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Zweite Meditation – Gott sandte den Geist seines Sohnes in unsere Herzen

Die Augen öffnen für die Realität in unserem Inneren

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07 Januar 2022

Im Jahr 1882 entdeckte der Archäologe William M. Ramsay in Hierapolis in Phrygien eine antike griechische Inschrift. Sultan Abdul Hamid schenkte das Fundstück, das sich heute in den Vatikanischen Museen befindet, 1892 Papst Leo XIII. zu seinem goldenen Bischofsjubiläum. Von den Historikern als »Königin der christlichen Inschriften« bezeichnet, enthält das Epitaph das geistliche Testament eines Bischofs mit dem Namen Aberkios, der Ende des 2. Jahrhunderts lebte und in der Inschrift seine Erfahrung des christlichen Glaubens zusammenfasst. Er tut dies in der Ausdrucksweise, die von der »Arkandisziplin« der damaligen Zeit bestimmt war, das heißt mit der Verwendung von Metaphern und Begriffen, deren Bedeutung nur den Christen bekannt war, weil sie so weder sich selbst noch andere dem Spott und der Verfolgung preisgaben. Hören wir den Teil, der für uns interessant ist: »Mein Name ist Aberkios, der Schüler des heiligen Hirten, der Schafherden weidet auf Bergen und Ebenen, der große Augen hat, die überall (alles) durchdringen. Dieser hat mich gelehrt … verlässliches Wissen. Nach Rom hin sandte er mich, ein Reich zu schauen, und eine Königin zu sehen im Goldgewand und goldenen Schuhen. Ein Volk aber sah ich dort mit glänzendem Siegel. Auch Syriens Ebene sah ich und die Städte all, Nisibis (auch), nachdem ich den Euphrat überschritten. Überall warb ich mir Sinnesgenossen, Paulus hatt’ ich ja (bei mir) auf dem Wagen, überall zog (mir) der Glaube voran und setzte (mir) vor als Speise an jeglichem Ort einen Fisch von der Quelle, überaus groß (und) rein, den gefangen eine reine Jungfrau. Und diesen gab er den Freunden zum Mahle immerdar, spendend den süßen Wein, Mischwein bietend mit Brot« [Übersetzung nach Dölger].

Der Hirte, »der große Augen hat«, ist Jesus; das verlässliche Wissen stammt aus der Bibel, die Königin im Goldgewand (Anspielung auf Psalm 45,10) ist die Kirche, das glänzende Siegel ist die Taufe. Paulus ist natürlich der Apostel, der Fisch verweist wie in zahlreichen antiken Mosaiken auf Christus, die reine Jungfrau ist Maria, Brot und Wein bedeuten die Eucharistie. In den Augen von Aberkios ist Rom nicht so sehr die Hauptstadt des Kaiserreiches (wenn diese damals auch auf dem Höhepunkt ihrer Macht war), sondern vielmehr Mittelpunkt eines anderen Reiches, nämlich das geistliche Zentrum der Kirche.

Beeindruckend ist an diesem Testament die Frische, die Begeisterung und das Staunen, mit der Aberkios auf die neue Welt blickt, die der Glaube ihm eröffnet hat. Für ihn ist das keineswegs etwas Selbstverständliches. Es ist die wahre Neuheit der Welt und der Geschichte. Genau aus diesem Grund habe ich die Inschrift zitiert: Weil es dieses Gefühl ist, das wir Christen von heute wiederentdecken müssen. Es geht noch einmal darum, die Glasfenster der Kathedrale von innen anzublicken, statt von der Straße aus, denn nur so sieht man das Licht des Geheimnisses, während sonst alles dunkel bleibt.

Nach über vierzig Jahren meiner Predigttätigkeit in der ganzen Welt könnte ich mir das Testament des Aberkios zu eigen machen, ohne dass es notwendig wäre, seine verhüllte Sprache zu verwenden. Auch ich habe überall dieses neue Volk getroffen, das vom Zweiten Vatikanum in Lumen gentium als »messianisches Volk« bezeichnet wird, welches »Chris-tus zum Haupte« hat, als Stand »die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes«, als Gesetz das neue Gebot der Liebe und als Bestimmung das Reich Gottes (vgl. Nr. 9).

Das Konzil erinnert auch daran, dass die Kirche aus Heiligen und Sündern besteht, ja dass sie selbst – als konkrete, historische Realität – heilig und sündig ist, »casta meretrix«, wie schon die Kirchenväter sagten, und dass beides – Sünde und Heiligkeit – in jedem einzelnen ihrer Glieder vorhanden ist. So ist es richtig, wenn wir über die Sünden der Kirche traurig sind und weinen, aber es ist auch gut und richtig, dass wir uns über ihre Heiligkeit und Schönheit freuen. Letzteres wollen wir nun tun, was heute vielleicht schwieriger ist und oft übersehen wird.

Der Beweis, dass wir
Kinder Gottes sind

Kehren wir zu unserem Text zurück, den wir kommentieren: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott« (Gal 4,1-4).

Das letzte Mal haben wir über den ersten Teil nachgedacht, darüber, dass wir Kinder Gottes sind. Heute wollen wir über den zweiten Teil nachdenken, über die Rolle, die der Heilige Geist darin spielt. Dabei müssen wir die Parallelstelle im Römerbrief (8,15-16) berücksichtigen: »Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, sodass ihr immer noch Furcht haben müsstet, sondern ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selber bezeugt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.« Beim letzten Mal habe ich davon gesprochen, dass das Wort Gottes wichtig ist, um zu spüren, wie gut es ist, zu wissen, ein Kind Gottes zu sein, und Gott als gütigen Vater zu erfahren. Der heilige Paulus sagt uns nun, dass es ein weiteres Mittel gibt, ohne das auch das Wort Gottes ungenügend bleibt: den Heiligen Geist!

Beim heiligen Bonaventura gibt es gegen Ende seines Traktats »Itinerarium mentis in Deum« [Der Weg des Menschen zu Gott] ein geheimnisvolles Wort über den Erwerb der Weisheit: »Das aber ist ein mystischer und tief geheimnisvoller Vorgang, den niemand kennt, wer ihn nicht erfahren hat; niemand erfährt ihn, der ihn nicht ersehnt hat; niemand ersehnt ihn, den nicht das Feuer des Heiligen Geistes, den Christus auf die Erde gebracht hat, bis ins Mark entflammt hat« (7,4). Mit anderen Worten: Wir können uns danach sehnen, ein lebendiges Bewusstsein von unserer Gotteskindschaft zu haben und sie konkret zu erfahren, aber dass uns dies geschenkt wird, ist allein Werk des Heiligen Geistes.

Der Heilige Geist »bezeugt«, dass wir Kinder Gottes sind. Was bedeuten diese Worte? Dabei handelt es sich nicht um eine Art äu-ßere, rechtliche »Bescheinigung« wie bei der Adoption oder dem Taufschein. Wenn der Heilige Geist der »Beweis« ist, dass wir Kinder Gottes sind, wenn er es unserem Geist »bezeugt«, dann kann es sich nicht um irgend-etwas handeln, dass irgendwo geschieht, ohne dass wir es merken und ohne dass wir selbst eine Bestätigung dafür haben.

Leider neigen wir dazu, genau das zu denken. Ja, in der Taufe sind wir Kinder Gottes geworden, Glieder Christi, die Liebe Gottes wurde in unsere Herzen ausgegossen… Aber all dies durch den Glauben, ohne dass sich in uns etwas in Bewegung setzt. Mit dem Verstand geglaubt, aber nicht mit dem Herzen gelebt. Wie kann man diese Situation ändern? Der Apostel hat uns die Antwort gegeben: mit dem Heiligen Geist! Und es ist nicht nur der Heilige Geist, den wir in der Taufe empfangen haben, sondern der Heilige Geist, den wir immer neu erbitten und empfangen müssen. Der Geist »bezeugt«, dass wir Kinder Gottes sind. Er bezeugt es jetzt, nicht: »er hat es bezeugt«, also ein für alle Mal in der Taufe.

Versuchen wir nun zu verstehen, wie der Heilige Geist das Wunder bewirkt, unsere Augen für diese Realität zu öffnen, die wir in uns tragen. Die beste Beschreibung, wie der Geist dieses Werk im Gläubigen zur Vollendung bringt, habe ich in einer von Luthers Predigten zum Pfingstfest gefunden. [Dabei folgen wir dem paulinischen Kriterium (1 Thess 5,21): »Prüft alles und behaltet das Gute.«]

Solange der Mensch unter der Herrschaft der Sünde, unter dem Gesetz lebt, erscheint ihm Gott als strenger Herr, als jemand, der sich der Erfüllung seiner irdischen Wünsche entgegenstellt mit seinen ständigen: »Du sollst… Du sollst nicht…« Du sollst nicht den Besitz der anderen begehren, die Frau eines anderen… In diesem Zustand sammelt der Mensch auf dem Grund seines Herzen einen dumpfen Groll gegen Gott an, denn er sieht ihn als Gegenspieler seines Glücks. Das geht so weit, dass, wenn es nach ihm ginge, es ihm lieber wäre, wenn Gott nicht existieren würde (vgl. Luther WA, Bd.12, S. 568f).

Wenn wir das für übertrieben halten, wenn wir meinen, dass es nur für große Sünder gilt und uns nicht näher angeht, dann brauchen wir nur in unser Inneres zu blicken und zu beobachten, was aus dem dunklen Grund unseres Herzens aufsteigt, wenn der Wille Gottes oder ein zu leistender Akt des Gehorsams unsere Pläne durchkreuzen. Bei den Exerzitien, die ich gebe, schlage ich den Teilnehmern gewöhnlich vor, sich selbst einem psychologischen Test zu unterziehen, um zu entdecken, welche Vorstellung von Gott in ihnen vorherrscht. Ich lade sie ein, sich zu fragen: »Welche Gefühle, welche Assoziationen kommen mir spontan, noch vor jedem Nachdenken, wenn ich beim Gebet des Vaterunser zu den Worten komme: ›Dein Wille geschehe‹?«

Unschwer wird man erkennen, dass man unbewusst den Willen Gottes mit all dem verbindet, was unangenehm, schmerzhaft ist, was eine Prüfung bedeutet, Verzicht und Opfer mit sich bringt, kurz gesagt mit all dem, was als Beschneidung unserer Freiheit und unserer individuellen Entwicklung gesehen werden kann. Man denkt an Gott, als wäre er grundsätzlich ein Feind jeden Festes, jeder Freude, jedes Vergnügens. Wenn wir in jenem Augenblick unsere Seele wie in einem Spiegel sehen könnten, würden wir uns als Menschen sehen, die resigniert den Kopf hängen lassen und mit zusammengebissenen Zähnen murren: »Wenn es gar nicht anders geht… Ok, dann geschehe halt dein Wille.«

Schauen wir einmal, was der Heilige Geist tut, um uns von diesem schrecklichen Irrtum zu heilen, den wir seit Adam in uns tragen. Wenn er in unser Inneres kommt – bei der Taufe und dann durch alle anderen Mittel der Heiligung –, beginnt er, uns ein anderes Antlitz Gottes zu zeigen: das uns von Jesus im Evangelium offenbarte Antlitz. Er lässt ihn uns als Verbündeten unserer Freude entdecken, als denjenigen, der für uns »seinen eigenen Sohn nicht verschont hat« (Röm 8,32).

Nach und nach entsteht das Gefühl der Kindschaft, das im spontanen Ruf »Abba« zum Ausdruck kommt. Wie Hiob am Ende seiner Geschichte rufen auch wir aus: »Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut« (Ijob 42,5). Der Sohn ist an die Stelle des Sklaven getreten und die Liebe an die Stelle der Furcht. Der Mensch hört auf, der Gegenspieler Gottes zu sein und wird sein Verbündeter. Der Bund mit Gott ist nicht länger nur eine religiöse Struktur, in die man hineingeboren wird, sondern eine Entdeckung, eine Entscheidung, eine Quelle unerschütterlicher Gewissheit: »Ist Gott für uns, unser Verbündeter, wer ist dann gegen uns?« (vgl. Röm 8,31).

Das Gebet als Kinder

Der bevorzugte Ort, wo der Heilige Geist immer neu das Wunder vollbringt, dass wir uns als Kinder Gottes fühlen, ist das Gebet. Der Geist gibt uns nicht das Gebot zu beten, sondern er schenkt uns die Gnade des Gebets. Das Gebet erreichen wir nicht in erster Linie durch äußeres, analytisches Lernen, sondern wir empfangen es als Gabe durch Eingießung. Das ist die »frohe Botschaft« in Bezug auf das christliche Gebet! Die Quelle des Gebets kommt in unser Inneres und sie besteht in der Tatsache, dass »Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt hat, der ruft: Abba, Vater« (Gal 4,6).

Der Heilige Geist ist es also, der das Gefühl, Gottes Kind zu sein, in das Herz eingießt, der uns fühlen (und nicht nur wissen) lässt, dass wir Kinder Gottes sind. Zuweilen erfolgt dieses grundlegende Wirken des Heiligen Geistes im Leben eines Menschen auf plötzliche, intensive Art und Weise, und dann kann man dessen ganze Herrlichkeit erkennen. Aus Anlass von Exerzitien, bei einem mit besonderer innerer Disposition empfangenen Sakrament, bei einem mit bereitem Herzen gehörten Wort Gottes oder aus Anlass des Gebets um die Ausgießung des Geistes (der sogenannten »Taufe im Heiligen Geist«) wird die Seele von einem neuen Licht überflutet, in dem sich Gott auf neue Weise als Vater offenbart. Man macht eine Erfahrung davon, was die Vaterschaft Gottes wirklich bedeutet. Das Herz wird weich und der Mensch hat das Gefühl, aus dieser Erfahrung erneuert hervorzugehen.

In anderen Fällen dagegen wird diese Offenbarung des Vaters begleitet von einem solchen Bewusstsein von der Majestät und Transzendenz Gottes, dass die Seele wie überwältigt ist und schweigt. (Ich beschreibe nicht meine eigene Erfahrung, sondern die der Heiligen!) Man versteht, warum einige Heilige das Vaterunser begannen und Stunden später noch nicht weitergekommen waren als bis zu diesen ersten Worten.

Dieses eindrückliche Erkennen des Vaters dauert gewöhnlich nicht lange, auch nicht bei den Heiligen. Schnell kommt wieder die Zeit, wo der Gläubige »Vater« sagt, ohne etwas zu spüren und nur fortfährt, es zu wiederholen, weil Jesus es gesagt hat. Das ist der Augenblick, wo man daran erinnern muss, dass dieses Wort zwar den Sprechenden in dieser Situation nicht glücklich macht, aber dafür den Vater umso mehr, der es hört, denn es ist reiner Glaube und Hingabe.

Uns geht es dann so wie jenem berühmten Komponisten (ich spreche von Beethoven), der nach dem Verlust des Gehörs weiter wundervolle Sinfonien komponierte und aufführte – zur Freude der Zuhörer, ohne dass er selbst auch nur eine einzige Note genießen konnte. Die Taubheit löschte seine Musik nicht aus, sondern ließ sie vielmehr noch reiner werden, und dasselbe tut auch die Trockenheit mit unserem Gebet, wenn wir darin beharrlich sind.

Wenn von dem Ausruf »Abba, Vater!« die Rede ist, denken wir gewöhnlich nur an das, was dieses Wort für den Sprechenden bedeutet, an das, was uns angeht. Nie denkt man daran, was es für Gott bedeutet, der es hört, und was dies in ihm bewirkt. Das heißt, man vergisst, an die Freude Gottes zu denken, wenn er hört, dass er Vater genannt wird. Aber wer Vater ist, weiß, was er spürt, wenn er die Stimme seines Kindes hört, das ihn so nennt. Es ist wie jedes Mal neu Vater zu werden, denn jedes Mal lässt dich dieses Wort daran denken und macht dir bewusst, dass du es bist. Es berührt dich im tiefsten Inneren.

Jesus wusste dies und hat Gott deshalb so oft Abba! genannt und uns gelehrt, dasselbe zu tun. Wir schenken Gott eine einfache und einzigartige Freude, wenn wir ihn Vater nennen: die Freude der Vaterschaft. Sein Herz wird ergriffen, heftig entbrennt sein Mitleid (vgl. Hos 11,8), wenn er hört, dass er Vater genannt wird. Und all dies können wir tun, so sagte ich, auch wenn wir selbst nichts »spüren«.

Gerade in dieser Zeit scheinbarer Gottesferne und Trockenheit entdeckt man die große Bedeutung des Heiligen Geistes für unser Gebetsleben. Er, den wir weder sehen noch hören können, »nimmt sich unserer Schwachheit an«, erfüllt unsere Worte und unser Seufzen mit der Sehnsucht nach Gott, mit Demut, mit Liebe, denn »der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist« (vgl. Röm 8,26-27). So wird der Heilige Geist zur Kraft unseres »schwachen« Gebets, zum Licht unseres matten Gebets, mit einem Wort: die Seele unseres Gebets. Er tränkt wirklich, »was da dürre steht«: »Riga quod est aridum«, wie wir in der Pfingstsequenz beten.

All das geschieht im Glauben. Es reicht, dass ich sage oder denke: »Vater, du hast mir den Geist Jesu, deines Sohnes, gegeben, und da ich so ›ein Geist mit ihm‹ (1 Kor 6,17) bin, bete ich diesen Psalm, feiere ich diese heilige Messe oder verweile ich einfach in Stille hier in deiner Gegenwart. Ich möchte dir jene Verherrlichung, jene Freude schenken, die dir Jesus schenken würde, wenn er noch hier auf der Erde zu dir beten würde.«

Was der Heilige Geist
der Kirche sagt

Bevor ich schließe, möchte ich auf eine pas-torale Umsetzung dieser Reflexion über die Rolle des Heiligen Geistes hinweisen. Bereits andernorts habe ich die Worte zitiert, die der orthodoxe Metropolit Ignatios von Latakia bei einem feierlichen ökumenischen Treffen 1968 gesprochen hat, aber es lohnt sich, sie noch einmal zu hören: »Ohne den Heiligen Geist ist Gott fern, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium toter Buchstabe, ist die Kirche eine bloße Organisation, ist Autorität nur Herrschaft, ist Mission nur Propaganda, Liturgie nicht mehr als Geisterbeschwörung und christliches Handeln eine Sklavenmoral. Doch im Heiligen Geist ist der Kosmos erhöht und seufzt in der Geburt des Reiches Gottes, der Mensch kämpft gegen das Fleisch, Christus ist gegenwärtig, das Evangelium ist Lebenskraft, die Kirche Zeichen der dreifaltigen Gemeinschaft, die Autorität befreiender Dienst, die Mission ein Pfingstereignis, die Liturgie Gedächtnis und Vorwegnahme, das menschliche Handeln ist vergöttlicht.«

Wir müssen alles auf den Heiligen Geist gründen. Es reicht nicht aus, ein Vaterunser, ein Gegrüßet seist du Maria und ein Ehre sei dem Vater am Anfang unserer Pastoralversammlungen zu sprechen, um dann schnell zur Tagesordnung überzugehen. Wenn es die Umstände erlauben, muss man sich eine Zeit lang dem Heiligen Geist »aussetzen«, ihm Zeit geben, sich zu offenbaren, auf seiner Wellenlänge sein.

Ohne diese Voraussetzungen bleiben Beschlüsse und Dokumente nur Worte, die zu anderen Worten hinzukommen. Es geschieht dasselbe wie bei dem Opfer des Propheten Elija auf dem Karmel. Elija sammelte das Holz, ließ es mit Wasser begießen. Er tat alles, was in seiner Macht stand, dann betete er zum Herrn, Feuer herabkommen zu lassen und das Opfer zu verzehren. Ohne dieses Feuer aus der Höhe, wäre dort nur ein Haufen nasses Holz gewesen (vgl. 1 Kön 18,22ff).

Das sind Dinge, die sich ohne viel Aufsehen in der Kirche zu verwirklichen beginnen. Ich habe in diesem Jahr einen Brief von einem Pfarrer einer französischen Diözese erhalten. Darin hieß es: »Vor fast drei Jahren hat unser Erzbischof mit uns allen das Abenteuer der Mission begonnen und eine Fraternität diözesaner Missionare errichtet. Wir haben uns vorgenommen, einen Vorbereitungskurs auf die Taufe im Heiligen Geist zu machen. Es war eine wundervolle Erfahrung mit 300 Christen aus der gesamten Diözese, zusammen mit dem Erzbischof. Kurze Zeit später haben alle 28 Klarissen aus einem nahen Klos-ter darum gebeten, dieselbe Erfahrung machen zu können.«

Man darf keine unmittelbaren und spektakulären Ergebnisse erwarten. Wir veranstalten keinen Feuertanz wie die Baalspriester auf dem Karmel. Gott kennt die Zeiten und Wege. Denken wir an die Worte Christi zu den Aposteln: »Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde« (Apg 1,7-8). Wichtig ist, die Kraft aus der Höhe zu erbitten und sie zu empfangen. Wie sie sich zeigt, das muss man Gott überlassen.

Besonders jetzt, wo die Kirche das Abenteuer des synodalen Prozesses begonnen hat, ist dies notwendig. In dieser Hinsicht muss man die Worte des Papstes lesen und meditieren, die er in der Predigt zur Eröffnung der Synode am vergangenen 10. Oktober gesagt hat: Er forderte dazu auf, sich Zeit zu nehmen, »um dem Gebet, der Anbetung und dem, was der Geist der Kirche sagen will, Raum zu geben«.

Ich frage mich, ob es in den Versammlungen jedes Kirchenbezirks auf lokaler oder universaler Ebene nicht möglich wäre, einen geistlichen Begleiter zu ernennen, der am Rande der Treffen Zeiten des Gebets und des Hörens auf Gottes Wort organisiert. »Das Zeugnis Jesu ist der Geist prophetischer Rede«, heißt es im Buch der Offenbarung. Der Geist prophetischer Rede offenbart sich vorwiegend in einem Kontext gemeinsamen Betens.

Ein wunderbares Beispiel für all dies finden wir im Zusammenhang mit der ersten Krise, die die Kirche bei ihrer Mission der Verkündigung des Evangeliums zu bewältigen hatte. Petrus und Johannes waren verhaftet worden und saßen im Gefängnis, weil sie »in Jesus die Auferstehung der Toten« verkündet hatten. Sie wurden dann vom Hohen Rat entlassen unter der Bedingung, nie »wieder im Namen Jesu zu verkünden und zu lehren«. Die Apos-tel befinden sich in einer Situation, die sich im Lauf der Geschichte noch sehr häufig wiederholen sollte: schweigen und dem Auftrag Jesu nicht folgen oder reden mit der Gefahr eines gewaltsamen Eingreifens der Autoritäten, das alles beendet.

Was tun die Apostel? Sie gehen zur Gemeinschaft und diese betet. Einer spricht einen Psalmvers: »Die Könige der Erde stehen auf, die Großen tun sich zusammen gegen den Herrn und seinen Gesalbten« (Ps 2,2). Ein anderer stellt ihn in den Zusammenhang mit dem, was geschehen ist, als sich Herodes und Pontius Pilatus gegen Jesus verbündeten. Dann ist zu lesen: »Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig (mit Par-rhesia) das Wort Gottes« (vgl. Apg 4,1-31). Paulus zeigt, dass diese Praxis in der Kirche kein Einzelfall blieb. An die Korinther schreibt er nämlich: »Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei: einer einen Psalm, ein anderer eine Lehre, der dritte eine Offenbarung; einer redet in Zungen und ein anderer übersetzt es« (1 Kor 14,26).

Ideal wäre es, wenn man in der Kirche alle synodalen Beschlüsse – zumindest ideell – mit den Worten ihres ersten Konzils verkünden könnte: »Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen…« (Apg 15,28). Der Heilige Geist ist der Einzige, der neue Wege eröffnet, ohne den alten Wegen zu widersprechen. Er macht alles neu, er macht nichts Neues! Das heißt, er schafft keine neuen Lehren und neue Institutionen, sondern erneuert und verlebendigt die von Jesus eingesetzten. Ohne ihn würden wir der Geschichte immer hinterherhinken. In der eben schon erwähnten Predigt sagte der Papst, »dass der Heilige Geist auf immer überraschende Weise weht, um neue Wege und Sprachen zu suggerieren«. Er, so möchte ich hinzufügen, ist der Meister jenes Aggiornamento, das der heilige Papst Johannes XXIII. dem Konzil als Ziel setzte. Das Konzil sollte ein neues Pfingsten verwirklichen, und das neue Pfings-ten soll nun dieses Konzil verwirklichen!

Die lateinische Kirche besitzt zu diesem Zweck einen Schatz: den Hymnus Veni Creator Spiritus. Seit er im 9. Jahrhundert geschaffen wurde, erklang er in der Christenheit unaufhörlich als andauernde Epiklese über die ganze Schöpfung und die Kirche. Vom zweiten Jahrtausend an begann jedes neue Jahr, jedes Jahrhundert, jedes Konklave, jedes ökumenische Konzil, jede Synode, jede Priester- oder Bischofsweihe, jede für das Leben der Kirche wichtige Versammlung mit dem Gesang dieses Hymnus. Er hat sich mit dem ganzen Glauben, der Frömmigkeit und der brennenden Sehnsucht nach dem Heiligen Geist jener Generationen aufgeladen, die ihn vor uns gesungen haben. Und wenn er jetzt auch von dem bescheidensten Chor der Gläubigen gesungen wird, dann hört Gott ihn so, mit dieser immensen »Orchestrierung«, die die Gemeinschaft der Heiligen ist.

Ich bitte euch, verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern, euch zu erheben und ihn gemeinsam mit mir zu singen, um eine neue Ausgießung des Geistes über uns und die ganze Kirche zu erflehen…

Kardinal Raniero Cantalamessa OFMCap