· Vatikanstadt ·

Audienz für Mitglieder der Bewegung »Retrouvaille«

Eine Krise als Chance sehen

cq5dam.thumbnail.cropped.500.281.jpeg
19 November 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag und willkommen!

Ich danke Erzbischof Dal Cin und dem Ehepaar für die Worte der Begrüßung und Einführung. Ich freue mich, dass im »Jahr der Familie Amoris laetitia« auch diese Begegnung stattfindet, die den Ehepaaren gewidmet ist, die eine Krise durchmachen, eine ernste Krise in ihrer Beziehung. Das ist sehr wichtig, wir dürfen keine Angst haben vor der Krise. Die Krise hilft uns zu wachsen. Worauf wir achten müssen, das ist, nicht in einen Konflikt zu geraten, denn wenn du in den Konflikt gerätst, dann verschließt du das Herz und es gibt keine Lösung für den Konflikt oder nur sehr schwer. Die Krise dagegen »bringt dich etwas ins Wanken«, lässt dich zuweilen spüren, wie schlimm die Dinge sind, aber aus der Krise kann man herauskommen, unter der Bedingung, dass man besser aus der Krise hervorgeht. Man kann nicht gleich daraus hervorgehen: entweder gehen wir schlechter daraus hervor oder besser. Das ist wichtig. Und aus der Krise kommt man nur schwer alleine heraus, aus einer Krise müssen wir immer alle gemeinsam herauskommen. Das gefällt mir. Keine Angst vor der Krise haben, Angst haben vor dem Konflikt!

Das erste Wort, das ich mit euch teilen möchte, ist genau dieses Wort »Krise«. Über dieses Wort haben wir in dieser Zeit der Pandemie schon häufig nachgedacht (vgl. Ansprache an die Römische Kurie, 21. Dezember 2020). Ich kann mich gut mit eurer Erfahrung identifizieren, die dazu auffordert, die Krise als Chance zu sehen, als schmerzliche Chance zwar, aber als Chance, in diesem Fall als Chance zu einem Qualitätssprung in der Beziehung. Im Apostolischen Schreiben Amoris laetitia gibt es einen Teil, der den Krisen in der Familie gewidmet ist (vgl. 232-238). Und hier möchte ich sofort ein weiteres Wort hinzufügen: Verletzungen. Denn menschliche Krisen verursachen Verletzungen, verursachen Wunden im Herzen und im Fleisch. »Verletzungen« ist ein Schlüsselwort für euch, es gehört zum täglichen Vokabular von »Retrouvaille«. Es ist Teil eurer Geschichte: Denn ihr seid verletzte Ehepaare, ihr seid durch eine Krise gegangen und seid geheilt, und gerade deswegen seid ihr in der Lage, anderen verletzten Ehepaaren zu helfen. Ihr seid in der Krise nicht weggegangen, habt euch nicht entfernt. »Das geht nicht… Ich gehe zurück zu Mama.« Ihr habt die Krise in die Hand genommen und die Lösung gesucht.

Das ist eure Gabe, die Erfahrung, die ihr gemacht habt und die ihr in den Dienst von anderen stellt. Ich danke euch aufrichtig dafür. Es ist eine wertvolle Gabe, sowohl auf persönlicher als auch auf kirchlicher Ebene. Heute braucht es dringend Menschen, Ehepaare, die zu bezeugen wissen, dass die Krise kein Unglück ist, sondern zum Weg dazugehört und eine Chance darstellt. Und auch wir, Priester und Bischöfe, müssen diesen Weg gehen und zeigen, dass die Krise eine Chance ist. Andernfalls werden wir in uns selbst verschlossene Priester oder Bischöfe sein, ohne einen wirklichen Dialog mit anderen Menschen. Im realen Dialog gibt es immer die Krise. Aber um glaubwürdig zu sein, muss man es erlebt haben. Es darf kein theoretischer Diskurs sein, keine »fromme Ermahnung«; das wäre nicht glaubwürdig. Ihr dagegen bringt ein Lebenszeugnis. Ihr wart in der Krise, ihr seid verletzt worden. Gott sei Dank und mit der Hilfe der Brüder und Schwestern seid ihr geheilt worden und habt beschlossen, diese eure Erfahrung mit anderen zu teilen, sie in den Dienst der anderen zu stellen. Ich danke euch dafür, denn das ist eine Geste, die andere Ehepaare wachsen und reifen lässt.

In eurem »Erfahrungsschatz« hat mich die Zusammenstellung zweier biblischer Texte beeindruckt: zum einen der Barmherzige Samariter und zum anderen der auferstandene Jesus, der den Jüngern seine Wundmale zeigt (Lk 10,25-37; Joh 20,19-29). Ich danke euch, denn das hat mir geholfen, die Verbindung besser zu sehen, die zwischen dem Barmherzigen Samariter und dem Auferstandenen besteht; und zu sehen, dass diese Verbindung über die Verletzungen, die Wunden geht. In der Gestalt des Barmherzigen Samariters hat man von Anfang an Jesus erkannt, angefangen bei den Schriften der Kirchenväter. Eure Erfahrung hilft zu erkennen, dass jener Samariter der auferstandene Christus ist, der an seinem verherrlichten Leib die Wundmale trägt und gerade deshalb – wie es der Hebräerbrief ausdrückt (vgl. 5,2) – mitfühlen kann mit diesem verwundeten, am Straßenrand im Stich gelassenen Mann, mit den Wunden von uns allen.

Nach dem Wortpaar »Krise-Verletzungen« möchte ich ein weiteres Wort mit euch teilen, das der »Schlüssel« für die Familienpas-toral ist: begleiten. Es war eines der wichtigsten Worte im synodalen Prozess zur Familie 2014 bis 2015, aus dem das Apostolische Schreiben Amoris laetitia hervorgegangen ist (vgl. 217; 223; 232-246). Begleiten. Das betrifft natürlich die Hirten, es ist Teil ihres Dienstes, aber es betrifft auch die Ehepaare direkt, als Protagonisten einer Gemeinschaft, die »begleitet«. Eure Erfahrung gibt davon ein besonderes Zeugnis. Eine Erfahrung, die »von unten« her entstanden ist, wie das häufig der Fall ist, wenn der Heilige Geist in der Kirche neue Wirklichkeiten ins Leben ruft, die auf neue Bedürfnisse antworten. So war es bei »Retrouvaille«. Angesichts der Realität von vielen Ehepaaren in Schwierigkeiten oder bereits getrennt lebenden Paaren ist die Antwort vor allem: begleiten.

Und da hilft uns ein weiteres biblisches Bild: Jesus mit den Emmausjüngern. Jesus erscheint nicht von oben, aus dem Himmel, um mit Donnerstimme zu sagen: »Ihr zwei, wohin lauft ihr? Geht wieder zurück!« Nein. Er geht den Weg an ihrer Seite, ohne sich zu erkennen zu geben. Er hört ihre Krise an. Er lädt sie ein, zu erzählen, sich auszudrücken. Und dann rüttelt er sie aus ihrer Torheit auf, überrascht sie, indem er ihnen eine andere Perspektive offenbart, die bereits da war, bereits geschrieben war, die sie aber nicht verstanden hatten: Sie hatten nicht verstanden, dass Christus leiden und am Kreuz sterben musste, dass die Krise Teil der Heilsgeschichte ist… Das ist wichtig: Die Krise ist Teil der Heilsgeschichte. Und das menschliche Leben ist kein Leben wie im Labor oder ein unpersönliches Leben unter sterilen Bedingungen… wie in Alkohol eingelegt, damit es keine seltsamen Dinge gibt… Das menschliche Leben ist ein Leben in Krise, ein Leben mit allen Problemen, die jeden Tag auftauchen. Und dann bleibt jener Mann, der Jesus war, jener Weggefährte, zum Essen mit ihnen zusammen, er bleibt bei ihnen: verliert Zeit mit ihnen. Um zu begleiten: Zeit verlieren und nicht ständig auf die Uhr sehen. Begleiten bedeutet »Zeit verlieren«, um den Krisensituationen nahe zu sein. Und häufig ist viel Zeit nötig, es braucht Geduld, Respekt, es braucht Verfügbarkeit… All das ist Begleiten. Und das wisst ihr sehr gut.

Liebe Freunde, ich danke euch für euer Engagement und ermutige euch, es fortzusetzen. Ich vertraue es dem Schutz der Jungfrau Maria und des heiligen Josef an. Ich segne euch alle, eure Familien, und ich bete für die Ehepaare, die ihr begleitet. Und auch ihr, bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke!

(Orig. ital. in O.R. 6.11.2021)