· Vatikanstadt ·

Ansprache von Papst Franziskus beim Angelusgebet am Sonntag, 7. November

Von Herzen und mit Freude geben

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12 November 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Die im Evangelium der heutigen Liturgie beschriebene Szene spielt sich im Inneren des Jerusalemer Tempels ab. Jesus schaut, er schaut sich an, was an diesem Ort, dem heiligsten aller Orte, geschieht, und sieht, dass die Schriftgelehrten es lieben umherzugehen, um bemerkt, gegrüßt, verehrt zu werden und die Ehrenplätze zu bekommen. Und Jesus fügt hinzu: »Sie fressen die Häuser der Witwen auf und verrichten in ihrer Scheinheiligkeit lange Gebete« (Mk 12,40). Gleichzeitig fällt sein Blick auf eine andere Szene: Eine arme Witwe, die gerade zu denen gehört, die von den Mächtigen ausgebeutet werden, wirft »alles, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt« (V. 44) in den Opferkasten des Tempels. So heißt es im Evangelium, sie wirft alles, was sie zum Leben hat, in den Opferkasten. Das Evangelium stellt uns diesen krassen Gegensatz vor Augen: die Reichen, die ihren Überschuss geben, um gesehen zu werden, und eine arme Frau, die ganz diskret das Wenige, das sie hat, opfert. Zwei Symbole menschlicher Verhaltensweisen.

Jesus schaut sich die beiden Szenen an. Und gerade dieses Verb – »schauen« – fasst seine Lehre zusammen: vor denen, die den Glauben mit Doppelmoral, mit zweierlei Maß leben wie die Schriftgelehrten, »müssen wir uns in Acht nehmen«, um nicht wie sie zu werden; auf die Witwe hingegen »müssen wir schauen«, um sie zum Vorbild zu nehmen. Wir wollen darüber nachdenken: sich vor den Heuchlern hüten und auf die arme Witwe schauen.

Vor allem: sich vor den Heuchlern hüten, das heißt achtgeben, sein Leben nicht auf den Kult des Scheins, der Äußerlichkeit, auf die übertriebene Sorge um das eigene Ansehen zu gründen. Und vor allem sollten wir darauf achten, den Glauben nicht unseren eigenen Interessen unterzuordnen. Diese Schriftgelehrten verdeckten mit dem Namen Gottes ihre eigene Prahlerei und, was noch schlimmer ist, sie bedienten sich der Religion, um ihre eigenen Geschäfte zu fördern, sie missbrauchten ihre Autorität und beuteten die Armen aus. Hier sehen wir diese so hässliche Haltung, die wir auch heute noch an vielen Orten sehen, den Klerikalismus, dieses sich über die Demütigen erheben, sie ausbeuten, auf ihnen »herumhacken«, sich vollkommen fühlen. Das ist das Übel des Klerikalismus. Es ist eine Warnung für alle Zeiten und für alle, für die Kirche und für die Gesellschaft: Nütze niemals deine Rolle aus, um andere zu unterdrücken, verdiene niemals auf Kosten der Schwächsten! Und lasst uns wachsam sein, nicht in Eitelkeit zu verfallen, damit es uns nicht passiert, auf den Schein fixiert zu sein, das Wesentliche zu verlieren und oberflächlich zu leben. Fragen wir uns, das wird uns helfen: Wollen wir bei dem, was wir sagen und tun, geschätzt werden und Genugtuung empfinden, oder wollen wir Gott und dem Nächsten, besonders den Schwächsten, einen Dienst erweisen? Hüten wir uns vor den Falschheiten des Herzens, vor der Heuchelei [»Hypokrisie«], die eine gefährliche Krankheit der Seele ist! Es ist ein doppeltes Denken, ein doppeltes Urteilen, wie das Wort selbst sagt: »unter(schwellig) urteilen«, auf eine Weise erscheinen und »hypo«, darunter, unterschwellig, einen anderen Gedanken haben. Doppelheit, Menschen mit doppelter Seele, Doppelzüngigkeit der Seele.

Und um von dieser Krankheit zu genesen, fordert Jesus uns auf, auf die arme Witwe zu schauen. Der Herr prangert die Ausbeutung dieser Frau an, die, um das Opfer zu bringen, sogar ohne das Wenige, das sie zum Leben hat, nach Hause zurückkehren muss. Wie wichtig ist es doch, das Heilige von den Fesseln des Geldes zu befreien! Jesus hatte dies bereits an anderer Stelle gesagt: Man kann nicht zwei Herren dienen. Entweder du dienst Gott – und wir denken, er sagt »oder dem Teufel«, nein – entweder Gott oder dem Geld. Es ist ein »Herr«, und Jesus sagt, dass wir ihm nicht dienen dürfen. Zugleich aber lobt Jesus die Tatsache, dass diese Witwe alles, was sie hat, in den Opferstock wirft. Es bleibt ihr nichts, aber sie findet ihr Ein und Alles in Gott. Sie hat keine Angst, das Wenige, das sie hat, zu verlieren, weil sie auf Gottes Fülle vertraut, und diese Fülle Gottes vervielfacht die Freude des Gebers.

Das erinnert uns auch an jene andere Witwe, die Witwe des Propheten Elija, die mit ihrem letzten Mehl und Öl ein Fladenbrot backen wollte. Elija sagt zu ihr: »Gib mir zu essen«, und sie gibt, und das Mehl wird nie weniger, ein Wunder (vgl. 1 Kön 17,9-16). Der Herr geht angesichts der Großherzigkeit der Menschen immer noch weiter, ist großzügiger. Aber das ist er, nicht unsere Habsucht. Eben deshalb schlägt Jesus diese Frau als Lehrerin des Glaubens vor: Sie geht nicht in den Tempel, um ihr Gewissen zu beruhigen, sie betet nicht, um gesehen zu werden, sie stellt ihren Glauben nicht zur Schau, sondern sie gibt von Herzen, mit Großzügigkeit und Unentgeltlichkeit. Ihre Münzen klingen schöner als die großen Opfergaben der Reichen, denn sie drücken ein Leben aus, das aufrichtig Gott gewidmet ist, einen Glauben, der nicht von Äußerlichkeiten lebt, sondern von bedingungslosem Vertrauen. Wir wollen von ihr lernen: ein Glaube ohne äußeres Drumherum, ohne Blendwerk, sondern mit innerer Aufrichtigkeit; ein Glaube, der aus demütiger Liebe zu Gott und zu unseren Brüdern und Schwestern besteht.

Und nun wenden wir uns an die Jungfrau Maria, die mit demütigem und aufrichtigem Herzen ihr ganzes Leben Gott und seinem Volk dargebracht hat.