· Vatikanstadt ·

Audienz für die Mitglieder der Stiftung »Centesimus Annus Pro Pontifice«

Solidarität, Zusammenarbeit und Verantwortung

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05 November 2021

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Ich freue mich, im Kontext eures Internationalen Kongresses mit euch zusammenzutreffen. Danke, Frau Präsidentin, für Ihre freundlichen Worte – und klaren Worte, wie Sie dies immer tun, Ihre klaren Worte. In diesen Tagen setzt ihr euch mit großen, wesentlichen Themen auseinander: Solidarität, Zusammenarbeit und Verantwortung als Gegenmittel gegen Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Ausgrenzung.

Es sind wichtige Reflexionen in einer Zeit, in der Unsicherheiten und Prekaritäten, die das Leben so vieler Menschen und Gemeinschaften prägen, noch verschlimmert werden durch ein Wirtschaftssystem, das im Namen des Götzen Geld weiterhin Menschenleben aussondert, Gier nach den Ressourcen der Erde weckt und so viele Formen der Ungerechtigkeit begünstigt. Demgegenüber dürfen wir nicht gleichgültig bleiben. Aber die Antwort auf Unrecht und Ausbeutung ist nicht nur die Anprangerung. Es ist vor allem die aktive Förderung des Guten: das Schlechte anprangern, aber auch das Gute fördern. Und daher bringe ich euch meine Dankbarkeit zum Ausdruck: für die von euch insbesondere im Erziehungs- und Ausbildungssektor durchgeführten Aktivitäten, vor allem für den Einsatz bei der Finanzierung von Studium und Forschung für Jugendliche über neue wirtschaftliche und soziale Entwicklungsmodelle, die von der Soziallehre der Kirche inspiriert sind. Es ist wichtig, das brauchen wir: Auf dem vergifteten Ter-rain der Vorherrschaft der Finanz brauchen wir viele kleine Samen, damit sich eine gerechte, wohltuende Wirtschaft entwickeln kann – nach dem Maßstab des Menschen und des Menschen würdig. Wir brauchen Möglichkeiten, die Realität werden, Realitäten, die Hoffnung schenken. Das bedeutet, die Soziallehre der Kirche in die Praxis umzusetzen.

Ich greife den Ausdruck »Vorherrschaft der Finanz« auf. Vor vier Jahren stattete mir eine bekannte Ökonomin einen Besuch ab, die auch in der Regierung arbeitete. Und sie sagte mir, dass sie sich um einen Dialog zwischen Wirtschaft, Humanismus und Glaube, Religion, bemüht hatte und dass dies erfolgreich war. Es ist ein Dialog, der erfolgreich war und weiterhin erfolgreich ist, in einem Gesprächskreis. Ich habe versucht, so sagte sie mir, dasselbe mit der Finanz, dem Humanismus und der Religion zu tun, aber wir konnten nicht einmal anfangen. Interessant. Das macht mich nachdenklich. Diese Frau gab mir das Gefühl, dass die Finanz etwas Unzugängliches war, etwas »Flüssiges«, »Gasförmiges«, das so endet wie das Schneeball-system… Ich erzähle euch von dieser Erfahrung, vielleicht kann es euch helfen.

Gerade die drei von euch gewählten Worte – Solidarität, Zusammenarbeit und Verantwortung – stehen für drei Säulen der Soziallehre der Kirche, die den Menschen als von Natur aus offen für Beziehung versteht, als Höhepunkt der Schöpfung und Mittelpunkt der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ordnung. Mit diesem Blick, aufmerksam für den Menschen und sensibel für die konkreten historischen Dynamiken, trägt die Soziallehre zu einer Sichtweise der Welt bei, die sich der individualistischen Sicht widersetzt, insofern sie auf die zwischenmenschliche Verbundenheit gegründet ist und das Gemeinwohl zum Ziel hat. Zugleich widersetzt sie sich der kollektivistischen Sicht, die heute in einer neuen Version zutage tritt, versteckt in den Projekten technokratischer Gleichschaltung. Aber es handelt sich nicht um eine »politische Angelegenheit«: Die Soziallehre ist im Wort Gottes verankert, um ausgehend vom Glauben an den menschgewordenen Gott die Prozesse menschlicher Förderung zu lenken. Daher muss man sie beherzigen, sie lieben und weiterentwickeln: Begeistern wir uns erneut für die Soziallehre, machen wir sie bekannt, denn sie ist ein Schatz der kirchlichen Tradition! Gerade durch ihr Studium habt auch ihr euch aufgefordert gefühlt, gegen die Ungleichheiten zu kämpfen, die besonderes die Schwächsten verletzen, und euch für eine reale, effektive Geschwis-terlichkeit einzusetzen.

Solidarität, Zusammenarbeit, Verantwortung: Drei Worte, die in diesen Tagen die Angelpunkte eurer Überlegungen sind und die auf das Geheimnis Gottes verweisen, der Dreifaltigkeit ist. Gott ist Gemeinschaft von Personen und das führt uns dazu, uns durch die großherzige Offenheit gegenüber den anderen (Solidarität), durch die Kooperation mit den andern (Zusammenarbeit) und durch den Einsatz für die anderen (Verantwortung) zu verwirklichen – und dies in jeder Form des sozialen Lebens zu tun, durch die Beziehungen, die Arbeit, den gesellschaftlichen Einsatz, das Verhältnis zur Schöpfung, die Politik: In jedem Bereich sind wir heute mehr denn je aufgefordert, Zeugnis zu geben von der Aufmerksamkeit für die anderen, aus uns selbst hinauszugehen, uns unentgeltlich einzusetzen für den Fortschritt einer gerechteren und faireren Gesellschaft, in der weder Egoismus noch Sonderinteressen die Vorherrschaft haben. Und zugleich sind wir aufgerufen, über die Achtung des Menschen, über seine Freiheit, den Schutz seiner unverletzlichen Würde zu wachen. Das ist die Mission der Umsetzung der kirchlichen Soziallehre.

Liebe Freunde, wenn man diese Werte und diesen Lebensstil unterstützt, muss man oft gegen den Strom schwimmen, das wissen wir, aber erinnern wir uns immer daran, dass wir nicht allein sind. Gott ist uns nahegekommen. Nicht mit Worten, sondern mit seiner Gegenwart: In Jesus ist Gott Fleisch geworden. Und mit Jesus, der unser Bruder geworden ist, erkennen wir in jedem Mann einen Bruder, in jeder Frau eine Schwester. Beseelt von dieser universalen Verbundenheit können wir als gläubige Gemeinschaft ohne Angst zum Wohl aller mit allen zusammenarbeiten: ohne Abkapselung, ohne ausgrenzende Sichtweisen, ohne Vorurteile. Als Christen sind wir zu einer Liebe ohne Grenzen und Einschränkungen berufen, Zeichen und Zeugnis dafür, dass man über die Mauern der Egoismen sowie der individuellen und nationalen Eigeninteressen hinausgehen kann; über die Macht des Geldes, das häufig die Angelegenheiten der Völker bestimmt; über die Barrieren der Ideologien, die spalten und den Hass verstärken; über alle historischen und kulturellen Schranken und vor allem über jegliche Gleichgültigkeit hinaus, jene Kultur der Gleichgültigkeit, die leider alltäglich ist. Wir können alle Geschwister sein (Fratelli tutti) und deshalb können und müssen wir als Brüder und Schwestern aller denken und handeln. Das mag manchen eine nicht realisierbare Utopie zu sein scheinen. Wir ziehen es dagegen vor zu glauben, dass es ein erfüllbarer Traum ist, weil es der Traum des einen und dreifaltigen Gottes ist. Mit seiner Hilfe ist es ein Traum, dessen Verwirklichung auch in dieser Welt beginnen kann.

Und daher ist die Schaffung einer solidarischeren, gerechteren und faireren Welt eine große Aufgabe. Für einen Gläubigen handelt es sich nicht um etwas Praktisches, das von der Lehre getrennt ist, sondern es bedeutet, dem Glauben zum Lob Gottes, der die Menschen liebt, der das Leben liebt, Gestalt zu verleihen. Ja, liebe Brüder und Schwestern, das Gute, das ihr jedem Menschen auf der Erde tut, erfreut das Herz Gottes im Himmel. Setzt euren Weg mutig fort! Ich begleite euch mit dem Gebet und segne euch und euren Einsatz. Und bitte, vergesst nicht, für mich zu beten. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 23.10.2021)