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Die Risiken des »homo viator«, an die der Papst in seiner Predigt am 2. November auf dem französischen Soldatenfriedhof erinnert hat

Der Weg: weder ein Spaziergang noch ein Labyrinth

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05 November 2021

In der kurzen und eindringlichen Predigt, die er am 2. November zu Allerseelen auf dem französischen Militärfriedhof in Rom frei gehalten hat, hat der Papst daran erinnert, dass das Leben von uns Menschen ein Weg sei, und ein Weg »ist kein Spaziergang« und auch »kein Labyrinth«; und folglich sei es wichtig, dass »der letzte Schritt uns beim Gehen ereilt, nicht beim Schlendern bei einem Spaziergang; auf dem Weg des Lebens und nicht in einem Endlos-Labyrinth […]; der letzte Schritt möge uns ereilen, während wir gehen«.

Es ist auffallend, mit wie viel Nachdruck der Heilige Vater seine Unterscheidung zwischen Gesten vorgenommen hat, die sich im Grunde genommen sehr ähnlich sind: Rein physisch gesehen führen diejenigen, die gehen, diejenigen, die sich damit vergnügen, spazieren zu gehen und diejenigen, die durch ein Labyrinth irren, dieselbe Handlung aus. Trotzdem ist der Unterschied zwischen den drei Dimensionen abgrundtief, er ist der Unterschied zwischen Leben und Tod. Die beiden Dimensionen des Spaziergangs und des Labyrinths sind einander allem Anschein nach diametral entgegengesetzt: die erste ist immer froh und heiter, sonnig (selbst wenn es regnet), während die zweite trübe und beängstigend ist. Aber alle beide sind tödlich für den Menschen, der dagegen immer ein homo viator ist: ein Wanderer, ein Pilger auf der Reise des Lebens, das stets ein Ende und ein Ziel hat, ein Endziel, einen Bestimmungsort, etwas, das sich sowohl dem Spaziergänger als auch dem entzieht, der sich in einem unentwirrbaren Mäander verirrt hat. Die Hervorhebung des Papstes sagt etwas aus über den Zustand des zeitgenössischen Menschen, der die Fähigkeit zu gehen verloren zu haben scheint und zwischen den beiden gegensätzlichen Extremen des Spaziergangs und des Labyrinths schwankt, beides Bilder einer glücklichen oder dunklen Verzweiflung. Das ruft die Bemerkung des Regisseurs Francis Ford Coppola in Erinnerung, der vor einiger Zeit, um die Entwicklung des amerikanischen Kinos in den letzten Jahren zu kritisieren, gesagt hat, dass diese Filme zumeist »auf Viagra oder Valium basieren«. Die zwanghafte Erregung und die erzwungene Benommenheit sind zwei Seiten ein und derselben Verzweiflung, gerade so, wie der Spaziergang letztendlich oft dem Labyrinth ähnelt. Der französische Schriftsteller André Gide hatte diese Tatsache genau erkannt, als er den Theseus-Mythos aufgriff und sich vorstellte, dass das berühmte Labyrinth keine monströse Höhle sei, aus der man nicht entkommen kann, sondern ein Palast voller Vergnügungen, den man nicht mehr verlassen will: Der zeitgenössische Mensch lebt in seinen Labyrinthen, die er schließlich ausschmückt und so bequem wie möglich macht, wo er sich endgültig betäuben, sättigen und ablenken kann. Der Spaziergang als Schwester des Labyrinths.

Weder die List des Odysseus noch das Genie des Dädalus können uns aus dieser Zwickmühle heraushelfen, zwischen Skylla und Charybdis erdrückt zu werden; die Illusion, dem Labyrinth des Lebens mit den eigenen geistigen oder technischen Fähigkeiten zu entkommen, führt nur zur Sünde des Ikarus, dem Hochmut. Vielleicht liegt mehr Weisheit in dem paradoxen Rätsel des deutschen Schriftstellers Michael Ende: »Ein Mensch ist in einem Labyrinth eingesperrt, um glücklich zu sein, muss er es verlassen, aber um es zu verlassen, muss er glücklich sein.« Es bedarf also einer radikalen, ursprünglichen Freude, die uns jedoch zuerst und unabhängig von uns, von unserem Willen und unseren Verdiensten erreicht, die uns vorausgeht und uns wie ein lebendiger Wind durchdringt und uns so Schritt für Schritt bis hin zum allerletzten auf unserem Weg in Bewegung setzt.

Von Andrea Monda