· Vatikanstadt ·

Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 3. November

Der Gnade Gottes Raum geben

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12 November 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

In dem Abschnitt des Briefes an die Galater, den wir soeben vernommen haben, ermahnt der heilige Paulus die Christen, im Heiligen Geist zu wandeln (vgl. 5,16.25). Es gibt einen Stil: im Heiligen Geist wandeln. Denn an Jesus zu glauben bedeutet, ihm nachzufolgen, ihm zu folgen auf seinem Weg, wie es die ersten Jünger getan haben. Und gleichzeitig bedeutet es, den entgegengesetzten Weg zu vermeiden, den Weg des Egoismus, der Suche nach dem eigenen Interesse, den der Apostel als »Begehren des Fleisches« bezeichnet (V. 16). Der Geist ist der Führer bei diesem Wandeln auf dem Weg Christi: ein herrlicher, aber auch mühsamer Weg, der mit der Taufe beginnt und das ganze Leben lang andauert. Denken wir an eine lange Wanderung im Hochgebirge: Sie ist faszinierend, das Ziel zieht uns an, aber sie verlangt viel Mühe und Beharrlichkeit.

Vom Geist geführt

Dieses Bild kann uns nützlich sein, um in den Kern der Worte des Apostels vorzudringen: »im Geist wandeln«, »sich führen lassen« von ihm. Diese Ausdrücke verweisen auf ein Handeln, eine Bewegung, eine Dynamik, die es verhindert, bei den ersten Schwierigkeiten haltzumachen, und uns vielmehr anspornt, auf die »Kraft, die aus der Höhe kommt« (Hirte des Hermas, 43,21) zu vertrauen. Wenn er diesen Weg geht, bekommt der Christ eine positive Sichtweise des Lebens. Das bedeutet nicht, dass das in der Welt vorhandene Übel gleichsam verschwunden sei oder dass die negativen Impulse des Egoismus oder des Stolzes weniger werden. Es heißt vielmehr zu glauben, dass Gott immer stärker ist als unsere Widerstände und größer als unsere Sünden. Und das ist wichtig!

Während er die Galater ermahnt, diesen Weg zu beschreiten, stellt sich der Apostel auf ihre Ebene. Er gibt das Verb im Imperativ – »wandelt« (V. 16) – auf und gebraucht das »Wir« im Indikativ: »lasst uns […] im Geist wandeln« (V. 25). Es ist als wollte er sagen: Stellen wir uns auf eine Linie, und lassen wir uns vom Heiligen Geist führen. Es ist eine Ermahnung, ein Ermahnungsmodus. Der heilige Paulus spürt, dass diese Ermahnung auch für ihn selbst notwendig ist. Auch wenn er weiß, dass Christus in ihm lebt (vgl. 2,20), ist er dennoch überzeugt, dass er das Ziel, den Gipfel des Berges, noch nicht erreicht hat (vgl. Phil 3,12). Der Apostel stellt sich nicht über seine Gemeinschaft, er sagt nicht: »Ich bin das Haupt, ihr seid die anderen; ich bin auf dem Gipfel des Berges angekommen, und ihr seid auf dem Weg« – das sagt er nicht –, sondern er stellt sich mitten auf den Weg aller Menschen, um konkret und beispielhaft zu zeigen, wie notwendig es ist, Gott zu gehorchen und der Führung des Heiligen Geis-tes immer mehr und immer besser zu entsprechen. Und wie schön, wenn wir Hirten finden, die mit ihrem Volk unterwegs sind und die sich nicht von ihm loslösen. Das ist sehr schön; es tut der Seele gut.

Dieses »Wandeln im Geist« ist nicht nur ein individuelles Handeln: Es betrifft auch die Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit. Die Gemeinschaft aufzubauen, indem man dem vom Apostel gewiesenen Weg folgt, ist in der Tat begeisternd, aber anspruchsvoll. Das »Begehren des Fleisches«, »die Versuchungen« – um es so zu sagen –, die wir alle haben, also Neid, Vorurteile, Heuchelei, Groll sind weiterhin spürbar, und der Rückgriff auf eine von Vorschriften geprägte Rigidität kann eine leichte Versuchung sein, aber dadurch würde man den Pfad der Freiheit verlassen und statt auf den Gipfel zu steigen ins Tal zurückkehren. Um den Weg des Geistes zu beschreiten, muss man in erster Linie der Gnade und der Liebe Raum geben. Der Gnade Gottes Raum schaffen und keine Angst haben. Nachdem Paulus mit strengen Worten zu den Galatern gesprochen hat, lädt er einen jeden von ihnen ein, die Schwierigkeiten des anderen auf sich zu nehmen und, wenn jemand eine Verfehlung begangen haben sollte, Sanftmut zu gebrauchen (vgl. 5,22). Hören wir seine Worte: »Brüder und Schwes-tern, wenn ein Mensch sich zu einer Verfehlung hinreißen lässt, so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanftmut zurechtweisen. Doch gib Acht, dass du nicht selbst in Versuchung gerätst! Einer trage des anderen Last« (6,1-2). Eine ganz andere Haltung als das Geschwätz; nein, das entspricht nicht dem Heiligen Geist. Dem Heiligen Geist entspricht es, diese Freundlichkeit gegenüber dem Bruder zu haben, indem man ihn zurechtweist, und mit Demut über uns selbst zu wachen, um nicht selbst in jene Sünden zu geraten.

Denn wenn wir versucht sind, über die anderen schlecht zu urteilen, wie es oft geschieht, dann müssen wir vor allem über unsere Schwäche nachdenken. Wir leicht ist es, die anderen zu kritisieren! Es scheint jedoch Menschen zu geben, die einen Doktortitel in Geschwätz haben. Jeden Tag kritisieren sie die anderen. Aber schau dich doch selbst an! Es ist gut, uns zu fragen, was uns dazu drängt, einen Bruder oder eine Schwester zurechtzuweisen, und ob wir nicht irgendwie mitverantwortlich sind für seinen Fehler.

Sanftmut und Geduld

Der Heilige Geist schenkt uns nicht nur die Sanftmut, sondern er lädt uns ein zur Solidarität, die Last der anderen zu tragen. Wie viel Last gibt es im Leben eines Menschen: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Schmerz…! Und wie viele weitere Prüfungen, die die Nähe und die Liebe der Brüder und Schwestern verlangen! Uns können auch die Worte des heiligen Augustinus helfen, der denselben Abschnitt so kommentiert: »Meine Brüder, wenn jemand bei einer Schuld ertappt wird, […] weist ihn auf diese Weise zurecht, mit Sanftmut. Und wenn du die Stimme erhebst, so liebe in deinem Innern. Ob du ermutigst, ob du dich väterlich zeigst, ob du tadelst, ob du streng bist: liebe!« (Sermo 163/B 3). Liebe immer. Die oberste Regel der geschwisterlichen Zurechtweisung ist die Liebe: das Wohl unserer Brüder und unserer Schwestern wollen. Es geht darum, die Probleme der anderen, die Verfehlungen der anderen stillschweigend im Gebet zu ertragen, um dann den richtigen Weg zu finden, ihm zu helfen, sich selbst zu verbessern. Und das ist nicht einfach. Der einfachere Weg ist das Geschwätz. »Kein gutes Haar am anderen zu lassen«, so als sei ich selbst vollkommen. Aber genau das darf man nicht tun. Sanftmut. Geduld. Gebet. Nähe.

Wandeln wir mit Freude und mit Geduld auf diesem Weg und lassen wir uns vom Heiligen Geist führen.

(Orig. ital. in O.R. 3.11.2021)