· Vatikanstadt ·

Ansprache des Papstes beim Angelus am ersten Adventssonntag, 28. November

Freudig auf den Herrn warten

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03 Dezember 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Das Evangelium der heutigen Liturgie, des ersten Adventssonntags, also des ersten Sonntags der Vorbereitung auf Weihnachten, erzählt uns vom Kommen des Herrn am Ende der Zeiten. Jesus kündigt düstere Ereignisse und peinigende Sorgen an, aber genau an diesem Punkt fordert er uns auf, keine Angst zu haben. Warum? Weil alles gut gehen wird? Nein, sondern weil er kommen wird. Jesus wird wiederkommen, Jesus wird kommen, er hat es versprochen. Er sagt: »Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe« (Lk 21,28). Es ist schön, dieses Wort der Ermutigung zu hören: uns wieder aufzurichten und das Haupt zu erheben, denn gerade in jenen Augenblicken, wo alles vorbei zu sein scheint, kommt der Herr, um uns zu retten; freudig auf ihn zu warten, auch inmitten von Bedrängnissen, in den Krisen des Lebens und in den Dramen der Geschichte. Warten auf den Herrn. Aber wie schafft man es, das Haupt zu erheben, sich nicht von Schwierigkeiten, Leiden und Niederlagen vereinnahmen zu lassen? Jesus weist uns den Weg mit einem eindringlichen Aufruf: »Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren [...] Wacht und betet allezeit« (V. 34.36).

»Wacht«, die Wachsamkeit. Lasst uns bei diesem wichtigen Aspekt des christlichen Lebens einhalten. Den Worten Christi entnehmen wir, dass die Wachsamkeit mit Aufmerksamkeit verbunden ist: seid aufmerksam, wacht, lasst euch nicht ablenken, das heißt: bleibt wach! Wachsamkeit heißt Folgendes: nicht zulassen, dass das Herz träge wird und dass das geistliche Leben in Mittelmäßigkeit versinkt. Aufpassen, denn man kann zu »schlafenden Christen« werden – und wir wissen: es gibt viele schlafende Christen, Christen, die von der geistlichen Weltlichkeit betäubt wurden – Christen ohne geistlichen Elan, ohne Inbrunst beim Gebet – sie beten wie Papageien – ohne Begeis-terung für die Mission, ohne Leidenschaft für das Evangelium. Christen, die immer nur nach innen blicken, außerstande, zum Horizont zu schauen. Und das führt dazu, zu »dösen«: die Dinge aus Trägheit in Gang zu halten, in Apathie zu verfallen, gleichgültig gegenüber allem außer dem, was uns gelegen kommt. Und das ist ein trauriges Leben, so weiterzumachen... es gibt da kein Glück.

Wir müssen wachsam sein, dass wir unsere Tage nicht zur Routine werden lassen, damit wir – so Jesus – nicht von den Lasten des Lebens beschwert werden (vgl. V. 34). Die Lasten des Lebens beschweren uns. Heute ist also eine gute Gelegenheit, uns zu fragen: was belastet mein Herz? Was belas-tet meinen Geist? Was bringt mich dazu, mich in den Sessel der Faulheit zu setzen? Es ist traurig, die Christen »im Sessel« zu sehen! Was sind die Mittelmäßigkeiten, die mich lähmen, welche sind die Laster, die mich zu Boden drücken und mich daran hindern, mein Haupt zu heben? Und was die Lasten anbelangt, die auf den Schultern der Brüder und Schwestern lasten, bin ich da aufmerksam oder gleichgültig?

Diese Fragen sind gut für uns, denn sie helfen, das Herz vor der Acedia [der geistlichen Trägheit] zu bewahren. Aber, Pater, sagen Sie uns: was ist die Acedia? Sie ist ein großer Feind des geistlichen Lebens, sogar des christlichen Lebens. Die Acedia ist jene Faulheit, die uns abstürzen lässt, die uns in Traurigkeit verfallen lässt, die uns die Lust am Leben und den Tatendrang raubt. Sie ist ein negativer Geist, ein böser Geist, der die Seele in Benommenheit hält und ihr die Freude raubt. Man fängt mit dieser Traurigkeit an, man kommt ins Rutschen, gleitet ab, und alle Freude ist weg. Im Buch der Sprüche heißt es: »Mehr als alles hüte dein Herz; / denn von ihm geht das Leben aus (Spr 4,23). Hüte dein Herz: das bedeutet Wachsamkeit, zu wachen! Seid wach, hüte dein Herz.

Und fügen wir noch eine wesentliche Zutat hinzu: das Geheimnis der Wachsamkeit ist das Gebet. Denn Jesus sagt: »Wacht und betet allezeit« (Lk 21,36). Es ist das Gebet, das die Lampe des Herzens am Brennen hält. Gerade wenn wir das Gefühl haben, dass unsere Begeisterung im Begriff ist, abzukühlen, dann facht das Gebet sie wieder an, denn es bringt uns zurück zu Gott, zum Mittelpunkt der Dinge. Das Gebet weckt die Seele aus dem Schlaf auf und lässt sie auf das Wesentliche konzentrieren, auf den Zweck des Daseins. Lasst uns auch an den allerhektischs-ten Tagen das Gebet nicht vernachlässigen. Ich habe gerade in der Fernsehsendung »A sua immagine« eine schöne Reflexion über das Gebet gesehen, sie wird uns helfen, es wird uns guttun, sie anzuschauen. Sie kann uns dabei helfen, von Herzen zu beten, kurze Anrufungen oft zu wiederholen. Gewöhnen wir uns in der Adventszeit zum Beispiel daran, zu sagen: »Komm, Herr Jesus.« Nur das, aber sagen: »Komm, Herr Jesus.« Diese Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten ist schön: Wir denken an die Krippe, wir denken an Weihnachten, und wir sagen von Herzen: »Komm, Herr Jesus, komm«. Lasst uns dieses Gebet den ganzen Tag über wiederholen, und die Seele bleibt wach! »Komm, Herr Jesus«: das ist ein Gebet, das wir dreimal sagen können, alle zusammen. »Komm, Herr Jesus«, »Komm, Herr Jesus«, »Komm, Herr Jesus«.

Und nun lasst uns zur Muttergottes beten: sie, die mit wachem Herzen auf den Herrn gewartet hat, wird uns auf unserem Weg durch den Advent begleiten.

Nach dem Angelus sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern, gestern habe ich die Mitglieder von Migrantenverbänden und -gruppen sowie Menschen getroffen, die im Geiste der Brüderlichkeit deren Weg gemeinsam mit ihnen gehen. Sie sind hier auf dem Platz, mit dieser so großen Fahne! Herzlich willkommen! Aber wie viele Migranten – denkt einmal darüber nach – wie viele Migranten sind auch in diesen Tagen sehr großen Gefahren ausgesetzt, und wie viele verlieren ihr Leben an unseren Grenzen! Die Nachrichten über die Situation, in der sich so viele von ihnen befinden, machen mich traurig: [die Nachrichten über] die Toten im Ärmelkanal, über die Menschen an den Grenzen von Belarus, von denen viele Kinder sind, über die Ertrunkenen im Mittelmeer. Es ist so traurig, an sie zu denken. An die, die nach Nordafrika zurückgeschickt werden, die von Menschenhändlern gefangen genommen wurden, die sie zu Sklaven machen: sie verkaufen die Frauen, foltern die Männer... An diejenigen, die auch diese Woche versucht haben, das Mittelmeer zu überqueren, um ein Land des Wohlbefindens zu finden, und stattdessen ein Grab gefunden haben; und so viele andere. Die Migranten, die sich in diesen Krisensituationen befinden, versichere ich meiner Gebete, und auch mein Herz gehört ihnen: ihr sollt wissen, dass ich euch immer nah bin. Beten und handeln. Ich danke allen Institutionen, sowohl der katholischen Kirche als auch anderen, insbesondere den nationalen Caritas-Organisationen und all jenen, die sich für die Linderung ihrer Leiden einsetzen. Ich appelliere erneut von ganzem Herzen an alle, die zur Lösung dieser Probleme beitragen können, insbesondere an die zivilen und militärischen Autoritäten, damit Verständnis und Dialog endlich die Oberhand über jede Art von Instrumentalisierung gewinnen und den Willen und die Bemühungen auf Lösungen lenken, die das Menschsein dieser Personen achten. Lasst uns an die Migranten denken, an ihr Leiden, und lasst uns in Stille beten... [Es folgte ein Augenblick der Stille.]

Ich grüße euch alle, die Pilger, die aus Italien und aus verschiedenen Ländern gekommen sind: da sind viele Fahnen aus verschiedenen Ländern. Ich grüße die Familien, die Gemeindegruppen, die Vereinigungen. Ich grüße insbesondere die Gläubigen aus Osttimor – ich sehe die Fahne dort –, aus Polen und aus Lissabon sowie die Gläubigen aus Tivoli.

Ich wünsche allen einen schönen Sonntag und einen guten Weg durch den Advent, einen guten Weg auf Weihnachten zu, zum Herrn. Bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!