· Vatikanstadt ·

Zur Einleitung

Theklas Frevel

cq5dam.thumbnail.cropped.500.281.jpeg
06 November 2021

Ein Fall von geschlechtsspezifischer Gewalt im ersten Jahrhundert
 

»Frevel! Frevel!«, so schreien die Frauen der Stadt Antiochia, die dem Martyrium der Thekla, einer Schülerin des (heiligen) Paulus von Tarsus, beiwohnen. Es ist einer der entscheidenden Augenblicke im Leben einer heute fast unbekannten Heiligen, die aber mindestens bis ins 4. Jahrhundert hinein sehr verehrt wurde. Alle Informationen, die zu ihr vorliegen, stammen aus einem apokryphen Text vom Ende des 2. Jahrhunderts, der von einer aus Ikonium in Kleinasien stammenden jungen Frau berichtet, die von Paulus bekehrt wurde und ihren Verlobten und ihre Familie verließ, um ihn auf seinen Reisen zu begleiten. In der Nachfolge des Apostels wurde sie zweimal zum Tod verurteilt – einmal zum Tod auf dem Scheiterhaufen und das andere Mal zum Tod durch wilde Tiere – und beide Male überlebte sie auf wundersame Art. Am Ende taufte sie sich selbst im Becken der Robben, die sie hätten töten sollten, und von dem Augenblick an begann sie höchstpersönlich, das Evangelium zu verkündigen. Ihr Tod, der erst in hohem Alter erfolgte, ist in das Mysterium der unterschiedlichen Varianten des apokryphen Textes gehüllt.

Thekla hat also eine tollkühne Geschichte, die im Laufe der Jahrhunderte Misstrauen, Verwunderung und mitunter auch Skandal erregt hat. In jenem Augenblick, in dem die Frauen von Antiochia »Frevel!« schreien, hatte man sie soeben in ihre zweite Arena eintreten lassen, wo Löwinnen, Bären, Stiere und Robben auf sie warteten. Das Urteil war von einem gewissen Alexander gefällt worden, der sich die Mühe gemacht hatte, den Grund des Urteils auf eine Tafel schreiben zu lassen: »Des Frevels schuldig«. Will man ihre Schuld diesem einzigen Indiz entnehmen, so könnte sie sich etwa geweigert haben, Jesus Christus zu verleugnen oder vor dem [Bild des] römischen Kaiser[s] niederzuknien. Statt dessen wissen wir aus dem Bericht, dass sie gerade Alexander in aller Öffentlichkeit abgewiesen und bloßgestellt hatte, der versucht hatte, sie auf der Straße zu umarmen. Kurz und bündig, sie hatte sich schuldig gemacht, seine Avancen abgewiesen zu haben, aber es bleibt unklar, weshalb diese Geste einem Frevel bzw. einem Sakrileg gleichgestellt wird. Vermutlich war der Mann, der sie belästigte, ein Hohepriester von Syrien: ihm in seiner Eigenschaft als religiöse Autorität nicht zu gehorchen, stellte eine Beleidigung der Gottheit dar. Aber vielleicht haben wir es hier auch mit einem Verstoß gegen die Sozialordnung zu tun, die zum Schutz aller festgelegt worden war und die Beziehungen zwischen Männern und Frauen regelte. In einer Gesellschaft, in der die Männer die Frauen bevormunden, stellt eine Frau, die einen Mann zurückweist, nicht nur ihn persönlich in Frage, sondern ein ganzes Werte- und Kultursystem, das so wertvoll ist, dass es heilig wird. Es ist ein gefährliches, frevelhaftes Verhalten. Und doch sind die schreienden Frauen auf den Tribünen der Arena von Antiochia die einzigen, die erkennen, dass hier ein Missverständnis vorliegt: Vielleicht ist Thekla gar keine Gotteslästerin, sondern das Opfer einer Profanierung, und ihre Hinrichtung ist nicht nur ein einfaches Unrecht, sondern eine wahre Blasphemie gegen das Heilige, das sie hütet. Was ist heilig in ihr, das die Rolle von Opfer und Täter verkehrt?

Thekla und Paulus sind Fremde in Antichia, insofern ist das erste heilige Band, das Alexander missachtet, jenes der Gastfreundschaft: die Fremde schuldet ihm nichts, er war derjenige, der sie hätte freundlich willkommen heißen sollen. Vor allem aber handelt es sich in seinem Fall um eine regelrechte sexuelle Belästigung, die mithilfe der Terminologie für eine Profanierung dargestellt wird und eine gewisse Heiligkeit des weiblichen Körpers suggeriert. An Heilige aus jüngerer Zeit gewöhnt, deren Geschichten ähnliche Züge aufweisen (eine zurückgewiesene sexuelle Avance, über das Opfer gemachte Andeutungen oder Unterstellungen, die Einsicht, dass Gewalt ein Sakrileg ist), setzen westliche Christen Theklas Jungfräulichkeit mühelos als Selbstverständlichkeit voraus. In der Tat ist sie das auch, aber die Frage geht weit über die moralische Reinheit oder die physische Unberührtheit hinaus. Im Kleinasien des 1./2. Jahrhunderts steht »Jungfrau« vor allem für »ledig«, also ein Zustand, der in keines der vorhergesehenen Raster passt. Wie bereits erwähnt, hat Thekla eine arrangierte Verlobung platzen lassen, um Paulus zu folgen, und hat sich trotz des zu erwartenden Klatsches seinen Reisen angeschlossen. Bei ihr sind Jungfräulichkeit und Waghalsigkeit eng miteinander verbunden. Man braucht sich also nicht zu wundern, dass sie, als Alexander sie in aller Öffentlichkeit umarmt, schreit, ihm den Mantel abreißt und ihm die Krone vom Kopf fegt. Alexander ist verärgert: wie es die Sitten der Zeit verlangten, hatte er Paulus bereits um die Erlaubnis gebeten, sie zu sich nehmen zu dürfen, und Paulus hatte ihm geantwortet: »Ich kenne sie nicht, sie gehört nicht mir.« Das hatte er für eine Erlaubnis gehalten:  Wenn diese junge Frau nicht zu Paulus gehörte, dann war sie frei. Aber die Aussage »Sie gehört nicht mir« sagt vom Standpunkt des Glaubens aus sehr viel mehr: Thekla »gehört« nicht ihm (Paulus), da sie Christus angehört, und er kann nicht umhin, ihre volle Würde, Autonomie und Stärke anzuerkennen. Diese junge Frau handelt unter dem Antrieb der Freiheit, die ihr der Herr geschenkt hat, und genau da findet sich das Feuer ihrer Heiligkeit. Alexander hat  gegen seinen Willen richtig verstanden: Thekla ist frei. So vollkommen frei, dass sie sogar gegen die gegen die Erwartungen der Gesellschaft verstößt.

Theklas Leben dient nicht der Verteidigung von irgendetwas, noch nicht einmal der einer gewissen physischen oder moralischen Unschuld. Vielmehr schreitet ihre Geschichte mit Skandalen, mutigen Entscheidungen und Risiken voran. Es war bereits davon die Rede: sie ging sogar so weit, sich selbst zu taufen. Wenn es bei Thekla also etwas Heiliges zu hüten und bewahren gilt, so handelt es sich dabei um etwas, das sie vor aller Gewalt schützt, und zwar handelt es sich dabei nicht um physische Schwäche oder den jungfräulichen Leib, sondern um das Statut der Freiheit, das für die christlichen Gemeinschaften immer eine Gabe des Heiligen Geistes und Zeichen der Würde ist, Menschen, Frauen und Männer zu sein. »Frevel! Frevel!«, wenn die Freiheit bedroht und zunichte gemacht wird.

Von Alice Bianchi
Doktorandin in Fundamentaltheologie, Mitglied von »Coordinamento Teologhe Italiane«