· Vatikanstadt ·

Heilige Messe zum Gedenken an die im vergangenen Jahr verstorbenen Kardinäle und Bischöfe

Lernen, auf die Hilfe des Herrn zu vertrauen

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12 November 2021

In der ersten Lesung haben wir die Aufforderung gehört: »Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn« (Klgl 3,26). Diese Haltung steht nicht am Anfang, sondern sie ist das Ziel. Denn der biblische Autor erreicht sie am Ende eines Weges, eines steinigen Weges, der ihn hat reifen lassen. Er
versteht schließlich, wie schön es ist, auf den Herrn zu vertrauen, der seine Verheißungen stets erfüllt. Doch das Vertrauen in Gott
entspringt keineswegs einer momentanen Begeis-terung, es ist keine Gemütsbewegung und auch kein bloßes Gefühl. Im Gegenteil, es entsteht aus der Erfahrung und reift in der Geduld, wie dies bei Hiob der Fall ist, der vom Kennen Gottes nach dem »Hörensagen« zu einer lebendigen, auf Erfahrung gegründeten Kenntnis voranschreitet. Und damit das geschehen kann, ist ein langer, innerer Wandlungsprozess notwendig, der durch den Schmelztiegel des Leidens zur Fähigkeit führt, schweigend auszuharren, das heißt mit vertrauensvoller Geduld, mit ruhigem Herzen. Diese Geduld ist keine Resignation, denn sie ist beseelt von der Erwartung des Herrn, dessen Kommen gewiss ist und nicht enttäuscht.

Liebe Brüder und Schwestern, wie wichtig ist es, die Kunst des Wartens auf den Herrn zu erlernen! Fügsam, vertrauensvoll auf ihn zu warten und Phantasiegebilde, Fanatismus und Aufregung zu verscheuchen, indem man vor allem in Zeiten der Prüfung ein von Hoffnung erfülltes Schweigen zu wahren weiß. Auf diese Weise bereitet man sich auf die letzte und größte Prüfung des Lebens vor: den Tod. Aber vorher sind da die momentanen Prüfungen, da ist das Kreuz, das wir jetzt zu tragen haben und für das wir den Herrn um die Gnade bitten, dort, genau dort auf sein kommendes Heil zu warten.

Für jeden von uns ist es notwendig, darin zu reifen. Angesichts der Probleme und der Schwierigkeiten des Lebens ist es nicht leicht, geduldig und gelassen zu bleiben. Unruhe macht sich breit und oft auch Entmutigung. So kann es geschehen, dass man stark versucht ist, dem Pessimismus und der Resignation nachzugeben, alles Schwarz zu sehen, sich an die mutlosen, klagenden Töne zu gewöhnen, denen des biblischen Autors ähnlich, der zu Beginn sagt: »Dahin ist mein Glanz und mein Vertrauen auf den Herrn« (V. 18). In der Prüfung vermögen nicht einmal die schönen Erinnerungen an die Vergangenheit, Trost zu spenden, denn der Kummer führt den Geist dazu, an die schwierigen Momente zu denken. Und das lässt die Verbitterung noch mehr zunehmen, denn es scheint, als sei das Leben eine ununterbrochene Kette von Unglücken, wie auch der biblische Autor einräumt: »An meine Not und Unrast denken ist Wermut und Gift« (V. 19).

An diesem Punkt jedoch führt der Herr eine Wende herbei, genau in jenem Augenblick, als er den Tiefpunkt zu erreichen scheint, auch wenn er weiterhin mit Ihm spricht. Im Abgrund, in der Qual der Sinnlosigkeit, kommt Gott, um zu retten, genau in jenem Augenblick. Und wenn die Verbitterung ihren Höhepunkt erreicht, erblüht plötzlich die Hoffnung. Es ist schlimm, das Alter zu erreichen mit einem verbitterten Herzen, mit einem enttäuschten Herzen, mit einem Herzen, das alles Neue kritisiert, das ist sehr hart. »Das will ich mir zu Herzen nehmen«, sagt der Beter im Buch der Klagelieder, »darauf darf ich harren« (V. 21). Neue Hoffnung schöpfen im Augenblick der Bitterkeit. Wer sich an den Herrn klammert, sieht, dass Er mitten im Schmerz das Leid öffnet, es in eine Tür verwandelt, durch die die Hoffnung eintritt. Das ist eine österliche Erfahrung, ein schmerzhafter Übergang, der zur Offenheit gegenüber dem Leben führt, eine Art geistiger Geburtswehen, die uns im Dunkel neu ans Licht bringen.

Diese Wende ereignet sich nicht, weil die Probleme verschwunden wären, nein, sondern weil die Krise eine geheimnisvolle Gelegenheit zur inneren Läuterung geworden ist. Denn Wohlergehen macht uns oft blind, oberflächlich, stolz. Das ist der Weg, zu dem uns der Wohlstand führt. Durch eine Prüfung zu gehen, bewirkt dagegen trotz aller Härte und Tränen, dass wir neu geboren werden und anders sind als vorher, wenn dies in der Glut des Glaubens geschieht. Ein Kirchenvater hat geschrieben, dass »nichts uns mehr dazu führt, Neues zu entdecken, als das Leiden« (Hl. Gregor von Nazianz, Ep. 34). Die Prüfung bewirkt Erneuerung, denn sie lässt viele Schlacken von uns abfallen und lehrt uns, weiter zu sehen, über das Dunkel hinaus, und mit Händen zu greifen, dass der Herr wahrhaft rettet und dass er die Macht hat, alles zu verwandeln, sogar den Tod. Er lässt uns durch Engpässe gehen, nicht um uns im Stich zu lassen, sondern um uns zu begleiten. Ja, denn Gott begleitet uns vor allem im Schmerz wie ein Vater, der sein Kind auf gute Weise wachsen lässt, indem er ihm in den Schwierigkeiten nahe ist, ohne an seine Stelle zu treten. Und bevor die Tränen über unser Gesicht fließen, hat die Ergriffenheit bereits die Augen Gottvaters gerötet. Er weint zuerst, erlaube ich mir zu sagen. Das Leid bleibt ein Geheimnis, aber in diesem Geheimnis können wir auf neue Weise die Vaterschaft Gottes entdecken, der in der Prüfung zu uns kommt, und können mit dem Verfasser der Klagelieder sagen: »Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht«
(V. 25).

Vor dem Geheimnis des erlösten Todes stehend, wollen wir heute um die Gnade bitten, das Leid mit anderen Augen zu sehen. Bitten wir um die Kraft, es mit sanftmütigem, vertrauensvollem Schweigen zu leben, das auf die Hilfe des Herrn wartet, ohne zu klagen, ohne zu murren, ohne traurig zu werden. Was eine Strafe zu sein scheint, wird sich als Gnade erweisen, ein neuer Beweis der Liebe Gottes zu uns. Schweigend – ohne Geschwätz, im Schweigen – auf die Hilfe des Herrn zu harren, das ist eine Kunst auf dem Weg der Heiligkeit. Pflegen wir sie. Sie ist kostbar in dieser Zeit, in der wir leben: Mehr als je zuvor ist es heute so, dass Schreien, Krach schlagen, verbittert sein nicht weiterhilft. Notwendig ist vielmehr, dass jeder mit dem Leben den Glauben bezeugt, der fügsame, hoffnungsvolle Erwartung ist. Das ist der Glaube: fügsame, hoffnungsvolle Erwartung. Der Christ spielt die Schwere des Leids nicht herunter, nein, aber er erhebt den Blick zum Herrn und unter den Schlägen der Prüfung vertraut er auf ihn und betet. Er betet, für den, der leidet. Er richtet den Blick auf den Himmel, aber seine Hände sind immer auf die Erde ausgestreckt, um dem Nächsten konkret zu dienen. Auch in den Augenblicken der Traurigkeit, des Dunkels: Dienen.

In diesem Geist beten wir für die Kardinäle und Bischöfe, die im vergangenen Jahr von uns gegangen sind. Einige von ihnen sind an Covid-19 gestorben, unter schwierigen Umständen, die das Leid noch verschlimmert haben. Mögen diese unsere Brüder die Freude über die Aufforderung aus dem Evangelium verkosten, die der Herr an seine treuen Diener richtet: »Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist« (Mt 25,34).

(Orig. ital. in O.R. 4.11.2021)