Der Schrei der Menschen, die Sendung der Kirche, der Traum Gotte

07 Dezember 2021

 

Yazan weint. Er hat Hunger. Er wurde am 23. August geboren, auf dem Meer, dem »Mare Nostrum«, zwischen der Türkei und Zypern. Dorthin hat er es geschafft und jetzt ist er hier, in der zweiten Reihe in der Heilig-Kreuz-Kirche in Nikosia, wenige Meter vom Papst entfernt, beim ökumenischen Gebet mit den Migranten, dem letzten Programmpunkt der Apostolischen Reise auf der Insel des heiligen Barnabas. Der Vater von Yazan ist nicht da, er wurde »abgewiesen«, und mit ihm andere Kinder, Brüder und Schwestern des Kleinen, der jetzt aufgehört hat zu weinen, weil seine Mutter Kawthar ihm etwas Milch aus Pulver gegeben hat. Ab und zu jedoch lässt er seine Stimme hören und »stört« die Ansprache des Papstes, der zu den Migranten spricht, nachdem er vier bewegenden, dramatischen Zeugnisse gelauscht hat. Aber wer wirklich »stört«, das ist der Papst mit seinen Worten, der sich am Ende seiner Ansprache quasi verpflichtet fühlt zu sagen: »Und entschuldigt, dass ich die Dinge so sage, wie sie sind, aber wir dürfen nicht schweigen und wegschauen in dieser Kultur der Gleichgültigkeit.« Keine Entschuldigung ist notwendig, nur Dankbarkeit. Mit dankbarem, wenn auch erschüttertem Herzen verlässt die Menge tief bewegt die Kirc

Der Besuch auf Zypern, so angenehm und friedlich wie das Klima auf dieser »Perle« des Mittelmeers, fand seinen Höhepunkt an Intensität in der Begegnung mit den Migranten, dem Höhepunkt der Spannung – einem jener Momente, wo sich die Dinge zuspitzen – und die tiefe Bedeutung trat zutage, die Papst Franziskus bis auf diese kleine Insel geführt hat.

Auch der Papst hat in diesen beiden Tagen von einem Vater und einer Mutter gesprochen, und auch diese Familie droht auseinandergerissen zu werden wie die Familie Yazans: die »Familie« von Gott, der Vater ist, und der Kirche, die Mutter ist. Sie können keinesfalls voneinander getrennt werden, und doch ist in der Geschichte der Menschen dieses negative Wunder manchmal »gelungen«. Die Vaterschaft Gottes sagt uns, dass wir alle (wir Menschen) seine Kinder sind, die Mutterschaft der Kirche erinnert die Christen genau daran: dass wir alle Kinder derselben Mutter sind und daher Brüder und Schwestern.

Über die Kirche, die Mutter ist und beständig ihre Kinder eint, sprach der Papst in der Predigt im GSP-Stadion am Morgen des 3. Dezember: Es ist der Hauptgrund für die Reise des Nachfolgers Petri, der auf den Spuren von Paulus und Barnabas nach Zypern und dann nach Griechenland geht, um den orthodoxen Brüdern zu begegnen, in einer aufrichtigen und offenen Umarmung, wie das unter Geschwistern in jeder Familie üblich ist. Von seiner eigenen Familie hat der Papst bei der ersten Begegnung mit der zypriotischen Kirche in der maronitischen Kathedrale Unserer Lieben Frau von der Gnade gesprochen: eine Familie mit fünf Geschwistern, wo auch heftig diskutiert wurde, und man doch Geschwister blieb, alle vereint um denselben Tisch.

Ein anderer Grund für die Reise ist noch weiter gefasst, bezieht den Horizont der Vaterschaft Gottes mit ein und drängt Papst Franziskus in seinen Worten an die Bewohner von Zypern die Menschen der ganzen Welt anzusprechen und insbesondere jenes Teils der Welt, der sich selbst als »entwickelte Zivilisation« bezeichnet, jene, »die wir den Westen nennen«, wie er in der Heilig-Kreuz-Kirche am Nachmittag desselben Tages sagte. In seinen Worten ist die ganze Dringlichkeit zu spüren, die ihn zu diesem Warnruf drängt. Er spricht erneut vom Krieg: »Es ist der Krieg dieser Zeit, und dieses Leid der Brüder und Schwestern dürfen wir nicht verschweigen.« Das hatte bereits der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Pizzaballa, in seinem Grußwort zu Beginn der Begegnung angesprochen: »Es ist eine Wirklichkeit, über die man nicht spricht, es sei denn in einigen besonders dramatischen Augenblicken. Sie ist den Augen der Mehrheit der Bevölkerung verborgen. Aber wir sehr man sie auch verschweigen will, sie springt dennoch jedem ins Auge, der aufmerksam ist für das, was um ihn herum geschieht. Denn es handelt sich um Tausende Menschen, die nicht unsichtbar bleiben können.« In der Heilig-Kreuz-Kirche, wo sich auch diese »unsichtbaren« Menschen drängten, war laut und deutlich die Rede davon, dass die katholische Kirche Verantwortung übernimmt. Der Patriarch von Jerusalem sagte, dass die Kirche »der Stimme dieser Menschen Gehör schenken kann, ihnen ein Gesicht und einen Namen geben kann. Und das ist unsere Mission: den Menschen Würde und Identität zurückgeben, Menschen, die viele lieber nicht sehen und denen sie lieber nicht begegnen würden, die aber existieren, real sind und auf unsere Antwort warten.« Der Papst bestätigte: »Ich sage dies, weil es meine Aufgabe ist, zu helfen, die Augen zu öffnen.« Die Gewissen wachrütteln, um die Augen zu öffnen. Dieser Logik antwortet die taube und kurzsichtige Logik des Bauens von Mauern, des Errichtens von Barrieren, aber – wie Pizzaballa unterstrich – »Barrieren sind ein Zeichen der Angst, heben jede Verheißung für eine Zukunft auf und unterstreichen unsere mangelnde Vorstellungskraft«.

Die Vorstellungskraft ist es also, die fehlt, und mit ihr das Träumen. Und doch existiert die Kirche, um sich für die Verwirklichung jener Prophetie einzusetzen und zu arbeiten (um eine »Werkstätte der Geschwisterlichkeit« zu sein, sagte der Papst in Bezug auf Zypern), von der der heilige Paulus im Epheserbrief spricht, dem Abschnitt, der am Beginn des ökumenischen Gebets verlesen wurde: »Ihr seid nicht mehr Fremde, sondern Mitbürger«, und diese Prophetie bringt den Traum Gottes zum Ausdruck. Das ist es, was Gottvater tut: er träumt. Die Mutter Kirche vereint die Geschwister, doch noch vorher träumt Gott: »Das ist die Prophezeiung der Kirche: eine Gemeinschaft, die – bei allen menschlichen Grenzen – den Traum Gottes verkörpert. Denn auch Gott träumt […] von einer Welt des Friedens, in der seine Kinder als Brüder und Schwestern leben«, so der Papst.

Gott träumt und der Mensch schläft einen traumlosen Schlaf. Zu diesen ihrer Schläfrigkeit hingegebenen Menschen spricht der Papst und bemüht sich, sie aufzurütteln, indem er sie daran erinnert, dass Gott gerade »durch eure Träume« zu uns spricht. Daher gilt: »Die Gefahr besteht darin, dass wir oft keine Träume zulassen und es vorziehen zu schlafen und nicht zu träumen. Es ist so einfach, wegzuschauen. Und in dieser Welt haben wir uns an diese Kultur der Gleichgültigkeit gewöhnt, an diese Kultur des Wegschauens und daran, dann einzuschlafen, ganz ruhig. Aber so wird man nie träumen können.«

Während der Papst in der Heilig-Kreuz-Kirche spricht, herrscht tiefe, vibrierende Stille, die Menge ist betroffen, gerührt. Jetzt ist auch der kleine Yazan still und schläft. Wer weiß, ob er träumt und welche Träume er hat.

Von Andrea Monda