· Vatikanstadt ·

Zur Einleitung

Mächtig aber einsam

cq5dam.thumbnail.cropped.500.281.jpeg
06 November 2021

Chiara Frugoni berichtet von der Herausforderung durch fünf mittelalterliche Frauen
 

Unterworfen, des Lesens und Schreibens unkundig, geschmäht, Opfer von Missbrauch, gezwungen, arrangierte Ehen zu akzeptieren, als minderwertige Spezies angesehen, mehr oder weniger wie die Tiere. Ohne je ein Mitspracherecht zu haben und mit einer einzigen Möglichkeit, ein würdigeres Leben zu führen: ins Kloster einzutreten, wo sie dann lesen lernen sollten, um besser beten zu können. Was für ein Pech, im Mittelalter als Frau geboren zu werden: das legt Chiara Frugoni, eine international renommierte Historikerin und Wissenschaftlerin, in dem Band Donne medievali – sole, indomite, avventurose (»Mittelalterliche Frauen: einsam, unbeugsam, abenteuerlustig«; Verlag Il Mulino) sehr deutlich dar, einem reich dokumentierten, aber fesselnd wie ein Roman gezeichneten und mit prachtvollen Illustrationen ausgestatteten Epochenfresko. In diesem trostlosen Porträt der Lage der Frauen in den zehn Jahrhunderten vor der Entdeckung Amerikas findet sie gleichwohl fünf Frauen, die über einen  außergewöhnlichen Charakter und großen Mut verfügten, die ihnen ermöglichten, die Fesseln eines dramatischen, strikt vorgezeichneten Schicksals zu sprengen und der Frauenfeindlichkeit der Zeit den Fehdehandschuh hinzuwerfen: Radegunde von Poitiers, Nonne und Königin (513-587); die mächtige Mathilde von Canossa (1046-1115); die Päpstin Johanna, die den Historikern zufolge eine mittelalterliche Legende ist und die im neunten Jahrhundert regiert haben soll; die geniale und fruchtbare Schriftstellerin Christine de Pizan (um 1364 – um 1429), eine Vorkämpferin für die Verteidigung der Frauen gegen Missbrauch und Gewalt; schließlich Margherita Datini (um 1360 – 1423), die unglückliche Ehefrau eines Kaufmanns in Prato, aber so intelligent, dass sie sich als Autodidaktin selbst das Schreiben beibrachte, so dass sie ihrem ständig abwesenden und untreuen Ehemann 150 wunderschöne Briefe schreiben konnte, die ihre Weisheit offenbaren.

Was haben diese fünf zu ihrer Zeit »gegen den Strom« schwimmenden Frauengestalten gemein, Frau Professor Frugoni?

Die Tatsache, dass sie es fertiggebracht haben, ihre Talente völlig autonom, d.h. außerhalb der Ehe, zum Ausdruck zu bringen. Es trifft auf alle fünf Protagonistinnen dieses Buches zu, dass ihre jeweilige Begegnung mit einem Mann alles andere als glücklich war. Sie waren also alleinstehende, mutige und unternehmungslustige Frauen, die ihrer Zeit den Fehdehandschuh hingeworfen haben, um aus dem Schatten zu treten und in einer Epoche der Geschichte, in der es nur Nonnen und Witwen gestattet war, ihre Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen, eine Stimme zu haben. Aber sie waren keineswegs die einzigen: die Geschichte des Mittelalters kennt weitere starke und mutige Frauengestalten.

Warum schien Ihnen Radegunde von Poitiers interessant zu sein?

Weil sie eine außergewöhnliche Königin war, die Gattin Chlotars I., und weil sie, nachdem sie ihren Man verlassen hatte, den Schleier nahm. Ihre Taten wurden von dem Dichter Venantius Fortunatus beschrieben, aber Radegundes wahre Persönlichkeit erhellt aus der Biographie, die eine Nonne namens Baudonivia verfasste: sie beschreibt eine extrovertierte und sensible Frau, die gefühlsbetont war und sich Sorgen machte sowohl über das Schicksal ihres Klosters als auch des Königreiches, das sie durch intensive Friedensarbeit zu verteidigen suchte.

Was hat Sie dazu bewegt, Mathilde von Canossa und die Päpstin Johanna als »mächtig und einsam« zu bezeichnen?

Gräfin Mathilde, die Freundin Papst Gregors VII., war zur Zeit des Investiturstreits eine leidenschaftliche Parteigängerin der Sache der Kirche. 1077, als sie 31 Jahre alt war, wurde sie auf ihrer Burg zur Augenzeugin der historischen Demütigung Heinrichs IV. vor dem Papst. Auch Mathilde, bei der zwei unglückliche Ehen ihre Spuren hinterlassen hatten, brachte ihre Begabungen in völliger Einsamkeit zum Ausdruck, indem sie die Herrschaftsgebiete ihres Geschlechts erheblich erweiterte. Die Legende von der hochkultivierten und intelligenten Päpstin Johanna, einer Persönlichkeit, die es nie gegeben hat und die als Mann verkleidet das päpstliche Amt ausgeübt haben soll, bringt wieder die Frage des Frauenpriestertums aufs Tapet, über das heute diskutiert wird.

War das Mittelalter für die Frauen also die finsterste Epoche?

Ich möchte klarstellen, dass es falsch ist, das Adjektiv »finster« auf jene historische Epoche anzuwenden, die ganze tausend Jahre gedauert hat und der Schauplatz vieler Ereignisse der unterschiedlichsten Art war. Aber eine Tatsache ist gewiss: In den der Neuzeit vorhergehenden Epoche hat sich die Lage der Frau verschlechtert.

Welchen Umständen ist das zuzuschreiben?

Der eine ist mit Sicherheit das von Gregor VII. eingeführte Zölibat der Priester. Die Tatsache, dass die Männer der Kirche nicht heiraten durften, hat dazu geführt, die Frauen als Versucherinnen, als Quellen der Sünden zu betrachten. Angefangen bei Eva, die lange Zeit für die Erbsünde und alle Übel der Menschheit verantwortlich gemacht wurde. Sodann sollte man sich auch in Erinnerung rufen, dass die Feudalgesellschaft auf dem Grundbesitz fußte, der durch arrangierte Eheschließungen geregelt wurde – regelrechte Verträge, in denen die Frauen nur einfache Bauernfiguren auf dem Schachbrett und manchmal Opfer waren. Erst zwischen dem Ende des 11. und dem Anfang des 12. Jahrhunderts änderte die Kirche die rechtliche Natur der Ehe und verwandelte sie in ein Sakrament, das auf der Zustimmung der Brautleute basierte.

Christine de Pizan verteidigte in ihren Werken die gekränkten und missbrauchten Frauen, aber sechs, sieben Jahrhunderte später stehen Frauenmorde und sexuelle Gewalt nach wie vor auf der Tagesordnung. Hat uns die Geschichte denn gar nichts gelehrt?

Leider gibt es nach wie vor noch einen roten Faden, der uns mit dem Mittelalter verbindet. Viele Schritte sind in die richtige Richtung getan worden, den Frauen wird mehr Respekt entgegengebracht als früher, aber die Gleichheit ist noch in weiter Ferne. Wir können dann sagen, dass wir sie erreicht haben, wenn es nicht mehr nötig sein wird, den 8. März zu feiern, einen Gedenktag, der die Frauen feiert, als wären sie eine andere Spezies. Es ist kein Zufall, dass es keinen Tag des Mannes gibt.

Und welche Botschaft können die fünf mittelalterlichen Heldinnen den Mädchen unserer Zeit vermitteln?

Sie können ihnen dabei helfen, über die Vergangenheit nachzusinnen, um sich ihres eigenen Wertes besser bewusst zu werden. Und um sie immer mehr dazu zu bringen, frei und autonom und entschieden zu sein, ihr Leben selbst zu bestimmen.

Sind Ihrer Meinung als Historikerin nach Frauenquoten ein unverzichtbares Instrument zum Abbau der Diskriminierung?

Es wäre schön, wenn es sie nicht gäbe, denn ihr Vorhandensein birgt die Gefahr in sich, dass die Unterlegenheit der Frau noch betont wird. Aber die Frauen haben nicht weniger als die Männer aufzuweisen, sie haben schlichtweg geringere Chancen, sich durchzusetzen, und in diesem historischen Augenblick kann ihnen die Frauenquote  dabei helfen, ihre Fähigkeiten auszudrücken. Aber ich hoffe und wünsche, dass es bald keiner positiven Diskriminierung mehr bedarf, um unter gleichen Wettbewerbsbedingungen ins Rennen zu gehen.

Welches ist der rechte Weg, um den Kampf um Gleichstellung der Geschlechter und Respekt zu gewinnen?

Der rechte Weg ist immer jener der Kultur, der das Bewusstsein mit sich bringt. Wenn man das Niveau der Aufmerksamkeit sinken lässt, wenn es an Informationen mangelt, dann kommt man nicht weiter. Die Frauen müssen lesen, mit gebildeten Personen sprechen, Kenntnis der Vergangenheit haben, um über sich selbst nachzudenken und sich Ziele zu setzen. Charlotte Witton (1896-1975), Bürgermeisterin von Ottawa, hat gesagt: »Was auch immer Frauen tun, sie müssen es doppelt so gut machen wie die Männer, um für halb so gut gehalten zu werden. Zum Glück ist das nicht schwer.« Ich meine, dass auch die Protagonistinnen meines Buches damit einig gewesen wären.

Von Gloria Satta