaftskrise unverzichtbar. Entwickeln wir gemeinsam Formen der Zusammenarbeit in der Nächstenliebe, öffnen wir uns und arbeiten wir in ethischen und sozialen Fragen zusammen, um den Menschen unserer Zeit zu dienen und ihnen den Trost des Evangeliums zu bringen. In der Tat ruft uns der Geist heute mehr als in der Vergangenheit auf, die Wunden der Menschheit mit dem Öl der Nächs-tenliebe zu heilen.

Christus selbst bat seine Jünger in der Stunde der Angst um den Trost der Nähe und des Gebets. Das Bild des Öls führt uns also in den Ölberggarten. »Bleibt hier und wacht« (Mk 14,34), sagte Jesus. Seine Bitte an die Apostel stand im Plural. Auch heute fordert er uns auf, zu wachen und zu beten: Um Gottes Trost in die Welt zu bringen und unsere verwundeten Beziehungen zu heilen, müssen wir füreinander beten. Das ist unabdingbar, um »zur notwendigen Läuterung der geschichtlichen Erinnerung [zu gelangen]. Durch die Gnade des Heiligen Geistes sind die Jünger des Herrn, beseelt von der Liebe, vom Mut zur Wahrheit und von dem aufrichtigen Willen, einander zu verzeihen und sich zu versöhnen, aufgerufen, ihre schmerzvolle Vergangenheit und jene Wunden, die diese leider auch heute noch immer hervorruft,
gemeinsam neu zu bedenken« (Johannes Paul II., Enzyklika Ut unum sint, 2).

Vor allem der Glaube an die Auferstehung drängt uns zu diesem Schritt. Die Apostel, verängstigt und zaudernd, söhnten sich mit der brennenden Enttäuschung der Passion aus, als sie den auferstandenen Herrn vor sich sahen. Gerade durch seine Wunden, die unmöglich zu heilen schienen, schöpften sie eine neue Hoffnung, eine bisher unbekannte Barmherzigkeit; eine Liebe, die größer ist als ihre Fehler und ihr Elend, und die sie in einen einzigen Leib verwandeln würde, der durch den Geist in der Vielfalt so vieler verschiedener Glieder vereint ist. Möge der Geist des gekreuzigten und auferstandenen Herrn über uns kommen, möge er uns »einen ruhigen und klaren, der Wahrheit verpflichteten und von der göttlichen Barmherzigkeit belebten Blick schenken, der imstande ist, den Geist zu befreien und in einem jeden eine neue Bereitschaft zu wecken« (ebd.). Er helfe uns, uns nicht von der Negativität und den Vorurteilen der Vergangenheit lähmen zu lassen, sondern die Realität mit neuen Augen zu sehen. Dann wird das Leid der Vergangenheit dem Trost der Gegenwart weichen, und wir werden getröstet sein durch die Schätze der Gnade, die wir in unseren Brüdern und Schwestern wiederentdecken werden. Als Katholiken haben wir uns gerade auf den Weg gemacht, die Synodalität zu vertiefen, und wir haben das Gefühl, dass wir viel von euch lernen können. Wir wünschen uns das von ganzem Herzen, denn wir sind sicher, dass der Trost des Geis-tes in die Herzen kommt, wenn sich die Brüder im Glauben näherkommen.

Heiligkeit, lieber Bruder, mögen die vielen berühmten Heiligen dieser Landstriche und die Märtyrer, die heute leider zahlreicher sind als in der Vergangenheit, uns auf diesem Weg begleiten. Von verschiedenen Konfessionen auf Erden, leben sie gemeinsam im selben Himmel. Sie mögen Fürsprache halten, damit der Geist, das heilige Öl Gottes, in einem erneuerten Pfingsten über uns ausgegossen wird wie über die Apostel, von denen wir abstammen: Er möge in unseren Herzen den Wunsch nach Gemeinschaft entfachen, uns mit seiner Weisheit erleuchten und uns mit seinem Trost salben.