· Vatikanstadt ·

Audienz für die Teilnehmer am Generalkapitel des »Ordo Franciscanus Saecularis (OFS)«

Das Evangelium als Lebensform

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26 November 2021

Liebe Brüder und Schwestern

des Franziskanischen Säkularordens,

guten Tag!

Ich begrüße euch mit den Worten, die Franziskus an all jene richtete, denen er auf seinem Weg begegnete: »Der Herr schenke dir Frieden!« Ich freue mich, euch aus Anlass eures Generalkapitels zu empfangen. In diesem Kontext möchte ich auf einige Aspekte hinweisen, die zu eurer Berufung und Sendung gehören.

Eure Berufung entsteht aus dem allgemeinen Ruf zur Heiligkeit. Der Katechismus der Katholischen Kirche sagt uns: »Die Laien haben am Priestertum Christi Anteil. Immer mehr mit ihm vereint, entfalten sie die Gnade der Taufe und Firmung in allen Bereichen des persönlichen, familiären, gesellschaftlichen und kirchlichen Lebens und kommen so dem an alle Getauften ergehenden Ruf zur Heiligkeit nach« (Nr. 941).

Diese Heiligkeit – zu der ihr als Brüder und Schwestern des Franziskanischen Säkularordens berufen seid, wie es die Konstitutionen und die vom heiligen Paul VI. approbierte Regel verlangen – schließt die Bekehrung des Herzens ein, das angezogen, ergriffen und verwandelt wird von dem, der allein der Heilige ist, der »das Gute, jegliches Gut, das höchste Gut« (Hl. Franziskus, Lobpreis Gottes) ist. Das ist es, was euch zu wahrhaft »Büßenden« macht. Der heilige Franziskus beschreibt »Buße tun« in seinem Brief an die Gläubigen als Weg der Umkehr, als Weg christlichen Lebens, als Bemühen, den Willen und die Werke des himmlischen Vaters zu tun. Im Testament spricht er dann von seinem eigenen Umkehrprozess mit den folgenden Worten, die ihr gut kennt: »So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt« (1-3).

Der Prozess der Umkehr verläuft auf diese Weise: Gott ergreift die Initiative: »Der Herr gab mir, das Leben der Buße zu beginnen.« Gott führt den Büßenden an Orte, wo dieser niemals hingehen würde: »Der Herr führte mich unter sie, die Aussätzigen.« Der Büßende antwortet, indem er es akzeptiert, sich in den Dienst der anderen zu stellen und ihnen Barmherzigkeit zu erweisen. Und das Ergebnis ist das Glück: »Das, was mir bitter vorkam, wurde in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.« Genau das ist der Weg der Umkehr von Franziskus.

Das ist es, liebe Brüder und Schwestern, wozu ich euch ermahne, dass ihr es in eurem Leben und in eurer Sendung verwirklichen sollt. Und bitte verwechseln wir »Buße tun« nicht mit den »Werken der Buße«. Diese – Fasten, Almosen, Abtötung – sind Folgen der Entscheidung, das Herz für Gott zu öffnen. Das Herz für Gott öffnen! Das Herz für Christus öffnen, indem man im Stil des heiligen Franziskus mitten unter ganz gewöhnlichen Menschen lebt. Wie Franziskus »Spiegel Christi« war, so mögt auch ihr viele »Spiegel Christi« werden.

Ihr seid Männer und Frauen, die sich bemühen, in der Welt das franziskanische Charisma zu leben. Ein Charisma, das im Wesentlichen darin besteht, das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten. Die Berufung eines Mitglieds des Franziskanischen Säkularordens ist es, in der Welt das Evangelium im Stil des »Poverello« zu leben, »sine glossa« und das Evangelium als Lebensform und -regel anzunehmen. Ich fordere euch auf, das Evangelium zu umarmen, als würdet ihr Jesus umarmen. Das Evangelium, das heißt Jesus selbst, möge euer Leben formen. So werdet ihr vor aller Augen die Armut, die Minorität, die Einfachheit als Merkmale annehmen.

Mit dieser eurer franziskanischen und säkularen Identität seid ihr Teil der Kirche »im Aufbruch«. Euer bevorzugter Ort ist, mitten unter den Menschen zu sein und dort – als zölibatäre oder verheiratete Laien, als Pries-ter und Bischöfe, jeder seiner besonderen Berufung entsprechend – Zeugnis zu geben von Jesus durch ein einfaches Leben, ohne Ansprüche, immer zufrieden damit, dem armen, gekreuzigten Christus nachzufolgen, wie dies der heilige Franziskus und so viele Männer und Frauen eures Ordens getan haben. Ich ermutige auch euch, in die Randgebiete hinauszugehen, die existentiellen Randgebiete der heutigen Zeit, und dort das Wort des Evangeliums erklingen zu lassen. Ver-gesst die Armen nicht, die das Fleisch Christi sind: Ihr seid berufen, ihnen die frohe Botschaft zu verkünden (vgl. Lk 4,18), wie es unter anderen die heilige Elisabeth von Ungarn getan hat, eure Schutzpatronin. Und wie die »Gemeinschaften der Büßenden« sich in der Vergangenheit durch die Gründung von Krankenhäusern, Dispensarien, Suppenküchen und anderen Werken konkreter sozialer Nächstenliebe ausgezeichnet haben, so sendet euch heute der Heilige Geist, dieselbe Nächstenliebe zu üben mit einer von den neuen Formen der Armut geforderten Kreativität.

Euer Leben in der Welt soll geprägt sein von Nähe, Mitleid und Zärtlichkeit. Mögt ihr Männer und Frauen der Hoffnung sein können, die sich bemühen, sie zu leben und auch zu »organisieren«, indem sie sie in die konkreten alltäglichen Situationen übersetzen, in menschliche Beziehungen, in soziales und politisches Engagement; indem sie die Hoffnung auf ein Morgen wecken durch die Linderung des Schmerzes von heute.

Und dies alles, liebe Brüder und Schwes-tern, sollt ihr in Gemeinschaft leben, indem ihr euch als Teil der großen franziskanischen Familie versteht. In dieser Hinsicht erinnere euch an den Wunsch von Franziskus, dass die ganze Familie vereint bleiben möge, sicherlich unter Achtung der Verschiedenheit und der Autonomie der unterschiedlichen Teile und auch jedes Mitglieds. Aber immer in einer gegenseitigen vitalen Gemeinschaft, um gemeinsam von einer Welt zu träumen, in der alle Geschwister sind und sich als solche fühlen, und um uns gemeinsam zu bemühen, sie aufzubauen (vgl. Enzyklika Fratelli tutti, 8): Männer und Frauen, die für Gerechtigkeit kämpfen und sich für eine ganzheitliche Ökologie einsetzen, indem ihr an missionarischen Projekten mitwirkt, Friedensstifter und Zeugen der Seligpreisungen werdet.

So haben wir mit dem Weg der Umkehr begonnen, und dann all diese Vorsätze der Fruchtbarkeit, die aus einem mit dem Herrn vereinten und die Armut liebenden Herzen kommen. Der heilige Franziskus und alle heiligen Männer und Frauen der franziskanischen Familie mögen euch auf eurem Weg begleiten. Der Herr segne euch und die Muttergottes, »die Jungfrau, die Kirche geworden ist«, behüte euch. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 15.11.2021)