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Ökumenisches Gebet mit den Migranten in der Heilig-Kreuz-Kirche in Nikosia

Ökumenisches Gebet mit den Migranten in Nikosia

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10 Dezember 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

es ist mir eine große Freude, hier bei euch zu sein und meinen Besuch in Zypern mit diesem Gebetstreffen abzuschließen. Ich danke den Patriarchen Pizzaballa und Béchara Raï sowie Frau Elisabeth von der Caritas. Ich begrüße von Herzen und mit Dankbarkeit die Vertreter der verschiedenen christlichen Konfessionen, die es in Zypern gibt.

Ein großes, herzliches »Dankeschön« möchte ich euch, liebe junge Migranten, sagen, die ihr eure Zeugnisse gegeben habt. Ich habe sie vor etwa einem Monat im Voraus erhalten und sie haben mich sehr berührt, und auch heute haben sie mich bewegt, ein weiteres Mal, als ich sie gehört habe. Aber es ist nicht nur ein Gefühl, es ist viel mehr: Es ist das Bewegtsein, das von der Schönheit der Wahrheit ausgeht. Wie die Erregung Jesu, als er ausrief: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen« (Mt 11,25-26). Auch ich preise den himmlischen Vater, denn dies geschieht heute, hier – wie auch in der ganzen Welt –: Den Kleinen offenbart Gott sein Reich, ein Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens.

Nachdem wir euch zugehört haben, verstehen wir besser die ganze prophetische Kraft des Wortes Gottes, das durch den Apos-tel Paulus sagt: »Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Got-tes« (Eph 2,19). Worte, die an die Christen in Ephesus geschrieben wurden – nicht weit von hier! –, zeitlich sehr weit entfernt, aber zugleich sind diese Worte auch sehr nah, aktueller denn je, als wären sie für uns heute geschrieben: »Ihr seid nicht Fremde, sondern Mitbürger.« Das ist die Prophezeiung der Kirche: eine Gemeinschaft, die – bei allen menschlichen Grenzen – den Traum Gottes verkörpert. Denn auch Gott träumt, so wie du, Mariamie, die du aus der Demokratischen Republik Kongo kommst und dich als »voller Träume« bezeichnet hast. Wie du träumt auch Gott von einer Welt des Friedens, in der seine Kinder als Brüder und Schwestern leben. Gott will das, das ist Got-tes Traum. Wir sind es, die das nicht wollen.

Eure Anwesenheit, liebe Brüder und Schwestern Migranten, ist für diese Feier von großer Bedeutung. Eure Zeugnisse sind wie ein »Spiegel« für uns, die christlichen Gemeinschaften. Wenn du, Thamara, die du aus Sri Lanka kommst, sagst: »Ich werde oft gefragt, wer ich bin« – die Brutalität der Migration setzt die eigene Identität aufs Spiel. »Bin ich dies? Ich weiß nicht … Wo sind meine Wurzeln? Wer bin ich?« Und wenn du das sagst, dann erinnerst du uns daran, dass auch uns manchmal diese Frage gestellt wird: »Wer bist du?« Und leider meint man damit oft: »Auf wessen Seite stehst du? Zu welcher Gruppe gehörst du?« Doch wie du gesagt hast, sind wir keine Nummern, wir sind keine Objekte zum Katalogisieren. Wir sind für-einander »Geschwister«, »Freunde«, »Gläubige« und »Nachbarn«. Aber wenn die Interessen von Gruppen oder politische Interessen, auch die von Nationen, dominieren, erleben viele von uns, dass sie beiseitegeschoben und unfreiwillig versklavt werden. Denn Interessen versklaven immer und schaffen immer Sklaven. Die Liebe ist weit, sie ist das Gegenteil von Hass, die Liebe macht uns frei.

Wenn du, Maccolins, der du aus Kamerun kommst, sagst, dass auf deinem Lebensweg »vom Hass verletzt« worden bist, so sprichst du von diesen Verletzungen der Interessen; und du erinnerst uns daran, dass der Hass auch die Beziehungen unter uns Christen belastet hat. Und das hinterlässt, wie du sagst, seine Spuren, tiefe Spuren, die lange Zeit bestehen bleiben. Es ist ein Gift. Ja, das hast du uns mit deiner Leidenschaft spüren lassen: der Hass ist ein Gift, von dem man sich nur schwer entgiften kann. Und der Hass ist eine verzerrte Mentalität, die uns, anstatt dass wir uns als Brüder und Schwestern anerkennen, dazu bringt, uns als Gegner und Rivalen zu sehen – oder gar als Objekte, die man verkaufen oder ausnutzen kann.

Wenn du, Rozh, der du aus dem Irak kommst, sagst, dass du »ein Mensch auf der Reise« bist, dann erinnerst du uns daran, dass auch wir eine Gemeinschaft auf einer Reise sind, wir sind auf dem Weg vom Konflikt zur Gemeinschaft. Auf diesem Weg, der lang und voller Höhen und Tiefen ist, sollten wir uns nicht vor den Unterschieden zwischen uns fürchten, sondern vor allem, ja, sollten wir uns vor unseren Verschlossenheiten und Vorurteilen fürchten, die uns daran hindern, uns wirklich zu begegnen und gemeinsam zu gehen. Verschlossenheit und Vorurteile bauen zwischen uns die trennende Wand wieder auf, die Christus niedergerissen hat, nämlich die Feindschaft (vgl. Eph 2,14). Unser Weg zur vollen Einheit kann nur in dem Maße voranschreiten, wie wir alle gemeinsam unseren Blick fest auf Jesus richten, auf ihn, der »unser Friede« (ebd.) ist, der der »Eckstein« (V. 20) ist. Und er, unserer Herr Jesus, kommt uns mit dem Antlitz des ausgegrenzten und verstoßenen Bruders entgegen. Mit dem Gesicht des Migranten, der verachtet, abgewiesen, eingesperrt, ausgebeutet wird... Aber auch – wie du sagst – mit dem Migranten, der auf dem Weg zu etwas ist, zur Hoffnung, zu einem menschlicheren Zusammenleben...

Und so spricht Gott durch eure Träume zu uns. Die Gefahr besteht darin, dass wir oft keine Träume zulassen und es vorziehen, zu schlafen und nicht zu träumen. Es ist so einfach, wegzuschauen. Und in dieser Welt haben wir uns an diese Kultur der Gleichgültigkeit gewöhnt, an diese Kultur des Wegschauens und daran, dann einzuschlafen, ganz ruhig. Aber so wird man nie träumen können. Es ist schwer. Gott spricht durch eure Träume. Gott spricht nicht durch Menschen, die von nichts träumen können, weil sie alles haben oder weil ihre Herzen verhärtet sind. Gott ruft auch uns auf, uns nicht mit einer gespaltenen Welt abzufinden, uns nicht mit einer gespaltenen Kirche abzufinden, sondern durch die Geschichte zu gehen, angezogen von Gottes Traum, also einer Menschheit ohne trennende Wände, befreit von Feindschaft, keine Fremde mehr, sondern nur Mitbürger, wie Paulus in dem von mir zitierten Abschnitt sagte. Natürlich verschieden und stolz auf unsere Eigenheiten; stolz auf diese Unterschiede, diese Besonderheiten, die ein Geschenk Gottes sind. Wir sind verschieden und wir sind stolz darauf, aber immer versöhnt, immer Brüder und Schwestern.

Möge diese Insel, die von einer schmerzlichen Spaltung gezeichnet ist – ich schaue auf die Mauer dort [durch das offene Portal der Kirche] –, möge sie mit Gottes Gnade eine Werkstätte der Geschwisterlichkeit werden. Ich danke allen, die sich dafür einsetzen. Zu denken, dass diese Insel großzügig ist, aber nicht alles tun kann, weil die Zahl der ankommenden Menschen größer ist als ihre Möglichkeiten, sie aufzunehmen, zu integrieren, zu begleiten, zu fördern. Die geografische Nähe macht es einfacher, aber es ist nicht einfach. Wir müssen die Grenzen verstehen, an die die Regierenden dieser Insel gebunden sind. Aber es gibt auf dieser Insel immer, und ich habe es bei den Verantwortlichen, die ich besucht habe, gesehen, [das Bestreben,] mit Gottes Gnade eine Werkstätte der Geschwisterlichkeit zu werden. Und das kann unter zwei Bedingungen so sein. Die erste ist die tatsächliche Anerkennung der Würde jeder menschlichen Person (vgl. Enzyklika Fratelli tutti, 8). Unsere Würde darf nicht verkauft werden und auch nicht vermietet, man darf sie nicht verlieren. Die erhobene Stirn: ich habe die Würde eines Kindes Gottes. Die tatsächliche Anerkennung der Würde eines jeden Menschen: dies ist das ethische Fundament, ein universelles Fundament, das auch im Mittelpunkt der christlichen Soziallehre steht. Die zweite Bedingung ist die vertrauensvolle Offenheit gegenüber Gott, dem Vater aller; und das ist der »Sauerteig«, den wir als Gläubige einbringen sollen (vgl. ebd., 272).

Unter diesen Bedingungen ist es möglich, den Traum in einen täglichen Weg zu übersetzen, der aus konkreten Schritten vom Konflikt zur Gemeinschaft, vom Hass zur Liebe, von der Flucht zur Begegnung besteht. Es ist eine geduldige Wanderung, die uns Tag für Tag weiter in das Land führt, das Gott für uns vorbereitet hat, das Land, in dem du, wenn man dich fragt: »Wer bist du?«, offen antworten kannst: »Schau, ich bin dein Bruder, deine Schwester. Kennst du mich nicht?« Und so wollen wir langsam weitergehen.

Wenn ich euch zuhöre und in eure Gesichter schaue, geht die Erinnerung weiter, sie führt zu eurem Leid. Ihr seid hier angekommen, aber wie viele eurer Brüder und Schwestern sind auf der Strecke geblieben? Wie viele verzweifelte Menschen haben sich unter sehr schwierigen, ja prekären Bedingungen auf den Weg gemacht und sind nicht angekommen? Wir können über dieses Meer sprechen, das zu einem großen Friedhof geworden ist. Wenn ich euch ansehe, sehe ich die Leiden von unterwegs, viele, die gekidnappt, verkauft und ausgebeutet wurden, sind noch unterwegs, wir wissen nicht, wohin. Es geht um Sklaverei, eine universale Sklaverei. Wir sehen, was passiert, und das Schlimmste ist, dass wir uns daran gewöhnen. »Ah, ja, heute ist ein Boot gesunken, da ... so viele Vermisste ...« Diese Gewöhnung ist jedoch eine schwere Krankheit, eine sehr schwere Krankheit, und es gibt kein Antibiotikum gegen diese Krankheit! Wir müssen gegen diese lasterhafte Gewöhnung ankämpfen, über diese Tragödien in den Zeitungen zu lesen oder in anderen Medien zu hören. Wenn ich euch ansehe, denke ich an die vielen, die zurückkehren mussten, weil sie abgewiesen wurden und in den Lagern landeten, in echten Lagern, wo Frauen verkauft, Männer gefoltert und versklavt werden ... Wir klagen, wenn wir von den Lagern des letzten Jahrhunderts lesen, von denen der Nazis, von denen Stalins, wir beklagen es, wenn wir dies sehen, und wir sagen: »Wie konnte so etwas nur geschehen?« Brüder und Schwestern: Es geschieht heute, an den Küsten ganz in unserer Nähe! Orte der Sklaverei. Ich habe einige filmische Zeugnisse davon gesehen: Orte der Folter, des Verkaufs von Menschen.

Ich sage dies, weil es meine Aufgabe ist, zu helfen, die Augen zu öffnen. Erzwungene Migration ist keine quasi-touristische Angelegenheit: Bitte! Und die Sünde, die wir in uns tragen, lässt uns so denken: »Tja, diese armen Menschen, diese armen Menschen!« Und mit diesem »arme Menschen« wird alles weggewischt. Es ist der Krieg dieser Zeit, und dieses Leid der Brüder und Schwestern dürfen wir nicht verschweigen. Diejenigen, die alles gegeben haben, um nachts ein Boot zu besteigen, ohne zu wissen, ob sie jemals ankommen werden ... Und schließlich die vielen, die abgewiesen wurden, um dann in Lagern zu landen, wirklichen Orten der Gefangenschaft, der Folter und der Sklaverei.

Dies ist die Geschichte dieser entwickelten Zivilisation, die wir den Westen nennen. Und dann – entschuldigt, aber ich möchte sagen, was mir auf dem Herzen liegt, damit wir wenigstens füreinander beten und etwas tun – dann die Stacheldrähte. Einen sehe ich hier: Es ist ein Krieg des Hasses, der ein Land spaltet. Aber die Stacheldrähte werden an anderen Orten, wo es sie gibt, angebracht, um Flüchtlinge nicht hereinzulassen, die um Freiheit, Brot, Hilfe, Geschwisterlichkeit und Freude bitten, die vor dem Hass fliehen und dann mit einem Hass konfrontiert werden, der Stacheldraht heißt. Möge der Herr angesichts dieser Dinge unser aller Gewissen wachrütteln.

Und entschuldigt, dass ich die Dinge so sage, wie sie sind, aber wir dürfen nicht schweigen und wegschauen in dieser Kultur der Gleichgültigkeit.

Der Herr segne euch alle! Danke.