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Geheimnisse der Vatikanischen Museen

Auf Augenhöhe mit der Schönheit

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12 November 2021

Papst Paul III. schuf im 16. Jahrhundert das Amt des »Mundators« – von lateinisch »mundare«, reinigen, säubern, pflegen. Dieser »Reiniger« sollte dafür sorgen, dass die Kunstwerke der Sixtinischen Kapelle nicht dem Zahn der Zeit zum Opfer fielen. Eine Aufgabe, die die Restauratoren der Vatikanischen Museen noch heute sehr ernst nehmen.

Ein Jahr, nachdem Michelangelo sein »Jüngstes Gericht« vollendet hatte, beschloss Papst Paul III. – mit weltlichem Namen Alessandro Farnese –, dass dieses unnachahmliche Meisterwerk gemalter Theologie in regelmäßigen Abständen abgestaubt werden müsse, um seine Pracht zu erhalten. Die Aufgabe, die Wände mit aller Sorgfalt von Staub und Rauch zu befreien – »a pulveribus et aliis imuniditiis prefatis mundare ed a mundatis tenere omni cum diligentia« –, fiel Francesco Amadori zu, der Michelangelo schon in der Sixtinischen Kapelle als Assistent zur Seite gestanden hatte. Und das sollte lange so bleiben: Auch in den folgenden Jahrhunderten wurden die bemalten Oberflächen der Sixtinischen Kapelle in regelmäßigen Abständen mit angefeuchteten Brotkrumen oder Schwämmen gereinigt, die man zuvor mit griechischem Wein getränkt hatte.

Unermessliches
Erbe

Die Figur des »Mundator«, der für die Instandhaltung der Gemälde in der Sixtinischen Kapelle, der angrenzenden »Cappella Paolina« und der »Sala Regia« verantwortlich war, hatte Paul III. mit Motu proprio des Jahres 1543 eingeführt. Und das zeigt, wie sehr die Kirche, und insbesondere die Vatikanischen Museen, darauf bedacht sind, das unschätzbare Erbe an Kultur, Geschichte, Schönheit und Glauben, das die Päpste im Laufe der Jahrhunderte angehäuft haben, zu bewahren und mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Anfang des 20. Jahrhunderts war es mit der regelmäßigen Wartung dann aber erst einmal vorbei. Erst als 1923 das Labor für Gemälderestaurierung gegründet wurde, war die Frage der präventiven Konservierung und regelmäßiger Entstaubungskampagnen, die alle Gemälde der vatikanischen Sammlungen betrafen, wieder ein Thema. Die Aufgaben des einstigen »Mundators« fallen heute dem »Büro des Konservators« zu: 2008 auf Wunsch des damaligen Direktors der Vatikanischen Museen, Antonio Paolucci, gegründet, ist es für die systematische Überwachung der umweltklimatischen Bedingungen der Ausstellungsräume und die Wartung der ausgestellten oder eingelagerten Werke zuständig.

Seit 2010 führen die Vatikanischen Museen jedes Jahr von Mitte Januar bis Mitte Februar ein Inspektionsprogramm aller Gemälde und Installationen in der Sixtinischen Kapelle durch. Wenn die Besucher um 18 Uhr die Museumsräume verlassen, sind technische und wissenschaftliche Teams bis 23.00 Uhr mit Kontrollen beschäftigt. Dank mobiler Plattformen mit mechanischem Arm, die man »Spinnen« nennt, können die Experten den Figuren in Michelangelos Meisterwerk in mehr als 20 Metern Höhe sozusagen direkt »in die Augen blicken«.

Systematische
Überwachung

Um eine systematische Überwachung kommt man nicht herum: Wie es einst schon der »Mundator« getan hat, entfernen auch die vatikanischen Restauratoren unserer Zeit zunächst die Staubpartikel, die die Wand-oberfläche beschädigen könnten. Anschließend kontrollieren sie die Farbschicht – den Putz – auf eventuelle Ablösungen oder Salze, die dann mit Japanpapier und destilliertem Wasser, das mit einer Bürste aufgetragen wird, entfernt werden.

Dank der »Spinne«, die die Restauratoren auf »Augenhöhe« mit den Gewölbefresken bringt, kann auch das ordnungsgemäße Funktionieren der dreißig Sensoren an den Gesimsen überprüft werden, die die Klimawerte in der Sixtinischen Kapelle überwachen. Da – wie die Leiterin der Konservierungsarbeiten, Vittoria Cimino, betont – »eine Restaurierung nie ein schmerzloser Eingriff in das Gleichgewicht eines Kunstwerks ist und nur dann durchgeführt werden darf, wenn es unbedingt notwendig ist«, setzen die Museen heute zusehends auf präventive Restaurierung und regelmäßige Instandhaltung.

Konservieren bedeute, das künstlerische Erbe ohne physische Eingriffe in gutem Zustand zu erhalten, erklärt Cimino. Und dafür sei es unerlässlich, dem Umfeld, in dem die Werke aufbewahrt und ausgestellt werden, größte Aufmerksamkeit zu schenken – und zwar nicht nur gelegentlich, sondern kontinuierlich. »Über 6 Millionen Besucher überschreiten jedes Jahr die Schwelle der Sixtinischen Kapelle. Und diese Besucher produzieren Kohlendioxid, Wasserdampf, Feuchtigkeit und Wärme – alles Faktoren, die den Kunstwerken schaden, die nur dann gut erhalten bleiben, wenn sie immer den gleichen Raumbedingungen ausgesetzt sind. Die Untersuchung der klimatischen Veränderungen und der Temperatur im Laufe der Tage und Jahreszeiten ist daher von grundlegender Bedeutung.«

Synoptisches
Sensorennetz

Die Sensoren zeichnen jede Veränderung der Parameter in den zehntausend Kubikmetern Luft in der »Cappella Magna« auf, so dass ein von Wärmebildkameras abgeleiteter Algorithmus die Anzahl der Personen bestimmen kann, die zu verschiedenen Tageszeiten dort anwesend sind. Und dabei wird nicht nur Schwebestaub gemessen, sondern auch die Luftgeschwindigkeit, der Luftdruck und vieles mehr. Dieses synoptische Sensorennetz kann von den Mitarbeitern des Konservators jederzeit auch aus der Ferne abgefragt werden.

Der Nutzen und die Notwendigkeit eines interdisziplinären Dialogs, der sowohl dem geisteswissenschaftlichen als auch dem naturwissenschaftlichen Aspekt Rechnung trägt, wurde in den letzten Jahren anhand der Entwicklung des neuen LED-Beleuchtungssystems in der Sixtinischen Kapelle deutlich: Die Anpassung an das Spektrum des natürlichen Lichts hat eine neue Interpretation der Fresken ermöglicht und die von Michelangelo ursprünglich aufgetragenen Farben in ihrer ganzen Pracht zutage treten lassen.

Die Farben, deren einstiger Glanz von den Restauratoren der 1930er-Jahre noch wie unter einem Nebelschleier wahrgenommen wurde, erstrahlten bei den Arbeiten in den 1990er-Jahren wieder in alter Pracht: »Diese Restaurierung«, erinnert sich die Restauratorin Francesca Persegati, »hat unsere Sicht auf Michelangelo verändert. Er war nun nicht länger der düstere, stets mürrische Künstler, sondern ein Maler in heiteren, strahlenden Farben, der sogar für die Darstellung der Schatten die Farben nicht mit Weiß oder Schwarz mischte, sondern andere Farbtöne verwendete. Noch heute kann man an einigen, nicht restaurierten Teilen des Freskos die alte dunkle Patina erkennen, die sich im Laufe der Jahrhunderte auf der bemalten Oberfläche abgelagert hat. Denn auch die Geschichte eines Meisterwerks hat eine Bedeutung, die bewahrt und weitergegeben werden muss.

Von Paolo Ondarza und Silvia Kritzenberger