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Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet am Sonntag, 21. November

Der König des Universums schenkt uns Freiheit und Würde

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26 November 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Das Evangelium der heutigen Liturgie, des letzten Sonntags im Kirchenjahr, gipfelt in einer Aussage Jesu, der sagt: »Ich bin ein König« (Joh 18,37). Er spricht diese Worte vor Pilatus aus, während die Menge schreit, dass er zum Tod verurteilt werden soll. Er sagt: »Ich bin ein König«, und die Menge brüllt, er solle zum Tod verurteilt werden: Welch ein Kontrast! Der entscheidende Augenblick ist gekommen. Vorher scheint Jesus nicht gewollt zu haben, dass das Volk ihm als König zujubelt: Denken wir an den Moment nach der Vermehrung der Brote und der Fische, als er sich allein zum Gebet zurückgezogen hatte (vgl. Joh 6,14-15).

Das Königtum Jesu unterscheidet sich nämlich deutlich vom weltlichen Königtum. »Mein Königtum«, sagt er zu Pilatus, »ist nicht von dieser Welt« (Joh 18,36). Er ist nicht gekommen, um zu herrschen, sondern um zu dienen. Er kommt nicht mit den Zeichen der Macht, sondern mit der Macht der Zeichen. Er ist nicht mit kostbaren Insignien bekleidet, sondern er hängt nackt am Kreuz. Und gerade in der Inschrift am Kreuz wird Jesus als »König« bezeichnet (vgl. Joh 19,19). Sein Königtum geht wahrlich über die menschlichen Maßstäbe hinaus! Wir könnten sagen, dass er nicht König wie andere ist, sondern dass er König für die anderen ist. Erinnern wir uns: Als die Menge gegen ihn ist, sagt Christus vor Pilatus, dass er ein König ist, während er sich von dieser Akklamation distanziert hatte, als sie ihm folgte und ihm zugejubelt hatte. Mit anderen Worten: Jesus erweist sich als souverän frei vom Streben nach Ruhm und irdischer Ehre. Und wir – fragen wir uns –, verstehen wir es, ihn darin nachzuahmen? Verstehen wir unsere Neigung zu beherrschen, ständig im Mittelpunkt zu stehen und anerkannt zu werden, oder tun wir alles, um von anderen geschätzt zu werden? Bei unserem Tun, insbesondere bei unserem christlichen Engagement, frage ich mich: Was zählt? Zählt der Beifall oder zählt der Dienst?

Jesus verzichtet nicht nur auf jegliches Streben nach irdischer Größe, sondern er macht die Herzen derer, die ihm folgen, frei und souverän. Er, liebe Brüder und Schwes-tern, befreit uns von der Abhängigkeit vom Bösen. Sein Reich macht frei, es hat nichts Unterdrückendes an sich. Er behandelt jeden Jünger wie einen Freund, nicht wie einen Untertan. Obwohl Christus über allen Herrschern steht, zieht er keine Trennlinien zwischen sich und den anderen, sondern er will Brüder und Schwestern, mit denen er seine Freude teilen kann (vgl. Joh 15,11). Wer ihm nachfolgt, verliert nichts, sondern gewinnt an Würde. Denn Christus will keine Unterwürfigkeit um sich haben, sondern freie Menschen. Und – fragen wir uns das jetzt – woher kommt die Freiheit Jesu? Wir entdecken dies, wenn wir zu seiner Aussage vor Pilatus zurückkehren: »Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege« (Joh 18,37).

Die Freiheit Jesu kommt aus der Wahrheit. Es ist seine Wahrheit, die uns frei macht (vgl. Joh 8,32). Aber die Wahrheit Jesu ist keine Idee, nichts Abstraktes: Die Wahrheit Jesu ist Realität. Er selbst ist es, der in uns Wahrheit hervorbringt, der uns von der Täuschung befreit, von den Falschheiten, die wir in uns tragen, von der Doppelzüngigkeit. Wenn wir mit Jesus zusammen sind, werden wir wahrhaftig. Das Leben des Christen
ist kein Schauspiel, bei dem man die Maske tragen kann, die einem am vorteilhaftesten erscheint. Denn wenn Jesus im Herzen
herrscht, dann befreit er es von der Heuchelei, von den Ausflüchten, von der Doppelzüngigkeit. Der beste Beweis dafür, dass Christus unser König ist, ist die Loslösung von dem, was das Leben verunreinigt, was es zweideutig, undurchsichtig und traurig macht. Wenn das Leben zweideutig ist, ein bisschen hier, ein bisschen da, dann ist es traurig, sehr traurig. Natürlich müssen wir immer mit unseren Grenzen und Fehlern rechnen: Wir sind alle Sünder. Aber wenn man unter der Herrschaft Jesu lebt, dann wird man nicht korrupt, man wird nicht falsch und neigt nicht dazu, die Wahrheit zu vertuschen. Man führt dann kein Doppelleben. Denkt daran: Wir sind alle Sünder, ja, das sind wir alle, aber niemals verdorben! Sünder ja, aber niemals verdorben. Möge uns die Gottesmutter helfen, jeden Tag die Wahrheit Jesu, des Königs des Universums, zu suchen, die uns aus der irdischen Knechtschaft befreit und uns lehrt, unsere Laster zu beherrschen.

Nach dem Angelus sagte der Papst:

Heute ist auch der Welttag der Fischerei. Ich grüße alle Fischer und bete für alle, die unter schwierigen Bedingungen oder manchmal leider auch als Zwangsarbeiter leben. Ich ermutige die Seelsorger und Freiwilligen von Stella Maris, ihren seelsorgerischen Dienst für diese Menschen und ihre Familien fortzusetzen.

Und wir gedenken heute auch aller Opfer von Verkehrsunfällen: Beten wir für sie und setzen wir uns dafür ein, Unfällen vorzubeugen.

Ich möchte auch die derzeit bei den Vereinten Nationen laufenden Initiativen für eine bessere Kontrolle des Waffenhandels unterstützen.

Gestern wurde in Kattowitz in Polen der Priester Jan Franciszek Macha seliggesprochen, der 1942 im Rahmen der Kirchenverfolgung durch das Naziregime aus Glaubenshass getötet wurde. In der Dunkelheit der Gefangenschaft fand er in Gott die Kraft und die Sanftmut, um diesen Leidensweg zu gehen. Möge sein Martyrium ein fruchtbarer Samen der Hoffnung und des Friedens sein. Einen Applaus für den neuen Seligen!

Ich grüße euch alle, die Gläubigen aus Rom und die Pilger aus verschiedenen Ländern, insbesondere aus Polen und den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich grüße die Pfadfinder der Erzdiözese Braga in Portugal. Ein besonderer Gruß geht an die ecuadorianische Gemeinde in Rom, die das Fest der »Virgen de El Quinche« feiert. Ich grüße die Gläubigen von Sant’Antimo (Neapel) und aus Catania, die Firmlinge aus Pattada und die Ehrenamtlichen der Lebensmittelbank, der Tafeln, die sich auf den Tag der Lebensmittelsammlung nächsten Samstag vorbereiten. Herzlichen Dank! Und auch die Jugendlichen von der »Immacolata«.

Ich wünsche allen einen schönen Sonntag. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!