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Die »Breviloquia« von Papst Franziskus

Twittern in der Sprache Ciceros

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15 Oktober 2021

Ein innovativer Versuch von Flexibilität, bei dem die Amtssprache im Mittelpunkt steht. Konstruktiv, mit Blick auf Gegenwart und Zukunft


Nach Eroberungen und Zersplitterungen, nach der Erfahrung der dunk­len Labyrinthe des Mittelalters, nach der Übersetzung des Bedürfnisses nach Prägnanz und Vieldeutigkeit des christlichen Gebets, nach der Auseinandersetzung mit den komplexen Abstraktionen der Scholastik, nach dem Übergang der kulturellen Kommunikation hin zur Presse, nach dem Aufbau der Vision des Humanismus, nach der Herausforderung der neuen Entwicklungen der poetischen und philosophischen Vernunft in der Neuzeit, nach dem Dialog mit Vorurteilen und Abneigungen aller Art, die zumeist aus der Notwendigkeit einer Erneuerung des Unterrichts resultieren, ist das Latein immer noch da: plastisch, verformbar, widerstandsfähig, aber weich, »makkaronisch«, aber ewiges und unbestreitbares Symbol von Eleganz. Ein sprachlicher Graphit. Eine Haute Couture, die sich heute mit den Jeans auseinandersetzen und einen neuen Schritt tun muss: den der sozialen Kommunikation. Papst Franziskus gebührt das Verdienst auch dieser Erneuerung: Er hat auf Twitter nicht auf das Lateinische verzichtet, aber als Mittel und nicht als Zweck, um es selbst erneut auf die Probe zu stellen und mit seinem Reichtum die jüngeren Kommunikationsformen und die Inhalte der Neuevangelisierung zu beleben, die in der jüngsten Vergangenheit vielleicht zu optimis­tisch schon als selbstverständlich angesehen wurden.

Das Büroteam der Lateinabteilung des Staatssekretariats wurde mit der schwierigen Aufgabe betraut, die Botschaften, die fast täglich das lentum molimen der Reformarbeit des Heiligen Vaters begleiten, in diese »280 Zeichen, einschließlich Leerzeichen« zu übersetzen. Der Heilige Vater hat bei der Aktualisierung der kirchlichen (und theologischen) Sprache zweifellos große Schritte gemacht, wobei er neuen Themen wie der Ökologie und den Menschenrechten besondere Aufmerksamkeit schenkt und einen aufmerksamen Blick auf die aktuellen Ereignisse und folglich auch auf die neuen Technologien und die Informationstechnologie richtet. Die Früchte dieser Arbeit sind im zweiten Band der Breviloquia Papae Francisci enthalten, der von der Vatikanischen Verlagsbuchhandlung herausgegeben wird und in einer zweisprachigen italienischen und lateinischen Version die in den Jahren 2018-2019 veröffentlichten Tweets von Papst Franziskus sammelt.

Wer mit Lehre und Unterricht zu tun hat, kennt die Bedeutung eines Spruchs, der auf Platons Phaedrus zurückgeht: Wenn ich Hänschen Latein beibringen soll, reicht es nicht, sehr gut Latein zu können, sondern ich muss Hänschen kennen. Um wirksam zu sein, muss die Kommunikation also den Empfänger berücksichtigen. Die Erfahrung mit der lateinischen Sprache in der Welt der sozialen Netzwerke lehrt uns außerdem, dass auch das Instrument der Kommunikationsvermittlung unumgänglich ist und dass die Sprache in der Tat von ihr geprägt werden sollte. Die Wirkung betrifft nicht nur die Kürze, mit der die christliche Latinitas bereits eine lange und solide Erfahrung hat, zum Beispiel bei der Phrasenbildung der Gebete des römischen Ritus. Sie betrifft mindestens zwei weitere Aspekte der Linguistik.

Die erste ist die Ausweitung von Wörtern über die Grenzen ihrer eigentlichen, aus der Tradition übernommenen Bedeutung hinaus. Dieses Phänomen ist in der Rhetorik als »catacrisis« bekannt und hat sich bereits in der zweitausendjährigen lateinischen Sprache niedergeschlagen, vor allem in Phasen großer kultureller Veränderungen: vielleicht das markanteste Beispiele ist das Wort Missa zur Definition der »Messe«, ausgehend von dem Verb, das im Entlassungsruf des Gottesdienstes Ite, missa est vorkommt. So finden wir in den lateinischen Tweets ambĭtus, ursprünglich verwendet, um eine »Wendung«, eine »Umlaufbahn«, eine »Umarmung« oder sogar einen »Schwindel«, eine »Intrige« zu definieren, jetzt angepasst an den Begriff »Umwelt«; oder propensio, um nicht eine Willensabsicht, sondern die modernere Idee der »Verfügbarkeit« auszudrücken.

Die von Franziskus oft erwähnte »Zärtlichkeit« erweist sich als ein Begriff, der der lateinischen Terminologie eher fremd ist, die seine Verwendung darauf beschränkt, entweder den weichen Zustand der Materie oder die »Zutraulichkeit« mit Worten wie teneritas und blandus amor oder caritas zu bezeichnen. Keiner von ihnen ist jedoch geeignet, die Haltung zu definieren, die in den Beziehungen mit der Praxis eines Glaubens einhergehen sollte, der als Kraft zur Veränderung der Verhältnisse assimiliert und gelebt wird, wofür die virgilische pietas, die patristische miseratio oder die poetischere lenitas vorzuziehen ist. In gleicher Weise wird der Begriff »Horizont«, der heute sehr in Mode ist, um nicht den optischen Bezug, sondern im weiteren Sinne die »Breite« von Perspektiven zu bezeichnen, die sich dem menschlichen Geist im Laufe der Entwicklung einer Situation eröffnen, mit prospectus übersetzt, was in der klassischeren Bedeutung die »Ansicht« bezeichnet, aber in der Phonetik der modernen Sprachen an die Idee der »Perspektive« erinnert, die dem Begriff »Horizont« zugrunde liegt. Auch die Fälle von Wörtern, die italienische, aus dem Lateinischen stammende, aber inzwischen veraltete Begriffe entstauben, sind nicht selten, wie zum Beispiel »plúteo«, plutĕus, das Bücherregal, ein Wort, das noch heute zur Bezeichnung der Regale der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz verwendet wird.

Abgesehen von einigen Zugeständnissen wie dem tegmentum enatantibus servandis, was übersetzt so viel wie »Schwimmweste« der Migranten bedeutet, ist diese Kommunikationsgattung, die aufgrund des begrenzten Raums in der Regel alle Umschreibungen und Gedankengänge verbietet, unweigerlich durch den horror prolixi gekennzeichnet. Daher prägt das lateinische breviloquens oft Neologismen, die nicht zur klassischen lexikologischen Tradition gehören: solidarietas und solidalis, globalizatio oder individualismus erscheinen als Latinisierungen von Wörtern, die sich auf eine homogene Matrix in verschiedenen modernen Sprachen zurückführen lassen, wie auch sphaera ozonii, die »Ozonschicht«, oder reciprocitas, um den heutigen Rechtsgrund in Bezug auf den Genuss der Bürgerrechte zwischen Bürgern verschiedener Länder im Rahmen von Abkommen über die Migrationspolitik zu definieren.

Das Interesse dieses Buches für Insider und Lateinwissenschaftler steht außer Frage. Aber: licet nobis dare consilium? Ein todsicherer Weg, jungen Menschen das Lesen abzugewöhnen, besteht darin, ein Buch als Lektion und Alternative zur Technologie zu präsentieren. Schenken Sie den Jugendlichen dieses Buch stattdessen als eine Möglichkeit, Zeit miteinander zu verbringen, laden Sie dazu ein, es mit Großeltern, Onkeln und Tanten, Eltern, Freunden zu lesen und dabei über eine alte oder neue Erinnerung aus Schule und Leben zu lachen, sich mit einem Schmunzeln zu erinnern, vielleicht an Ihre Großmutter, die das

Gebet falsch aussprach und es mit dem Dialekt verwechselte, an die schlechte Note in einer Klassenarbeit und an die außerordentliche pädagogische Wirkung, die aus einem scheinbaren Misserfolg erwächst, und der Tatsache nachzuspüren, dass man, wenn man heute in einem echten Humanismus gebildet wird, sich darin übt, die dignitas laboris einzufordern, sich um das bonum terrae domus nostrae communis zu kümmern, einen progressus zu konzipieren, der, um »nachhaltig« zu sein, sapiens sein muss, und zu verstehen, dass hinter einem reiectus auch multa mala incumbentia stehen.

Von Roberto Fusco