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Fotografie

In Pose für die Zukunft

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06 November 2021

Die Verwendung der Bilder im Kult und bei der Heiligenverehrung


Im Jahr 2013 wurde ein Dozent der University of Vermont, Steven Hrotic, zum Tagesgespräch, nachdem er an jener US-amerikanischen Universität ein originelles Seminar zum Thema der Beziehung zwischen Religion und Science Fiction organisiert hatte. Tatsächlich stellte er, reichhaltige Biographie an der Hand, Überlegungen darüber an, wie die Science-Fiction-Autoren des 20. Jahrhunderts – von Isaac Asimov in seinem Foundation-Zyklus bis hin zu Frank Herberts Dune (»Der Wüstenplanet)immer wieder die Rolle der Religion in zukünftigen Gesellschaften thematisiert hatten. Die Ergebnisse waren überraschend: In vielen dieser Werke spielten die religiösen Institutionen nämlich eine heilbringende Rolle, indem sie die Entscheidungen der Männer und Frauen der folgenden Jahrhunderte in eine bestimmte Richtung orientierten. Die problematischsten Aspekte betrafen vor allem das bejahrte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Glaube. Wer an dem Thema interessiert ist, kann den auf Englisch veröffentlichten Essay Religion in Science Fiction lesen, den Hrotic 2016 veröffentlicht hat. Wenn man auf Utopien und Dystopien verzichtet, das Feld auf den Katholizismus einengt und sich die Vorschläge des Professors aus Vermont zu eigen macht, könnte man fragen, wie und unter welchen Bedingungen der christliche Glaube im nächsten Jahrhundert gelebt werden wird. Natürlich ist eine gewisse Vorsicht geboten, wenn man vorhersagen will, in welche Richtung die Darstellung des Heiligen, der Heiligkeit und der Seligkeit gehen wird. Vergangenheit und Gegenwart können uns allerdings dabei zu Hilfe kommen, die Zukunft zu verstehen. Dabei kann uns vor allem Santi in posa [»Für die Kamera posierende Heilige«] zu Hilfe kommen, ein aufschlussreicher, beim Viella-Verlag erschienener Band, der den Einsatz der Fotografie bei der Förderung des Heiligenkults und in der Andachtspraxis bis heute untersucht und analysiert. In dem von Tommaso Caliò herausgegebenen Band haben mehrere Fachleute den Einfluss analysiert, den die Bilder bei der Heiligsprechung von Maria Goretti, im Kult um Pater Pio, in den unterschiedlichsten Hagiographien und bei der Darstellung der Päpste des 19. und 20. Jahrhunderts ausgeübt haben. Die »Märtyrerin der Keuschheit« Maria Goretti hat wohl –wie Caliò in der Einleitung des Bandes betont – aller Wahrscheinlichkeit  nach zu Lebzeiten keinerlei Gelegenheit gehabt, vor einem Fotoapparat zu posieren: Das Fehlen eines Gesichts, das man den Gläubigen zeigen konnte, führte zusammen mit der vergeblichen Suche nach einem Porträt dazu, dass in den 1950er-Jahren das Erscheinungsbild ihres Alter Ego im Film adoptiert wurde, jenes der kleinen Protagonistin des Films »Himmel über den Sümpfen«, die Gorettis Mutter und ihrem Mörder zufolge, die zu dieser Zeit ein fester Bestandteil der Werbemaschinerie waren, Maria »sowohl im Gesicht als auch ihrem Wesen nach« ähnelte. Interessant ist auch die Vorgehensweise, die bei Bernadette Soubirous, der Heiligen von Lourdes, angewandt wurde. Regelrechte Modelbooks, auch wenn sie nicht gerne posierte, ebenso wenig wie sie es mochte, dass ihr Bild vermarktet wurde. Ebenfalls in Santi in posa gibt Alessandro di Marco eine aufschlussreiche Episode wieder, die ihre Irritation, ihre Unduldsamkeit in diesem Punkt offenbart. Als ihr während eines Fototermins für das Studio des Fotografen Paul Dufour gesagt wurde, sie solle sich umziehen, »um schöner auszusehen«, antwortete Bernadette: »Wenn Herr Dufour will, dass ich auf dem Foto bin,  dann muss er sich mit meinen Kleidern begnügen, ich werde mir keine einzige zusätzliche Brosche anstecken, um eleganter auszusehen.« Wenn wir uns in die mehr oder weniger nahe Zukunft versetzen, dann ist in einer flüssigen Gesellschaft wie der unseren, in einem Zeitalter, das so sehr von der Reproduzierbarkeit und dem Austausch von Bildern geprägt ist, das große Fragezeichen untrennbar mit der Rolle verbunden, die die Technologie bei diesem Prozess der Darstellung und Selbstdarstellung von Heiligkeit und Seligkeit spielen wird. Pasquale Palmieri, Historiker an der Universität Neapel, der diesen Fragen seit jeher große Aufmerksamkeit gewidmet hat, ist in diesem Punkt skeptisch. »Ich glaube nicht an den technologischen Determinismus«, so erklärt er »Frauen – Kirche – Welt« gegenüber. »Die Möglichkeit zu haben, Plattformen, Werkzeuge und Geräte zu nutzen, heißt nicht, dass diese auch effektiv genutzt werden. So stehen beispielsweise hinter den sozialen Netzwerken reale Menschen, die Bedürfnisse, Ängste, Wünsche, Hoffnungen und Befürchtungen haben, die mit dem Alltag und mit dem Übernatürlichen zusammenhängen.« Palmieri, bereits Verfasser des wertvollen Werks La santa, i miracoli e la rivoluzione. Una storia di politica e devozione (»Die Heilige, die Wunder und die Revolution. Eine Geschichte der Politik und der Frömmigkeit«) über Teresa Margareta Redi, eine junge Karmelitin, die 1770 im Alter von nur 22 Jahren in Florenz starb, ist in diesem Punkt sehr klar: »Religiöse Kommunikation ist seit jeher eine Vermittlung zwischen Vorgaben und Befehlen von oben und Impulsen und Antrieben von unten. Die sozialen Netzwerke befriedigen heute ein starkes Bedürfnis der Gläubigen nach Teilhabe und einem zunehmend interaktiven Austausch von Heiligkeit. Diejenigen, die glauben, fühlen sich als Protagonisten einer frommen Praxis. Bei der Hingabe gibt es allerdings auch einen konkreten, mit Händen greifbaren Aspekt, der immer berücksichtigt werden muss.« Die Kommunikationsströme finden stets neue Wege. Man denke etwa an ein ganz aktuelles Verlagsprojekt, das für ein paar Euro handbemalte Skulpturen von Heiligen und Seligen in die Zeitschriftenkioske bringt: Von Franziskus bis zur heiligen Rita, dazwischen die heilige Klara, der heilige Rochus, die heilige Anna und der heilige Nikolaus von Bari. Aber es reicht schon, einfach WhatsApp zu öffnen, die Statusmeldungen und Chats zu kontrollieren und zu überprüfen, wie Bilder von Pater Pio, der Muttergottes oder Jesus Christus manipuliert werden. Das sind Beispiele, die dazu führen, über zwei Aspekte nachzudenken: einerseits die Konkretheit, die Greifbarkeit und den statischen Charakter der Figuren der Heiligen und der Seligen, die auch in schnellen und provisorischen Zeiten wie der unseren nie versagt; andererseits die Schnelligkeit und Leichtigkeit der Produktion, der Reproduktion und der Weitergabe von Bildern von einem Gerät zum anderen.

Von Alessandro Buttitta
Lehrer und Schriftsteller, Verfasser von »Consigli di classe« Klassenkonferenzen«] und »L’isola di Charonte« [»Charons Insel«], beides veröffentlicht im Laurana-Verlag.