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Heilige Messe in der Gemelli-Klinik

Leidenschaft für den leidenden Menschen

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12 November 2021

Während wir voller Dankbarkeit an das Geschenk dieser Niederlassung der Katholischen Universität erinnern, möchte ich einige Gedanken über ihren Namen mit euch teilen. Sie trägt den Namen des Heiligen Herzens Jesu, dem dieser Tag, der erste Freitag des Monats, gewidmet ist. Bei der Betrachtung des Herzens Christi können wir uns von drei Worten leiten lassen: Erinnerung, Leidenschaft und Trost.

Erinnerung [ital. »ricordo«]. »Ri-cordare« bedeutet »zum Herzen zurückkehren, mit dem Herzen zurückkehren« [lat. »cor«: Herz]. »Erinnern.« Wohin lässt uns das Herz Jesu zurückkehren? Zu dem, was er für uns getan hat: Das Herz Christi zeigt uns Jesus, der sich hingibt: Es ist der Inbegriff seiner Barmherzigkeit. Wenn wir auf ihn blicken – wie das Johannes im Evangelium tut (19,31-37) –, gedenken wir spontan seiner Güte, die unentgeltlich – man sie weder kaufen noch verkaufen – und bedingungslos ist, die nicht von unseren Werken abhängt, die souverän ist. Und das berührt uns. In der Hektik der heutigen Zeit, inmitten des ganzen Hin und Her und der beständigen Sorgen, sind wir dabei, die Fähigkeit zu verlieren, uns berühren zu lassen und Mitleid zu empfinden, denn uns kommt diese Fähigkeit der »Rückkehr zum Herzen«, der Erinnerung, des Gedenkens abhanden. Die Rückkehr zum Herzen. Ohne Erinnerung verliert man die Wurzeln und ohne Wurzeln wächst man nicht. Es tut uns gut, dem Gedächtnis Nahrung zu geben mit der Erinnerung an diejenigen, die uns geliebt, umsorgt, aufgerichtet haben. Ich möchte heute erneut »Danke« sagen für die Pflege und die Zuneigung, die ich hier empfangen habe. Ich denke, dass es uns in dieser Pandemie gut tut, auch an die leidvollsten Zeiten zu denken: nicht um traurig zu werden, sondern um nicht zu vergessen und um uns bei unseren Entscheidungen vom Licht der jüngsten Vergangenheit leiten zu lassen.

Ich frage mich: Wie funktioniert unser Gedächtnis? Vereinfacht ausgedrückt könnten wir sagen, dass wir uns an jemanden oder etwas erinnern, wenn es unser Herz berührt hat, wenn dies mit einer besonderen Zuneigung oder fehlender Zuneigung verbunden ist. Nun, das Herz Jesu heilt unsere Erinnerung, weil es sie zur ursprünglichen Liebe zurückführt. Es verwurzelt sie im solidesten Grund. Es erinnert uns daran, dass wir geliebt sind, was auch immer uns im Leben zustoßen mag. Ja, wir sind geliebte Wesen, Kinder, die der Vater immer und trotz allem liebt, Brüder und Schwestern, für die das Herz Christi schlägt. Jedes Mal, wenn wir nachdenklich dieses Herz betrachten, entdecken wir, dass wir »in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet« sind, wie der Apostel Paulus in der heutigen ersten Lesung gesagt hat (Eph 3,17).

Pflegen wir dieses Erinnern, das gestärkt wird, wenn wir dem Herrn von Angesicht zu Angesicht begegnen, vor allem wenn wir uns von ihm in der Anbetung anschauen lassen. Aber wir können die Kunst des Erinnerns auch unter uns pflegen, indem wir uns die Gesichter merken, denen wir begegnen. Ich denke an anstrengende Tage im Krankenhaus, an der Universität, bei der Arbeit. Wir laufen Gefahr, dass alles vorbeigeht, ohne eine Spur zu hinterlassen, oder dass nur große Erschöpfung und Müdigkeit zurückbleiben. Es tut uns gut, am Abend die Gesichter Revue passieren zu lassen, denen wir begegnet sind, das empfangene Lächeln, die guten Worte. Es sind Erinnerungen an die Liebe und sie helfen unserem Gedächtnis, sich selbst wiederzufinden: damit unser Gedächtnis sich selbst wiederfindet. Wie wichtig sind diese Erinnerungen in den Krankenhäusern! Sie können dem Tag eines Kranken Sinn geben. Ein brüderliches Wort, ein Lächeln, eine Liebkosung des Gesichts: Das sind Erinnerungen, die innerlich gesund machen, die dem Herzen gut tun. Vergessen wir nicht die Therapie der Erinnerung: Sie tut so gut!

Leidenschaft ist das zweite Wort. Leidenschaft. Das erste ist Erinnerung; das zweite ist Leidenschaft. Das Herz Christi ist keine fromme Andacht, um im eigenen Inneren ein wenig Wärme zu spüren; es ist kein zartes Bildchen, um Zuneigung zu wecken. Nein, nein, das ist es nicht. Es ist ein leidenschaftliches Herz – es reicht, das Evangelium zu lesen –, ein von der Liebe verletztes Herz, am Kreuz für uns durchbohrt. Wir haben gehört, wie das Evangelium davon spricht: »Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite und sogleich floss Blut und Wasser heraus« (Joh 19,34). Durchbohrt, schenkt es; tot, gibt es uns Leben. Das Heiligste Herz ist das Symbol der Leidenschaft: Es offenbart uns die erbarmende Zärtlichkeit Gottes, seine liebevolle Leidenschaft für uns und zeigt uns zugleich, vom Kreuz bekrönt und mit Dornen umgeben, wie viel Leid unser Heil gekostet hat. In Zärtlichkeit und Schmerz enthüllt jenes göttliche Herz, was die Leidenschaft Gottes ist. Was ist es? Es ist der Mensch, wir. Und was ist der Stil Gottes? Nähe, Mitleid und Zärtlichkeit. Das ist der Stil Gottes: Nähe, Mitleid und Zärtlichkeit.

Was bedeutet das? Dass wir Leidenschaft für den Menschen haben müssen, wenn wir Gott wirklich lieben wollen, für jeden Menschen, vor allem für den, der die Situation erlebt, in der sich das Herz Jesu offenbart hat: das heißt in Schmerz, Verlassenheit, Ausgrenzung, vor allem in dieser Wegwerfkultur, die wir heute erleben. Wenn wir den Leidenden dienen, trösten und erfreuen wir das Herz Christi. Die Stelle aus dem Evangelium ist beeindruckend. Gerade in jenem Augenblick, als der Evangelist Johannes von der durchbohrten Seite, aus der Blut und Wasser strömen, berichtet, gibt er Zeugnis, damit wir glauben (vgl. V. 35). Der heilige Johannes betont also, dass in jenem Augenblick das Zeugnis geschieht. Denn das durchbohrte Herz Gottes spricht Bände. Es spricht ohne Worte, weil es Barmherzigkeit in reinster Form ist, Liebe, die verletzt wird und Leben schenkt. Es ist Gott, mit der Nähe, dem Mitleid und der Zärtlichkeit. Wie viel reden wir über Gott, ohne dass die Liebe durchscheint! Aber die Liebe spricht für sich, sie spricht nicht über sich. Bitten wir um die Gnade, dass wir Leidenschaft haben für den leidenden Menschen, Leidenschaft haben für das Dienen, weil die Kirche, noch bevor sie Worte zu sagen hat, ein Herz hütet, das aus Liebe schlägt. Dass sie lernt, das Herz in der Liebe zu bewahren, noch bevor sie etwas sagt.

Das dritte Wort ist Trost. Das erste Wort war Erinnerung, das zweite Leidenschaft, das dritte ist Trost. Es verweist auf eine Kraft, die nicht von uns kommt – Trost –, sondern von dem, der bei uns ist: von dort kommt die Kraft. Das heißt Jesus, der Gott-mit-uns, gibt uns diese Kraft, sein Herz gibt uns Mut in der Not. So viele Unsicherheiten machen uns Angst: In dieser Zeit der Pandemie haben wir uns als kleiner, als verwundbarer erlebt. Trotz so vieler großartiger Fortschritte sieht man dies auch im Bereich der Medizin: wie viele seltene und unbekannte Krankheiten… Wenn ich in den Audienzen Menschen begegne, vor allem Jungen, Mäd-chen, und ich frage: »Aber ist es krank…?« – »Eine seltene Krankheit.« Wie viele gibt es heute! Wie viel Mühe kostet es, dranzubleiben an den Pathologien, den Pflegeeinrichtungen, einem Gesundheitswesen, das wirklich so ist, wie es sein soll, für alle. Dafür brauchen wir Trost – das dritte Wort. Das Herz Jesu schlägt für uns, immer im Rhythmus dieser Worte: »Nur Mut, Mut, keine Angst, ich bin hier!« Nur Mut, Schwester; nur Mut, Bruder! Verzage nicht, der Herr, dein Gott, ist größer als deine Leiden. Er nimmt dich an der Hand und liebkost dich, er ist dir nahe, er ist mitleidsvoll, er ist zärtlich. Er ist dein Trost.

Wenn wir ausgehend von der Größe seines Herzens auf die Wirklichkeit blicken, dann verändert sich die Perspektive, es ver-ändert sich unsere Kenntnis vom Leben, weil wir »die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt« (Eph 3,19), wie uns der heilig Paulus gesagt hat. Lassen wir uns von dieser Gewissheit, vom Trost Gottes ermutigen. Und bitten wir das Heiligste Herz um die Gnade, unsererseits fähig zu sein, andere zu trösten. Es ist eine Gnade, um die wir bitten müssen, während wir uns mutig dafür einsetzen, offen zu sein, einander zu helfen, einander die Lasten zu tragen. Das gilt auch für die Zukunft des Gesundheitswesens, insbesondere des »katholischen« Gesundheitswesens: teilen, einander unterstützen, gemeinsam vorangehen.

Jesus möge die Herzen derer, die sich um die Kranken kümmern, für die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt öffnen. Deinem Herzen, Herr, vertrauen wir die Berufung zur Fürsorge an: Lass uns liebevoll sein zu allen Menschen, die in ihrer Not zu uns kommen. Amen.

(Orig. ital. in O.R. 5.11.2021)